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"Umfragen sind Momentaufnahmen"

Expertesicht zu US-Wahlkampf "Umfragen sind Momentaufnahmen"

Für Professor Hubert Zimmermann ist die Rechnung einfach: Wenn es Hillary Clinton gelingt, die Gruppe der Nichtwähler möglichst klein zu halten, ist sie die nächste US-Präsidentin.

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Professor Hubert Zimmermann lehrt seit 2008 Politikwissenschaften in Marburg.Foto: Carsten Beckmann

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Aus einem einzigen Grund unterscheide sich der aktuelle Präsidentschafts-Wahlkampf von allen anderen in der US-amerikanischen Geschichte, sagt der Marburger Politikwissenschaftler Professor Hubert Zimmermann: „Bisher konnte man immer sagen: Egal, wer gewinnt, die Welt geht davon nicht unter.“ Donald Trump im Weißen Haus, das wäre durchaus ein Weltuntergang, glaubt Zimmermann - nicht so sehr wegen seiner Positionen, sondern „wegen seiner Dummheit“.

Aus der Beobachtung der vergangenen Wochen zieht der 52-Jährige, der seit 2008 an der Philipps-Universität forscht und lehrt, das Fazit: „Man hat in den meisten Debatten sehen können, dass Trump von den meisten Dingen keine Ahnung hat.“ Extrem impulsiv sei der Republikaner, mit einer fast ausschließlich persönlichen Agenda, die auf die Besorgnisse der weißen, männlichen Wählerschaft abziele.

Eine Pragmatikerin

Warum ausgerechnet ein Kandidat mit einem derartigen Persönlichkeitsprofil zum Herausforderer Hillary Clintons werden konnte, erklärt Zimmermann damit, dass sich Trumps Konkurrenz gegenseitig neutralisiert habe. Die weiße Mittelschicht der Vereinigten Staaten, jene Amerikaner also, die sich durch den noch amtierenden Präsidenten Barack Obama ebenso bedroht fühlen wie durch eine Hillary Clinton, verbinden mit Donald Trump die diffuse Hoffnung, irgendetwas werde sich mit seiner Präsidentschaft verändern, erklärt der Marburger Politologe die Wirkung des Populisten Trump auf seine Anhänger.

Ebnet ihm die demokratische Kandidatin durch ihr Auftreten sogar noch ein wenig den Weg? „Bei Hillary Clinton sehe ich nicht viel Ideologie oder Überzeugung - das einzig wirklich Neue an ihr ist: Sie ist eine Frau.“ Zimmermann hält Clinton für eine ausgesprochene Pragmatikerin und scheut in diesem Zusammenhang auch den Vergleich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht.

Im Vergleich zu Barack Obama würde sie als Präsidentin „außenpolitisch entschiedener“ auftreten, sich etwa stärker in Nahost-Fragen positionieren und auf die Stärke des transatlantischen Bündnisses setzen. „Da dürfte es keine großen Brüche zur Vorgänger-Regierung geben.“ Zöge Trump dagegen ins Oval Office ein, wäre dies ein „harter Schlag für die europäisch-amerikanischen Beziehungen“, befürchtet der Wissenschaftler: „Trump hat eine positive Meinung von Putin, Leute wie der Ungar Orban wären vielleicht begeistert von ihm, aber ich weiß nicht, ob er mit seinen Sprüchen bei Merkel oder Theresa May gut ankäme.“

Florida ist entscheidend

Aktuelle Umfragen, nach denen Donald Trump sich für den Wahltag am 8. November doch gute Chancen ausrechnen kann, betrachtet Zimmermann mit Argwohn. „Das sind Momentaufnahmen, glaubwürdig sind Statistiken wie ,­fivethirtyeight.com‘ über die Summe aller Umfragen, aus der sich dann ein Mittelwert errechnen ließe. In den verbleibenden Tagen vor der Wahl sei die Hauptaufgabe beider Kandidaten die Wähler-Mobilisierung. „Trump hat die Gebildeten, die hispanische Bevölkerung, die Frauen und die Schwarzen als Wählergruppen verloren - wenn all diese Leute wählen gehen, dürfte Clinton das Rennen machen“, glaubt Zimmermann, der prognostiziert, dass viele republikanische Stammwähler zuhause bleiben werden.

Allerdings bescheinigt der Politikexperte auch der demokratischen Kampagne Mobilisierungsprobleme. Entscheiden werde sich die Wahl unter anderem in Florida: „Wenn Trump dort nicht vorn liegt, hat er keine Chance.“ Ohio, Pennsylvania, Nevada, North Carolina, Colorado und Wisconsin seien weitere Kampfzonen, in denen sich entscheidet, ob Hillary Clinton oder doch Donald Trump die Nachfolge Barack Obamas antreten wird.

von Carsten Beckmann

 
Zur Person
Professor Hubert Zimmermann studierte in München Politikwissenschaften und promovierte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Von 2003 bis 2008 lehrte er an der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York. Seitdem arbeitet er an der Philipps-Universität. Neben der politischen Situation in den USA sind Zimmermanns Arbeitsschwerpunkte europäische Währungspolitik, internationale Sicherheit sowie deutsche Außenpolitik.

 

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Von Redakteur Carsten Beckmann

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