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Über den Niedergang des Kegelsports

Krise Über den Niedergang des Kegelsports

Das Kegeln in Marburg steckt in einer großen Krise. Sport- und Hobbykegler geben sich gegenseitig die Schuld am Niedergang der einst in der Universitätsstadt populären ­Freizeitbeschäftigung.

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Kegeln als Sport, als Hobby, jedenfalls als Leidenschaft: Josef Blazek äußert Kritik an der Marburger Sportkeglervereinigung. „Bei denen ist jeder dem anderen sein größter Feind“, sagt er.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Rückblick in die 1970er- und 80er-Jahre: Das Kegeln hat seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Am Stadtpokal der Sportkegler Vereinigung (SKV) Marburg nehmen mehr als 100 Gesellschaftsclubs teil, insgesamt kommen zu dem Hobbykegler-Turnier rund 500 Sportler. Rund 40 Jahre später wirkt das wie eine Illusion. 2015 gab es erstmals keinen Stadtpokal mehr. Bei vielen Freizeitkeglern sorgt das für Unverständnis.

„Über die Gründe wurde uns seitens der SKV gar nichts gesagt. Es hieß einfach nur: ‚Es findet nicht statt.‘ Punkt“, klagt Daniel Kromberg. Der Präsident des Gesellschaftsclubs „Giant Balls“ richtete mit seinem Team spontan eine alternative Veranstaltung aus. Bei der „ersten Stadtmeisterschaft unabhängiger Marburger Gesellschafts­kegler (SuMaG)“ setzte sich „Hauweg“ mit 3532 Punkten gegen die „Pinbusters“, „Pudelwohl“ und die „Giant Balls“ durch.

„Wir haben entschieden, dass, wenn die das nicht machen, wir es selbst in die Hand nehmen müssen“, erklärt Kromberg. Zwischen den Gesellschaftskeglern bestünde kein reger Kontakt. Man kenne sich zwar vom Sehen, der direkte Bezug fehle aber oft. Über die Bewirtschaftung der Kegelbahn am Pilgrimstein habe sein Team aber Kontaktadressen anderer Mannschaften erhalten und so mehrere Teams angeschrieben.

Dass es letztlich in keinem größeren Rahmen stattfand, dafür sei auch die fehlende Zeit ein Faktor gewesen, sagt Matthias Wunsch, Beisitzer bei den „Giant Balls“. „Wir mussten das Turnier ganz spontan und auf der Stelle planen“, erklärt der 27-Jährige. Auch weil „das Nichtstattfinden des Stadtpokals gar nicht so wirklich kommuniziert wurde. Wir wurden über die Hintergründe nicht informiert“, sagt  Matthias Wunsch.

Die „Giant Balls“ hoffen deshalb, dass die Sportkegler in der Zukunft ein Gespräch mit den Gesellschaftskeglern suchen. „Es ist unser Anliegen, dass der Stadtpokal wieder stattfindet“, stellt Wunsch fest, „denn auch als Hobbykegler hat man ein sportliches Ziel im Jahr“. Dabei wollen sich die Gesellschaftskegler auch nicht ausnehmen. „Wenn die Sportkegler den Stadtpokal alleine nicht stemmen können, würden wir sie unterstützen“, so Wunsch.

„Haben bei jungen Leuten keine Dominanz mehr“

Der Aufwand sei nicht das Problem, sondern der Ertrag, erklärt Karl-Heinz Liese. „Der Stadtpokal hat deshalb nicht stattgefunden, weil die Zahl der gemeldeten Klubs unter zehn lag“, sagt der Vorsitzende der SKV Marburg. „Das rechtfertigt dann nicht mehr den immensen Aufwand, der dafür betrieben werden muss.“

Es gebe vor allem zwei Gründe für das sinkende Interesse. Zum einen trage mittlerweile jede Ortschaft ihre eigenen Meisterschaften aus. „Das macht ein eigenes Turnier innerhalb Marburgs schwierig“, sagt Liese. Zum anderen, habe die Sportart massive Nachwuchsprobleme. „Wir haben bei den jungen Leuten nicht mehr die Dominanz wie in den 1970er- und 80er-Jahren.“

Dabei müsse man aber zwischen den Sport- und den Gesellschaftskeglern unterscheiden. Der Sportkegelclub Marburg, der unter der SKV kegelt, habe bislang noch keine Probleme, seine drei Mannschaften mit ausreichend Spielern zu besetzen. „Im Bezug auf das Gesellschaftskegeln ist es aber grundsätzlich schon eine sterbende Sportart“, sagt Liese. Man sehe zwar immer wieder, dass Privatpersonen ein oder zwei Bahnen am Pilgrimstein mieten würden. Neue Gesellschaftsclubs kämen dabei aber nicht zustande. „Es fehlt der Nachwuchs. Anders als in anderen Sportarten, kann man aber auch mit 60 oder 70 Jahren noch Leistungskegeln betreiben“, erläutert Liese.

„Es ist nicht so, dass das Kegeln ausstirbt“, sagt Wunsch von den „Giant Balls“. Die Sportart lebe noch, „allerdings muss man sie auch am Leben erhalten“. Die Spieler in seinem Gesellschafts­club sind größtenteils zwischen 20 und 30 Jahre alt. Team-Kollege Kromberg pflichtet ihm bei. „Den Sportkeglern geht damit die Basis flöten.“

„Man muss die Sportart auch am Leben halten“

Einer, der schon länger dabei ist als die noch recht jungen „Giant Balls“, ist Josef Blazek. Der 74-Jährige geht mit dem SKV ungleich härter ins Gericht. „Dass der Stadtpokal in diesem Jahr ausgefallen ist, ist der Anfang vom Ende“, sagt der Präsident der Freizeitmannschaft „Feldersatzkegler“. Die Gesellschaftskegler arbeiten seiner Aussage nach das ganze Jahr auf den Stadtpokal hin. „Kegeln ist ein Sport und den muss man auch mit dem nötigen Ehrgeiz verfolgen.“ Ohne den Stadtpokal würden die einzelnen Klubs unter sich bleiben und hätten kein gemeinsames Ziel mehr. Die Schuldige ist hierfür laut Blazek klar die SKV.

„Das ist keine Gemeinschaft. Bei den Sportkeglern ist jeder dem anderen sein größter Feind“, sagt er. „Die SKV tritt Leuten, die etwas tun, mit unsportlichem und unfairem Verhalten gegenüber“, sagt er, „so was habe ich in 48 Kegler-Jahren noch nie erlebt“.

Verhärtete Fronten wegen mangelnder Kommunikation: Auch bei der SKV hat man den Stadtpokal nicht einfach so aufgegeben. „Wir sind von ehemals 130 teilnehmenden Clubs auf nur noch zehn geschrumpft“, erklärt Liese. Deshalb prüfe die SKV auch neue Wege in der Zukunft. „Wir müssen sehen, inwiefern wir vielleicht auch auswärtige Klubs am Stadtpokal teilnehmen lassen können, um einen ansprechenden Wettkampf zu ermöglichen.“

von Tobias Kunz

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