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Überfall war "schwerste Kriminalität"

Haftstrafen für Räuber-Duo Überfall war "schwerste Kriminalität"

Weil sie gemeinsam einen schwerbehinderten Mann in dessen Wohnung überfallen, gefesselt und beraubt hatten, sind die beiden 24-jährigen Räuber vom Marburger Landgericht zu fünf und zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden.

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Überfall auf einen Rollstuhlfahrer (Themenfoto). Beide Täter müssen ins Gefängnis.

Quelle: Archiv

Marburg. Die eindeutigen Ergebnisse der forensischen Untersuchung, Fingerabdrücke, DNA-Spuren, ein Geständnis, unzureichende Zeugenaussagen und nicht zuletzt die Länge des Klebebandes brachten die entscheidende Beweislast gegen zwei 24-jährige Räuber.

Die erste große Strafkammer des Marburger Landgerichtes sah den Vorwurf der Anklage als erwiesen an: Vor einem Jahr verschafften sich die beiden Männer aus Gießen und Lauterbach Zutritt zu der Wohnung eines Rollstuhlfahrers aus Marburg, fesselten den schwerbehinderten Mann mit Klebeband, durchsuchten dessen Wertsachen und flohen mit 500 Euro.

Ihr Opfer ließen sie gefesselt zurück (die OP berichtete). Während der Angeklagte aus Lauterbach ein Geständnis ablegte, bestritt der zweite Angeklagte bis zuletzt eine Beteiligung an der Tat.

Während des zweiten Verhandlungstages bestätigten drei Sachverständige des hessischen Landeskriminalamtes die belastenden forensischen Untersuchungsergebnisse vor Gericht. Schwerpunkt der Ermittlungen war das benutzte Klebeband, mit dem der Geschädigte gefesselt und geknebelt worden war. Dieses hatte sich berufsbedingt im Auto des Angeklagten aus Lauterbach befunden, gab der Beschuldigte zu.

Die serologischen sowie daktyloskopischen Identitätsnachweise (Fingerabdruckverfahren) auf dem handelsüblichen Panzerband ergaben eindeutige DNA-Spuren und Fingerabdrücke, erklärten die Zeugen. Auf allen vier verwendeten Klebestreifen wurden Spuren von zwei Personen gefunden. Durch einen daktyloskopischen Prozess, bei dem die Beweismittel mit Sekundenkleber bedampft werden, fanden die Ermittler mehrere Fingerspuren, welche den Vergleichsabdrücken beider Angeklagten zugeordnet werden konnten, erklärte eine Mitarbeiterin des Landeskriminalamtes.

Streitpunkt vor Gericht  war lange Zeit die Möglichkeit, dass die Fingerabdrücke des Angeklagten aus Gießen durch Zufall beziehungsweise lange vor der Tat auf das Panzerband übertragen wurden. Auf Nachfrage der Verteidigung bestätigten die Sachverständigen, dass sich derlei Spuren für längere Zeit, DNA-Spuren über Jahre auf einem Spurenträger halten können. „Der Zeitpunkt, wann die Spur hinterlassen wurde, kann nicht eingeordnet werden“, betonte der Gutachter. Ausschlaggebend für eine eindeutige Zuordnung waren schließlich die Länge des Klebebandes sowie die ermittelte Fundstelle der Fingerabdrücke: Der Bereich, an dem diese gefunden wurden, lag nachweislich nicht auf der Außenseite des Klebebandes, sondern unter Einbeziehung des Umfangs der Rolle auf der folgenden Schicht des aufgewickelten Bandes.

„Schutz- und Hilflosigkeit ihres Opfers ausgenutzt“

Ohne dieses im Vorfeld abzuziehen sei ein Abdruck nicht möglich, ein zufälliger Kontakt daher auszuschließen, befand Staatsanwalt Sebastian Brieden und sah den Anklagevorwurf des schweren Raubes auch für den Beschuldigten aus Gießen als erwiesen an. Beide Angeklagte hatten brutal die „Schutz- und Hilflosigkeit ihres schwerbehinderten Opfers ausgenutzt“, betonte der Staatsanwalt. Der ehemalige zweite Anklagepunkt der Freiheitsentziehung wurde im Verlauf der Verhandlung verworfen.

