Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Überleben unter deutscher Besatzung

Forschung Marburg Überleben unter deutscher Besatzung

Was bedeutete die Besatzung weiter Teile Europas durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg für die Bevölkerung? Das ist die Kernfrage eines Forschungsprojektes, das am Herder-Institut koordiniert wird.

Voriger Artikel
Technisches Engagement für Menschen
Nächster Artikel
"Lahnwasser" erfreut die Grenzgänger

Bewohner einer ukrainischen Stadt stehen 1941 vor dem Russlandfeldzug vor einem deutschen Propagandaplakat.

Quelle: Herder-Institut

Marburg. „Sonntag, den 5. April Ostern. In der vergangenen Woche ist wieder einem Bauern ein Pferd kaputt gegangen, der sich schwerlich ein anderes kaufen kann. In der Lebensmittelversorgung wird es immer knapper. Waren es immer 400 Gramm Fleisch, was die Leute bekamen, so sind es jetzt nur mehr 300 Gramm. Überhaupt alle Lebensmittel wurden gekurzt, und dabei soll das Mehl nicht bis zur neuen Ernte ausreichen“: Dieser Tagebucheintrag eines luxemburgischen Bauern aus dem Jahr 1942 verdeutlicht die Lebensmittelknappheit auch in den annektierten Gebieten in Westeuropa. In Osteuropa gab es für die Zivilbevölkerung unter der deutschen Besetzung noch weniger zu essen, was aber in Tagebüchern schlecht dokumentiert ist, erläutert der Historiker Professor Peter Haslinger vom Marburger Herder-Institut.

Haslinger und Kraus sind Koordinatoren

Die Idee zur systematischen Erforschung des Alltagslebens in den von den deutschen Truppen besetzten Gebieten hatte die Wuppertaler Geschichtswissenschaftlerin Professorin Tatjana Tönsmeyer. Ihr Hauptkooperations-Partner ist das Herder-Institut: Neben Haslinger betreut die Historikerin Dr. Daniela Kraus als Koordinatorin das Forschungsprojekt ( siehe Artikel unten), in dem es um alles geht, was sich zwischen 1939 und 1945 abspielte - und zwar jenseits der großen Weltkriegs-Schlachten, die Millionen von Toten forderten.

Während über die Biographien der Täter und den politischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten zahlreiche Bücher verfasst wurden, ist über das Alltagseben in den besetzten Gebieten immer noch relativ wenig bekannt, erläutert Haslinger. Der Marburger Forscher fragt: „Gibt es den einen europäischen Besatzungsalltag, eine einheitliche Besatzungsstrategie?“ So soll ein für die Erinnerungs- und Geschichtspolitik zentrales Themenfeld beleuchtet werden, das in dieser länderübergreifenden Form bislang nicht dokumentiert ist.

Die Wehrmacht beschlagnahmte Fleisch

Tulpenzwiebel-Suppe
Der Hunger führte in den Niederlanden in der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg zu ungewöhnlichen Ideen. So haben die Forscher in dem Projekt „Alltag unter deutscher Besatzung“ „Kriegsrezepte“ gefunden wie das Rezept einer Tulpenzwiebel-Suppe, für die man neben Wasser und einer Zwiebel vier bis sechs Tulpenzwiebeln, Curry, Gemüsebrühe, einen Teelöffel Öl und Salz benötigte. In weiteren Rezepten werden die Tulpenzwiebeln gebacken oder geröstet oder Tulpenzwiebelmehl wird zu Gebäck verarbeitet. Eine weitere niederländische Quelle für Kriegsrezepte ist ein Brief an einen Landwirtschaftsrat mit Ideen für ein Kochbuch mit noch erhältlichen Lebensmitteln.

Zu den bis jetzt schon erfassten Dokumenten gehört eine Eingabe von polnischen Bürgern an den Generalgouverneur für die besetzten polnischen Gebiete in Krakau. „Sie entstand im Dezember 1939, also noch ganz zu Beginn der Besatzung und stellt den Versuch dar, von Wehrmachtssoldaten beschlagnahmtes Fleisch zurückzugewinnen“, erläutert Daniela Kraus. Im holprigen Deutsch beschreiben die Verfasser des Briefes zunächst detailliert, dass sie im Schwarzhandel unter anderem 85 Kilogramm Speck, 40 Kilogramm Schweinefleisch, und 50 Kilogramm Wurst gekauft haben, das ihnen dann von einem deutschen Soldaten und einem polnischen Bürgergardisten abgenommen worden sei. Dabei sei die Fleischware zum Privatverbrauch bestimmt gewesen, weil die Fleischer des Dorfes das gesamte Fleisch ausgeführt hätten, „und unsere Kinder haben nicht des Fettes“. Der Brief der Bittsteller schließt mit den Worten „Wir sind sehr arm und zur Kauf des Fleischwaren haben wir das Geld geborgt und gegenwärtig wir uns unsere Kinder ruiniert sind“.

In einer anderen Quelle geht es um das Gesuch der jüdischen Tschechin Berta Krausová an die örtliche Behörde am 13. Oktober 1941. Sie bat darum, zweimal pro Woche zusammen mit ihrer Schwester ihren Wohnsitz in Blovice verlassen zu dürfen, um wegen einer ernsthaften Erkrankung einen Arzt im 25 Kilometer entfernten Pilsen aufsuchen zu können. „Die Quelle zeigt die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung unter deutscher Besatzung sowie deren Konsequenz für alltägliche Verrichtungen wie etwa Arztbesuche“, sagt Daniela Kraus. Bekannt ist, dass Berta Krausova und ihre Schwester 1942 später in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert worden und später im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

Die Forscher haben sich vier Themenschwerpunkte gesetzt:

  • Beim Thema „Mangel und Versorgung“ stehen die Versorgung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten mit Lebensmitteln und Heizmaterialien sowie die hygienische Versorgung im Mittelpunkt. Eine erste Zwischenbilanz weist bereits darauf hin, dass die deutschen Besatzer auf eine gezielte Unterversorgung hinarbeiteten. Wie konnten Schwarzmarkt und Tauschhandel unter diesen Voraussetzungen als Überlebensstrategien funktionieren?
  • „Lokale Verwaltung“ ist das zweite Thema: Dabei geht es um die Rahmenbedingungen unter denen die Verwaltungen agierten, Formen der Mittäterschaft und Widerstandspraktiken.
  • Um das Thema „Arbeit und Ausbeutung“ geht es im dritten Teil. Zwangsarbeit als auch Migrationsbeschränkungen spielen eine Rolle. Einerseits gab es eine strikte Beschränkung der Bewegungsfreiheit, andererseits auch erzwungene Mobilität. Auch geht es um den Eigentlich auch: Umgang mit deutschen Ablieferungsforderungen in Industrie und Landwirtschaft sowie die Themen Arbeitspflicht und Zwangsarbeit
  • „Verfolgung“ ist das vierte Schwerpunktthema. Darin sollen vor allem die Verbrechen an Frauen und Männern in den besetzten Gebieten beleuchtet werden. Dazu zählen auch die Verfolgung von Sinti und Roma und die Ermordung der Juden. Es soll allerdings keine spezielle Dokumentation zu „Konzentrationslagern geben, da es dazu schon zahlreiche Veröffentlichungen gibt. Bei den Themen Verfolgung und Zwangsmigration sollen sowohl rassische und ethnische, als auch geschlechts- und generationenspezifische Aspekte dargestellt werden.
Historiker im Blickpunkt
Professor Peter Haslinger (49) ist seit 2007 Direktor des Herder-Institutes für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg und Professor für die Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Gießen. Der gebürtige Innsbrucker habilitierte sich 2005 an der Uni Freiburg. Er ist Experte für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Themen Gewaltgeschichte, Diskursmodelle und Raumgeschichte.
Zurück zur Übersicht

Partner aus 15 Ländern aus Europa

An dem Forschungs- und Editionsprojekt „Der Zweite Weltkrieg – Alltag unter deutscher Besatzung“ sind Iinstitutionen aus insgesamt 15 europäischen Ländern beteiligt, die sich schwerpunktmäßig oder ausschließlich mit der Geschichte ihres Landes im Zweiten Weltkrieg befassen. Gefördert wird das Projekt von der Leibniz-Gemeinschaft. Neben den Projektleitern Professorin Tatjana Tönsmeyer (Kulturwissenschaftliches Institut Essen/Bergische Universität Wuppertal) und Professor Peter Haslinger (Herder-Institut Marburg) sind dies Historiker aus Trento (Italien), von der Universität Athen, dem Zentrum für die Studien des Holocausts und der religiösen Minderheiten (Oslo), von der Universität Warschau, der Universität Södertörn (Schweden), der Universität Kopenhagen, dem Zentrum für Kriegsdokumentation (Brüssel), der Uni Luxemburg, der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg, der Universität Belgrad, dem Zentrum für Kriegs-, Holocaust- und Genozid-Studien Amsterdam, dem „Memorial“ Moskau, der Universität Minsk, dem Litauischen Institut für Geschichte (Vilnius), aus Cachan (Frankreich) und vom Deutschen Historischen Institut (Paris).

von Manfred Hitzeroth

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Tagebücher und Gerichtsprotokolle

Ziel des Projektes ist eine forschungsgestützte Edition von Quellen zu Alltags- und Gewalterfahrungen der Lokalbevölkerungen in den von der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebieten.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr