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"Überlebenschancen standen 50 zu 50"

Opfer des Brandes im Squash-Center "Überlebenschancen standen 50 zu 50"

Hauptlöschmeister Lothar Schmidt wird am Samstag in der Hauptfeuerwache in den "Feuerwehr-Ruhestand" verabschiedet. 1995 wurde er beim Brand des Squash-Centers schwer verletzt.

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Lothar Schmidt erlitt nach einem schweren Brand im Jahr 1995 schwerste Verbrennungen. In der Reha  lernte er das Kochen.

Quelle: Nadine Weigel, Archiv

Marburg. Eigentlich erschien der Feuerwehr-Einsatz beim Brand im Marburger Squash-Center in der Willy-Mock-Straße am 28. April 1995 für den damals 43-jährigen Feuerwehrmann Lothar Schmidt und seine Kameraden zunächst wie ein Routineeinsatz. „Es sah aus wie eine Art Zimmerbrand“, erinnert sich Schmidt fast 20 Jahre später im Gespräch mit der OP.

Gemeldet war ein Saunabrand aus dem Squash-Center. Mit Atemschutzgeräten waren Lothar Schmidt und mehrere Feuerwehrkameraden schnell in dem Gebäude im Einsatz und hatten bereits mit dem Löscheinsatz anfangen. „Dann ist alles eskaliert. Der Rauch war so dicht und ich habe die Orientierung verloren“, erinnert sich Schmidt. Er habe versucht, am Boden entlang zu kriechen, als es plötzlich zu einem „Flashover“ kam. Brandgase, die sich in der Sauna in der Decke gesammelt hatten, entzündeten sich in Sekundenbruchteilen, nachdem die Decke teilweise eingestürzt war. Es kam zu einer Verpuffung und eine bis zu 1300 Grad heiße Feuerwalze wälzte sich über die in dem Raum eingeschlossenen drei Feuerwehrmänner hinweg. „Aus dem Raum schlugen bis zu drei Meter hohe Flammen“, teilte der damalige Stadtbrandinspektor Karlheinz Merle der OP direkt nach dem Geschehen mit. Zwei Feuerwehrleute - Lothar Schmidt und der damals 21-jährige Michael Hagenbring - erlitten schwerste Verletzungen: Verbrennungen zweiten und dritten Grades im Gesicht, an Händen und Füßen. Ein Feuerwehrmann kam mit leichten Verletzungen davon.

„Es ging alles wahnsinnig schnell. Es war ein höllischer Schmerz und ich habe gedacht, mein letztes Stündlein hat geschlagen“, erzählt Lothar Schmidt. Von einem Feuerwehr-Kameraden wurde er dann aus dem Raum herausgeholt, und er ging mit ihm gemeinsam über eine Rettungsleiter herunter ins Freie. Lothar Schmidt erinnert sich noch, dass er noch alleine bis zu einer Rettungstrage gehen konnte. In diesem Moment entstand auch noch ein Zeitungsfoto, das in der Oberhessischen Presse abgedruckt wurde.

Der Weg von Lothar Schmidt führte in einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik in Aachen, wo er zunächst sechs Wochen auf der Intensivstation lag.

„Überlebenschancen betrugen 50:50"

„Zunächst waren die Überlebenschancen 50:50“ erinnert sich Schmidt. 40 Prozent verbrannte Haut, die Teilamputationen von Fingern sowie 16 Operationen: Hinter diesen nüchternen Zahlen verbirgt sich ein langer Leidensweg. Es schloss sich ein achtmonatiger Kliniksaufenthalt an. Danach war Schmidt ein Jahr lang arbeitsunfähig geschrieben.

Dass er nicht seinen Lebensmut verlor, schreibt er der Unterstützung durch seine Freunde, die Familie und seine spätere Frau und die Feuerwehrkameraden sowie einem besonderen Schlüsselerlebnis zu: Bei einem Besuch des damaligen Stadtbrandinspektors und des damaligen Oberbürgermeisters Dietrich Möller habe ihm Möller signalisiert, dass der im Brandschutzamt beschäftigte Schmidt sich um seinen Arbeitsplatz keine Sorgen machen müsse. Die Jobgarantie habe ihm sehr geholfen - auch angesichts seiner großen Ängste, wie das Leben nun weitergehe.

Ab Dezember 1996 begann er wieder zu arbeiten - hauptsächlich im Innendienst im Brandschutzamt. Auch wenn er nach der Brandkatastrophe nicht mehr bei aktiven Feuerwehreinsätzen im Einsatz war, blieb Lothar Schmidt aber weiter Feuerwehrmann mit Leib und Seele. So machte er mit bei Übungen der Freiwiligen Feuerwehr und bildete viele Jahre lang neue „Maschinisten“ im Umgang mit den Feuerwehr-Utensilien aus und auf die Einsätze vor.

„Lothar Schmidt war durch sein Verhalten und sein ausgleichendes und nie polarisierendes Wesen ein Vorbild für die Jüngeren“, sagt Dirk Bamberger, der Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr Mitte. Nach 45 Jahren als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Marburg-Mitte erhält Schmidt auch deshalb einen ehrenvollen Abschied durch die Marburger „Feuerwehr-Familie“.

Der Marburger Großbrand aus dem Jahr 1995, der damals einen Millionenschaden verursachte, hatte übrigens europaweite Auswirkungen in puncto Sicherheitsstandards. Aufgrund der Ereignisse beim „Flash-Over“ in Marburg wurde eine EU-weite Norm für die Feuerschutzkleidung aller Feuerwehrleute entwickelt. „Somit konnte der Schutz der Feuerwehrleute erheblich verbessert werden“, erklärt Bamberger.

Besseres Klima in Norddeutschland

Mittlerweile ist Lothar Schmidt übrigens mit seiner Frau nach Norddeutschland gezogen. Sein jetziger Wohnort in Großenkneten bei Oldenburg hat auch den Vorteil, dass das Reizklima der Luft des Ortes in der Nähe der Nordsee sich positiv auswirkt auf seine Gesundheit. Denn zu den Brandfolgen zählt bei ihm auch, dass die Lunge angegriffen ist und er Atemwegsprobleme hat.

Trotz der für ihn dramatischen und lebensbedrohlichen Ereignisse bei dem Großbrand im Jahr 1995 ist Lothar Schmidt ein optimistischer Mensch geblieben. Geholfen hat ihm dabei auch, immer wieder auch mit seinen Kameraden über die Ereignisse bei dem Brand zu reden - auch wenn er die für ihn besonders schlimmen Dinge glücklicherweise mittlerweile fast verdrängt hat, wie er im gespräch mit der OP erklärt.

von Manfred Hitzeroth

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