Ungeklärt blieb zudem der genaue Tatzeitpunkt des Raubes an diesem Abend. Weder der geständige Angeklagte noch der Geschädigte konnten eine genaue Uhrzeit bestimmen. Den polizeilichen Notruf hatte das unter Schock stehende Opfer erst einige Zeit nach der Tat angewählt. Die Nachfragen des Gerichts zu den ihm gegenüber erhobenen Anschuldigungen des mutmaßlichen Drogenhandels und ob er die Wohnung „aus bestimmten Gründen“ vor dem Eintreffen der Beamten aufgeräumt hatte, beantwortete der 54-Jährige nicht und machte erneut von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Auch der ehemalige Kollege des zweiten Angeklagten, der als mutmaßlicher Initiator den Raub vorgeschlagen hatte, nahm dieses Recht in Anspruch. Gegen den 36-Jährigen läuft ein Verfahren wegen Anstiftung zu schwerem Raub.

Für weitere Untersuchungen hinsichtlich des Tatzeitpunktes beantragte Verteidiger Ismail Cetin, eventuell noch vorhandene Gesprächsnachweise des Geschädigten sowie Standortdaten der Mobiltelefone der Angeklagten als Beweismittel anzufordern. Die Kammer lehnte das ab, die Standortdaten sowie der genaue Tatzeitpunkt seien in diesem Fall nicht entscheidend und für eine Beurteilung ohne Bedeutung, erklärte der Vorsitzende Richter Gernot Christ den Gerichtsbeschluss.

Mehr Gewicht sah das Gericht in dem ermittelten Fingerabdruck, der „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ zu dem Angeklagten aus Gießen gehöre, betonte der Vorsitzende. Die Zeugenaussage der Lebensgefährtin konnte zudem nicht ausreichend bestätigt werden und entlaste den Beschuldigten nicht.

„Es ist schwierig, etwas zu beweisen, was nicht geschehen ist“, widersprach Verteidiger Cetin. Der Anwalt bezog sich auf den ungeklärten langen Zeitraum der Tat sowie die Aussage des Opfers, er habe den zweiten Täter nicht genau erkannt und forderte Freispruch für seinen Mandanten aus Gießen.

Geständiger Angeklagter bereut seine „Dummheit“

Verteidigerin Daniela Elger ersuchte das Gericht dagegen um Nachsicht für den geständigen Lauterbacher. Dieser ist bisher noch nicht vorbestraft und bereue seine „Dummheit“, betonte der Beschuldigte. Sein Bekannter stand dagegen nicht zum ersten Mal vor Gericht, wurde unter anderem bereits wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt.

Die Kammer sah den Vorwurf der Anklage schließlich als bestätigt an und verurteilte beide Angeklagte wegen gemeinschaftlichen schweren Raubes. Der vorbestrafte Mann aus Gießen wurde zu einer fünfjährigen Haftstrafe, sein Bekannter aus Lauterbach zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Fingerabdrücke sind das ausschlaggebende Indiz

Als ausschlaggebendes Indiz sah das Gericht die Fingerabdrücke des 24-Jährigen, die im inneren Teil der Klebebandrolle gefunden wurden. „Die angewandte kriminelle Energie wie auch der Schuldgehalt der Tat waren sehr hoch“, erklärte Richter Christ. Einen zeitweise diskutierten minderschweren Fall schloss die Kammer daher in beiden Fällen, eine mögliche Bewährung für den geständigen Angeklagten ebenfalls aus. „Es war keine Dummheit, sondern schwerste Kriminalität“, betonte der Vorsitzende.

Da weder Verteidigung noch Anklage bisher auf Rechtsmittel verzichteten, ist das Urteil noch nicht rechtskräftig.

von Ina Tannert

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