Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Überstunden und schwierige Einsätze

Polizisten in Hessen Überstunden und schwierige Einsätze

Es ist kein Geheimnis: Hessens Polizisten haben 2016 Überstunde um Überstunde geschoben, im Ganzen wohl mehr als drei Millionen. Die Polizei-Gewerkschaft sieht das Limit nicht nur als erreicht, sondern längst als überschritten an.

Voriger Artikel
Viereinhalb Jahre Haft für Einbrecher
Nächster Artikel
Aus Liebe zu Marburg

Dieser Einsatzwagen der Polizei wurde 2015 von Demonstranten in Frankfurt in Brand gesteckt. 
Ein Sinnbild dafür, dass Polizisten zunehmend mit schwierigen und auch gefährlichen Einsätzen konfrontiert werden. Die Gewerkschaft der Polizei mahnt mehr Personal an.

Quelle: Arne Dedert

Marburg. Andreas Grün, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei in Hessen, sprach in dieser Woche öffentlich über „mangelnde Wertschätzung und erhebliche Überlastungen der Polizisten“, die dazu führe, dass sich die Polizisten von der Politik in Stich gelassen fühlten. Der Frust steige merklich.

Harald Zwick, Vorsitzender der Bezirksgruppe Mittelhessen der Gewerkschaft der Polizei, bestätigt dies auch für den Bereich des Polizeipräsidiums Mittelhessen, zu dem auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf gehört. „Trotz einer offensiven Auszahlung von Mehrarbeitsstunden im vergangenen Kalenderjahr sind nach wie vor mehr als drei Millionen Überstunden im Polizeibereich ein Beleg für die permanente Überlastung“, sagt Zwick. Die Personalstärke 
einzelner Dienststellen sei in der Vergangenheit um mehr als 25 Prozent geschrumpft. Und für 2017 sieht er keine Entspannung.

Zwick dazu: „Auch zum Versetzungstermin 1. Februar können zum wiederholten Male nicht alle beim Polizeipräsidium Mittelhessen durch Pensionierungen oder Wegversetzungen frei gewordenen Stellen 
besetzt werden. Hierdurch fehlen mittlerweile mehr als zehn Kolleginnen und Kollegen.“ Es sei nicht verwunderlich, dass das Polizeipräsidium Mittelhessen mit 36,4 Krankheitstagen bereits im Kalenderjahr 2015 einen landesweiten Spitzenplatz belege. Nun berichtet er von einem Polizisten, der ganz konkret seinen Arbeitsalltag aufgeschrieben und der Hessischen Landesregierung zur Kenntnis geschickt hat.

Polizei als Politikum

Dieser Briefeschreiber ist seit 16 Jahren Polizeibeamter. Er berichtet zum Beispiel davon, dass 2015 und 2016 die Betreuung von Asylunterkünften sehr viel Zeit in Anspruch genommen habe. Und zwar so viel, dass keine Zeit mehr für obligatorische Aufgaben wie Verkehrskontrollen oder das einfache Streifefahren vorhanden war. Er berichtet von brenzligen Situationen, bei denen die Besatzung von einem oder zwei Funkwagen 40 bis 50 Personen gegenüberstand, die sich aggressiv verhielten. Und als sei das noch nicht genug, gab es noch vermehrte Nachtein­
sätze, etwa Begleitungsfahrten von Schwertransporten oder Fahrten zum Flughafen Kassel-
Calden, um dort abgelehnte Asylbewerber hinzubringen.

Längst ist die Situation der Polizisten zu einem Politikum in Hessen geworden. Die Gewerkschaft erhält mit ihrer 
Forderung nach Entlastung 
Unterstützung von der SPD. Die schwarz-grüne Regierung machte mehrfach deutlich, von einem Polizistenfrust nichts zu bemerken, und verwies darauf, bis 2020 mehr als 1000 neue Stellen für Polizisten zu schaffen. Zudem wurden 15 Millionen Euro für die Auszahlung von Überstunden eingeplant.

Die SPD-Abgeordnete Angelika Löber hatte im September 2016 über eine Anfrage im Landtag für ihren Heimatlandkreis Marburg-Biedenkopf festgestellt, dass in den drei Polizeistationen in Marburg-Biedenkopf die sogenannten „Planstellen des Polizeivollzugsdienstes“ seit 2005 von 213 auf 199 reduziert worden sind (die OP berichtete).

Zum Thema Polizisten-Frust sagte Andreas Grün dieser Tage in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur: „Ich sehe die Entwicklung mit ganz, ganz großer 
Sorge, weil uns auch nicht verborgen geblieben ist, dass sich 
zunehmend Polizeibeschäftigte 
von den etablierten Parteien 
abwenden.“

von Götz Schaub

 

Nur wer es erlebt, wird es verstehen

Polizisten dienen als Allzweckwaffe. Trennen Fußballfangruppen am Wochenende, begleiten Schwertransporte, schlichten Schlägereien, helfen bei Unglücken, sehen Tote, erleben massenhaft menschliche Tragödien.

Sie müssen alles können, alles im Griff haben, ihre Angst kontrollieren. Jede Entscheidung der Männer und Frauen im Einsatz kann medial und zunehmend auch in den sozialen Netzwerken belastende Auswirkungen nach sich ziehen. Überstunden ohne Ende, nur selten kommt mal Lob rüber.

Wer hält so was in seinem Beruf dauerhaft aus? Gut, wenn man dann mal feiern kann. Ach, Polizisten können das ja kaum noch, weil sie wie selbstverständlich die Feiernden beschützen müssen. Bevor Politiker sich weiter streiten, was zu tun ist, sollte jeder von ihnen nur sechs Wochen mal als Polizei-Praktikant richtig dabei sein. Danach finden sich bestimmt gute Lösungen. Also, wer fängt an?

 
 
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr