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Überfüllte Seminare als Dauerproblem

Philipps-Universität Überfüllte Seminare als Dauerproblem

Überfüllte Hörsäle und zu wenig Geld für Lehrpersonal: Die Fachschaftenkonferenz lud Vertreter des Uni-Präsidiums zu einem Rundgang zu universitären Brennpunkten ein.

Im Seminarraum bei den Politikwissenschaften sitzen 80 Studierende (Foto: Nadine Weigel). Studierende der Kultur- und Sozialanthropologie gestalteten eine Protest-Postkarte (linkes Bild).

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Zehn Biologiestudentinnen sitzen jeweils paarweise vor einem Versuchsaufbau zum Thema „Polarisiertes Licht“ in einem abgedunkelten Raum im Physikalischen Institut. Praktikumsbetreuerin Dr. Carmen Schwee widmet sich ihren Schützlingen, indem sie von Station zu Station geht und die Ergebnisse der Experimente überprüft. Weil der enge Raum keine Klimaanlage hat, ist es schon gegen 11 Uhr am Vormittag sehr warm.

„Eigentlich wäre die doppelte Größe des Praktikumsraums gut“, berichtet Carmen Schwee. Am idealsten für einen guten Lehrerfolg wäre zudem eine Gruppengröße von sechs Studierenden. Doch in diesen physikalischen Praktika für Nebenfachstudierende aus anderen Naturwissenschaften gibt es teilweise Gruppengrößen von bis zu zwölf Studierenden. „In diesen historischen Gebäuden haben wir keine anderen Raumgrößen. Wenn wir heute noch einmal eine neue Physik bauen würden, würden wir die Räume größer bauen“, wirbt Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause um Verständnis. Auf Einladung der Fachschaftenkonferenz nahm sie, wie ihr Präsi­diumskollege Vizepräsident Professor Harald Lachnit, an einem Rundgang zu zwei konkreten Brennpunkten der Unterfinanzierung teil. „Die Dozenten versuchen, das Beste aus den Bedingungen zu machen“, erklärt die Präsidentin. Rund 1000 Nebenfachstudierende pro Jahr nehmen an den Praktika teil, die an sechs Tagen die Woche von 8 Uhr bis 20 Uhr stattfinden. Dadurch, dass die Praktikumsräume so stark beansprucht werden, gibt es auch immer wieder nicht funktionsfähige Geräte, berichtet eine Studentin. „Wir bräuchten mehr Räume, mehr Mittel und mehr Lehrende“, fordert der Psychologiestudent Janis Loewe vom „Arbeitskreis Unterfinanzierung“ der Fachschaftenkonferenz (FSK).

Der Arbeitskreis wurde von den Vertretern der studentischen Fachschaften wegen der mit dem Studentenansturm verbundenen Probleme gegründet. „Meldungen über überfüllte Hörsäle betreffen längst nicht mehr nur die Gesellschaftswissenschaften. Es geht auch über volle Seminare und fehlende Literatur weit hinaus“, sagt FSK-Vertreter Christoph Mengs. Die strukturelle Unterfinanzierung bedrohe vielmehr die Studierbarkeit ganzer Studiengänge. Mit Öffentlichkeitsarbeit sowie Gesprächen mit Politikern und der Uni-Leitung wollen die Fachschaftler auf das Problem aufmerksam machen. Ausdrücklich wiesen die Fachschaftler darauf hin, dass sie die Uni-Leitung nicht als Hauptverantwortliche für die Misere ausgemacht haben. Besonders überfüllt sind seit dem Wintersemester 2013/2014 die Lehramtsstudiengänge, bei denen sich aufgrund einer Überbuchung statt der Höchstgrenze von 500 Erstsemester mehr als 800 neue Studierende einschrieben.

Massenansturm "ein Unfall"

„Das war ein Unfall“, entschuldigte sich Uni-Vizepräsident Professor Harald Lachnit für den Massenansturm, der aus seiner Sicht wegen der unglücklichen Verkettung verschiedener Dinge entstand. Lehramtsstudentin Lara Fuchs berichtet, dass sie jetzt zusammen mit 73 Kommilitonen im Seminar „Warum will ich Lehrer werden“ sitzt, das eigentlich nur für bis zu 30 Studierende gedacht ist. Es sei sehr schwierig, in diesem Seminar noch persönliche Gedanken zu äußern. Viel überfüllter ist ein Seminar zur Demokratieforschung der Politikwissenschaftlerin Professorin Ursula Birsl: 105 Studierende haben sich für das Seminar mit einer Kapazitätsgrenze von 30 Teilnehmern eingetragen.

Beim Ortstermin im Seminar waren immerhin rund 80 Studierende da. Weil der Raum im fünften Stock des Turms B der Philosophischen Fakultät dafür zu klein ist, müssen einige Studierende auf den Fensterbänken Platz nehmen. Die Dozentin versucht aus der Not eine Tugend zu machen. Sie hat die Großgruppe in mehrere Arbeitsgruppen unterteilt, die sich teilweise mit Einzelthemen beschäftigen, aber auch an Referaten und Hausarbeiten arbeiten.

Alle Studierenden seien sehr diszipliniert und würden Rücksicht aufeinander nehmen, berichtet ein Seminarteilnehmer. Bei allem guten Willen sorgt die Seminargröße aber für Probleme. So berichtet ein Student, dass eine Gruppe von zwölf Studierenden gemeinsam ein Referat erarbeitet habe. Zudem gestalte sich bei so vielen Teilnehmern die Diskussion im Seminar als schwierig. Uni-Präsidentin Krause gestand, dass die Vielzahl der Probleme auch für die Uni-Leitung bedrückend sei. Diese schwierigen Studienbedingungen an einer Massenuniversität seien aber seit Ende der 70er Jahre ein generationenübergreifendes Dauerproblem, sagte Krause. Ein Allheilmittel hat auch die Präsidentin nicht. Gewisse Hoffnungen setzt sie auf einen neuen Grundkonsens in der Hochschulpolitik, dass eine höhere Basisfinanzierung zumindest zu einem stabileren Grundbudget auch an der Uni Marburg beitragen könne.

von Manfred Hitzeroth

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