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Über Erlebtes schreiben hilft, die Angst zu lindern

Trauma-Therapie Über Erlebtes schreiben hilft, die Angst zu lindern

Während einer Lehrerfortbildung im Schulamt sprach der Marburger Trauma-Forscher Dr. Georg Pieper darüber, wie Schulen mit traumatisierten Flüchtlingskindern umgehen sollten.

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Trauma-Forscher Dr. Georg Pieper.

Quelle: Melchior Bonacker

Marburg. Der stellvertretende Leiter des Studienseminars für Grund-, Haupt-, Real- und Förderschulen Rainer Eckhardt sagte einleitend, diese Herausforderung sei keineswegs neu, jedoch sei der Anteil traumatisierter Jugendlicher durch die Flüchtlingskinder gestiegen.

Der Psychologe Dr. Georg Pieper gilt als Fachmann für posttraumatische Belastungsstörungen (PTB). Als Therapiemöglichkeiten nannte er: Die Trauma-fokussierte kognitive Verhaltenstherapie - das sogenannte „Praktice“-Verfahren, in dem die Betroffenen mit Bezugspersonen wie ihren Eltern oder Lehrern über das Trauma sprechen, sei allerdings zu aufwendig, als dass es bei jedem einzelnen Kind angewandt werden könnte.

Eine wichtige Vorgehensweise für Lehrer sei zunächst die Herstellung einer äußeren Stabilität. Wenn diese spürbar sei, könne nach drei Monaten ein Screening angewendet werden, um herauszufinden, ob ein Trauma vorliegt. Wenn dem so sei, müsse mit einer reduzierten Version der Therapie begonnen werden. Pieper sprach von einer Rückbesinnung auf die Basics. Diese könne gut in einer Gruppe stattfinden, da so die Selbstheilungskräfte besser aktiviert werden könnten, wie Pieper argumentierte: „Ich bin nicht der große Medizinmann, der sie vollständig heilt“ - viel mehr seien die Selbstheilungskräfte des Menschen für eine Genesung verantwortlich. Diese müssten lediglich angeregt werden. Auch wenn diese Fähigkeit durch traumatische Erlebnisse gestört sei, sei sie in den wenigsten Fällen auch zerstört.

Pieper wies immer wieder darauf hin, dass eine Vermeidung von Schlüsselreizen und Erinnerungen zum Scheitern der Therapie führe. Früher oder später werde das Trauma offengelegt - oft erst nach „30 oder 40 Jahren, wenn die Prädemenz einsetzt“, jene Phase, die einer Demenz vorausgeht. Eine frühzeitige Offenlegung sieht Pieper als einzige Lösung, um ein Trauma langfristig zu überwinden.

Mittel dazu sind die sogenannten Trauma-Narrative, welche die Kinder oder Jugendlichen schreiben, um dem Trauma die belastende Wirkung zu nehmen. Das Kind schreibt in der ersten Person Singular und im Präsens zunächst über die Zeit vor dem Erlebnis, dann über das Trauma selbst und schließlich über die Phase der Sicherheit. Dies alles schildert das Kind, als ob es gerade eben passieren würde. Das lindere die Angst, erklärte Pieper.

Ziele dieser Methode seien, dass das Kind das Narrativ als seine Geschichte wahrnimmt, sowie die Möglichkeit der Integration des Erlebten in die eigene Lebensgeschichte - kurz: eine Chance, das traumatische Erlebnis hinter sich zu lassen.

von Melchior Bonacker

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