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Umgang mit neuen Nachbarn ist normal

Ein Jahr Camp Cappel Umgang mit neuen Nachbarn ist normal

Exakt vor einem Jahr trafen die ersten Flüchtlinge in einem Zeltlager an der Umgehungsstraße in Cappel ein. Nach 12 Monaten ist es Zeit, Bilanz zu ziehen.

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Der 25-jährige Fuat aus Eritrea sitzt im September 2015 auf seinem Feldbett im Flüchtlingscamp Cappel. „Menschenunwürdig“ nannte damals der amtierende Oberbürgermeister Egon Vaupel die Unterbringung der Menschen.

Quelle: Nadine Weigel (Archiv)

Marburg. Es ist der 13. Juli 2015. Gegen 9 Uhr treffen die ersten 100 Flüchtlinge aus der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen in dem provisorischen Zeltlager an der Umgehungsstraße ein. Bis zum Abend sind es 300, Ende des Monats etwa 500, die hier untergebracht werden. Hintergrund: Die dramatisch angestiegenen Flüchtlingszahlen, die im gesamten Land dazu führen, dass die Erstaufnahmeeinrichtungen der Länder - wie die Hessische in Gießen - erst stark anschwellen und dann hoffnungslos überlastet sind. Insgesamt 40 Außenstellen gründet das Land, seit Frühjahr 2015 gibt es eine in Neustadt, nun wird in Marburg die zweite eröffnet.

Der damalige Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) hat in öffentlichen Auftritten unermüdlich die Aufnahme von Flüchtlingen als „Menschenpflicht“ bezeichnet. Noch heute erzählt Vaupel die Geschichte aus seiner Jugend, in der beim Abendessen immer ein zusätzliches Gedeck auf dem Tisch stand - für den Fall, dass jemand, der Hilfe benötigt, hereinschneit. „Das ist für mich Maßschnur meines Handelns“, sagt Vaupel noch heute.

Vielleicht auch deswegen treffen die Flüchtlinge in Marburg auf eine Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung, die ihresgleichen sucht. Hunderte von Hilfsangeboten trudeln bei der Stadt ein, von Menschen, die bei Deutschkursen helfen wollen, bei der Essensausgabe, in der neu eingerichteten Kleiderkammer. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Zeltlager errichtet die Stadt - ein Glücksfall - eine Anlaufstelle in der Straße „Im Rudert“, die eine Ärztegenossenschaft kostenlos zur Verfügung stellt. Zu einem Koordinierungstreffen mit allen, die ehrenamtlich mitarbeiten wollen, kommen zehn Tage nach Eröffnung des Camps so viele Menschen in das Cappeler Bürgerhaus, dass dieses hoffnungslos überfüllt ist.

Ex-OB Egon Vaupel: "Wir können das"

„Am Anfang waren wir unsicher“, sagt Vaupel heute, „ob wir alles leisten können, um eine Willkommenskultur für die neuen Mitbürger zu schaffen.“ Nach der Bürgerversammlung aber war dem damaligen OB klar, „wir können das.“ Öffentliche Anfeindungen gegen die neu Angekommenen gab es kaum, wohl aber ein latentes Unwohlsein und jede Menge Fragen der Anwohner. Von Haus zu Haus sei er mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung gelaufen, um in Cappel zu informieren. Klagen der Anwohner über nächtlichen Lärm oder Belästigungen durch die Lichtstrahler, mit denen das Camp bis heute nachts angestrahlt wird, gibt es noch heute gelegentlich. Die Probleme, die existieren, versucht die Stadt unkompliziert zu lösen.

Dabei, so stellt Vaupels Nachfolger als Oberbürgermeister, Dr. Thomas Spies (SPD), klar, ist die Erstaufnahmeeinrichtung eine Einrichtung des Landes, das für die Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge zuständig ist. Alle Hilfsangebote in Marburg kommen sozusagen „obendrauf“, sind das Ergebnis einer überaus aktiven Bürgerschaft, die ihre Solidarität mit den Geflüchteten ausdrücken will. Die Stadt unterstützt diese Hilfsbereitschaft durch eine hauptamtliche Koordinierung. Das Modell findet in anderen Städten so viel Interesse, dass die Stadt eine „Handreichung für die Flüchtlingsarbeit“ für andere Verwaltungen herausgibt.

Dabei ist längst nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen im Verhältnis zwischen Stadt und Landesbehörden. Noch heute betont zwar Vaupel bei jeder Gelegenheit die Verdienste des früheren Regierungspräsidenten Dr. Lars Witteck für die Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge.

Ein Ersatz für den Bolzplatz an der Umgehungsstraße, an der jetzt die Erstaufnahmeeinrichtung steht, ist nach einem Jahr noch immer nicht gefunden. Der Stadtteil und die Stadt warten noch immer auf eine konkrete Finanzierungszusage des Landes für den Bau eines Kunstrasenplatzes auf dem Sportgelände „Am Köppel“.

"Dem Regierungspräsidium ein Dorn im Auge"

Als ein kluger Schachzug stellte sich heraus, dass das Stadtparlament auf Vorschlag Vaupels Ombudsleute für die Flüchtlinge benennt: Karl-Otto Beckmann und Shaima Ghafury sehen sich als Mittler zwischen den Interessen der Flüchtlinge im Camp und der Campleitung.

Das funktioniert bei Weitem nicht spannungsfrei, wie Beckmann heute sagt, „wir waren dem Regierungspräsidium ein Dorn im Auge, weil wir ihnen auf die Finger geschaut haben.“

Hintergrund der Beckmann‘schen Einlassung: Auseinandersetzung um den Betreiber der Einrichtung, der European Homecare, deren Umgang mit den Flüchtlingen umstritten war.

Aber: Die ständige Präsenz eines Arztes im Camp, das Bekanntmachen der ehrenamtlichen Angebote im Camp, das alles verbucht Beckmann als Erfolge seiner Arbeit und der seiner Kollegin.

Vor allem aber ging es und geht es um schnelle Hilfe bei Einzelfällen: Von der Inobhutnahme eine Kindes durch das Jugendamt, weil der traumatisierte Vater nicht mehr berechenbar handelte, bis zur Einrichtung eines Wohnheims für alleinerziehende Mütter auf dem Gelände der Vitos-Klinik. Inzwischen läuft die Zusammenarbeit mit Betreiber und RP „relativ konfliktfrei“, sagt Beckmann.

Was vor zwölf Monaten gedacht war als ein Provisorium, das nur wenige Monate bestehen sollte, wurde zur Dauereinrichtung. Schnell wurde klar, dass der Flüchtlingsstrom nicht abreißen würde. Auf Initiative und auf Druck von Vaupel wurden auf dem Gelände feststehende Holzhäuser gebaut, die Arbeiten am Wohnumfeld werden erst in diesen Wochen beendet.

Die Anlaufstelle ist inzwischen nach Gisselberg umgezogen, hier befindet sich auch die Kleiderkammer, die längst auch von anderen Menschen genutzt wird.

Integration "nach Gisselberg hinein"

Ehrenamtliche Angebote, die es noch immer gibt, werden von hier aus organisiert und koordiniert, der Spielplatz, der von der Marburger Alea GmbH aus Anlass ihres 20-jährigen Bestehens nebenan gebaut wurde, ermöglicht, so formuliert es OB Spies, eine Integration der Flüchtlinge „nach Gisselberg hinein.“

Inzwischen sind es noch knapp 200 Menschen, die im Camp Cappel wohnen. Der Umgang mit ihnen ist heute Alltag, aus den vielfach spontanen, improvisierten, gelegentlich auch hemdsärmeligen Lösungen ist heute ein abgestimmtes Verwaltungshandeln geworden.

Und die Herausforderungen sind andere: Inzwischen leben in Marburg fast 800 zugewiesenen Flüchtlinge. Sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen einen ordentlichen Deutschunterricht zu ermöglichen, ist Hauptziel der Stadt, sagt OB Spies.

Von der Ausländerbehörde über die Asylbetreuung, das Wohnungsamt, das Ordnungsamt bis hin zum Gleichstellungsreferat sind inzwischen mehr als 50 städtische Mitarbeiter mit Flüchtlingsarbeit in der ein oder anderen Form befasst. „Es geht auch um Investition in Potenziale“, sagt Spies.

Flüchtlinge werden da, wo es geht, dezentral untergebracht. Einrichtungen wie in der Mauerstraße, wo knapp 80 Flüchtlinge leben, sollen die Ausnahme bleiben.

Wobei auch dem Oberbürgermeister klar ist: „Nicht alle neu Hinzugekommenen werden in der ersten Generation die besten Chancen in der Gesellschaft haben. Sie müssen erst einmal bei uns ankommen.“

von Till Conrad

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