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Über die Freiheit, unvernünftig zu sein

Helmpflicht für Radfahrer? Über die Freiheit, unvernünftig zu sein

Die Helmpflicht wird seit Jahren diskutiert. Denn nur knapp jeder zehnte Radfahrer radelt mit Helm. Ist angesichts dieser Zahlen eine gesetzliche Verordnung nicht schon längst überfällig?

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Harte Schale schützt weichen Kopf: „Crocodile Fahrradhelm“ von Crazy Stuff , erhältlich für Kinder und Erwachsene (ab 40 Euro). www.crazy-stuff.biz

Marburg. Dass ein Fahrradhelm beim Fahrradfahren sinnvoll ist und vor Verletzungen schützt, bringen Eltern ihren Kindern schon früh bei. Trotzdem fahren nur wenige mit Helm. Aus diesem Anlass forderte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer im Oktober 2011 eine gesetzlich verordnete Helmpflicht und entfachte eine bundesweite Diskussion.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) spricht sich deutlich gegen die Helmpflicht aus. Auf den ersten Blick eine widersprüchliche Position. Wolfgang Schuch vom ADFC Marburg-Biedenkopf erklärt: „Am Beispiel Australien, wo bereits 1991 eine landesweite Helmpflicht gesetzlich verordnet wurde, erkennt man eindeutig negative Folgen. Durch die Helmpflicht sank die Fahrradnutzung auf ein Drittel; die Wahrscheinlichkeit, dass sich Menschen im Straßenverkehr verletzten oder starben, stieg allerdings prozentual.

Wie soll man Helmverweigerer bestrafen?

Je weniger Menschen Rad fahren, desto größer die Gefahr, dass Autos sie nicht beachten“, so die Formel laut Schuch. Das Resultat einer Helmpflicht sei demnach gesundheits- und umweltpolitisch verantwortungslos. Wolfgang Schuch ist sich sicher: Durchschnittstempo 30 innerhalb von Städten wäre wesentlich sinnvoller als eine bundesweite Helmpflicht. Das Verkehrsklima sei entscheidender als persönliche Schutzmaßnahmen, zumal Helme sich auch negativ auf Unfallfolgen auswirken könnten. Auch sei die Pflicht, einen Helm zu tragen, insbesondere bei Kindern kaum sanktionierbar. „Der ADFC setzt auf Überzeugung durch Aufklärung.“

Könnte eine Helmpflicht die Straßen sicherer machen? Bei welcher Art von Stürzen kann ein Helm überhaupt die Unfallfolgen abmildern? Die Funktion des Helms „Der Helm übernimmt bei einem Sturz die Funktion einer künstlichen Knautschzone“, erklärt Dr. Clemens Kill, Leiter des Zentrums für Notfallmedizin am Universitätsklinikum Marburg. „Das heißt, er fängt die Wucht und Energie des Sturzes ab, indem er sich verformt und beschädigt wird. Gerade das Gehirn und der Schädelknochen, der ansonsten den Stoß abbekäme, werden so geschützt.“

Unfallchirurgen empfehlen Helmpflicht

Kontraproduktiv scheint ein Helm aus dieser Sicht also auf keinen Fall. Unfälle verhindert er nicht, aber das Risiko, lebensbedrohliche Kopfverletzungen zu erleiden, kann er deutlich verringern. „Ich fahre keinen Zentimeter ohne Helm“, ist das Statement des Mediziners. „Dass der deutsche Gesetzgeber so gut wie alles reglementiert, aber trotz der klaren Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie keine Helmpflicht einführt, kann ich nicht verstehen“, sagt er.

Die Argumente des ADFC seien Schutzbehauptungen von Leuten, die sich in ihrem Lifestyle eingeschränkt fühlten. Es gebe keinerlei gesicherte Daten, die belegten, dass ein Helm bei korrekter Verwendung schade oder Unfallfolgen verschlimmere. Warum tragen dennoch nur zehn Prozent aller Deutschen und jedes zweite Kind unter 10 Jahren einen Helm? Die Antworten der Radler ähneln sich: ein Helm sei unbequem, unpraktisch, und wenn man bedacht fahre, passiere einem ja nichts.

Auch wer langsam fährt, kann tödlich sürtzen

Das Tragen eines Helms wird von den meisten als eine Vorsichtsmaßnahme zum eigenen Wohl angesehen, das Vorschreiben hingegen als Eingriff in die Privatsphäre. In Spanien, Schweden oder Österreich gibt es Einschränkungen in der Verordnung. Helmpflicht nur für Kinder zum Beispiel oder außerhalb von Ortschaften, wo mit hoher Geschwindigkeit gefahren wird. Sind derartige Kompromisslösungen sinnvoll? „Bereits bei Schritttempo kann ein unglücklicher Sturz mit dem Kopf auf die Bordsteinkante tödlich sein“, erklärt Kill.

Radfahren berge durchaus auch bei niedriger Geschwindigkeit und gerade im Stadtverkehr Risiken. Wie aktuell die Debatte um die Helmpflicht ist und was passiert, wenn ein Radfahrer ohne Helm einen Unfall hat, zeigt ein Fall aus dem Juni dieses Jahres: Eine Frau wurde nach einem Radunfall in Schleswig-Holstein verklagt, 20 Prozent ihres Schadens selbst zu bezahlen. Ihre Mitschuld begründete das Gericht damit, dass sie keinen Helm trug.

Es bestehe zwar keine Helmpflicht, so der verhandelnde Richter des Schleswig-holsteinischen Oberlandesgerichts; dass ein Helm aber vor Kopfverletzungen schütze, entspräche dem Allgemeinwissen und sollte im eigenen Interesse dazu anleiten, einen Helm aufzusetzen. (Az. 7 U 11/12) Die Frau hat nun mit Unterstützung des ADFC Berufung eingelegt. „Hier äußert sich eine verkappte Helmpflicht“, urteilt Wolfgang Schuch. „Als nächstes tragen Fußgänger bei einem Unfall Mitschuld, weil sie keinen Schutzanzug anhatten. Ohne gesetzliche Verordnung sollte keiner für seine persönliche Entscheidung belangt werden dürfen.“

von Helena Weise

Kommentar von Thomas Strothjohann: Auch mit Helm bin ich noch frei

Jeder ist selber für seinen Kopf verantwortlich. Die Statistik zeigt aber, dass nur ein Bruchteil der Erwachsenen vernünftig genug ist, den eigenen Kopf mit einem Helm zu schützen. Das Argument des ADFC, dass mit einer Helmpflicht weniger Menschen Fahrrad führen ist absurd. Die Helmpflicht für Motorradfahrer stellt auch niemand infrage, obwohl manche Biker öfter fahren würden, wenn die Schutzkleidung nicht so lästig wäre. Die Helmpflicht wäre ein Eingriff in die Freiheit - aber ein verhältnismäßiger.

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