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US-Behörden untersagen Marburgerin Einreise

Einreiseverweigerung US-Behörden untersagen Marburgerin Einreise

Land of the free oder Überwachungsstaat? Die US-Behörden haben einer Marburgerin die Einreise verweigert. Grund: Nachrichten von ihrem Handy und im sozialen Netzwerk Facebook alarmierten die Heimatschützer. Im Gespräch mit der OP berichtet Aimee Valentina Schneider von ihrem Erlebnis und öffnet ihr Tagebuch.

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Welcome to the USA? Für eine Abiturientin aus Marburg ist der Traum von einem Aufenthalt in den USA geplatzt.

Quelle: Archiv

Marburg. Albtraum-Tränen­ statt Amerika-Traum: Anstatt bei ihrer Familie in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio Urlaub zu machen, ist Aimee Valentina Schneider nur haarscharf dem Gefängnis in Philadelphia entgangen. Die 19-Jährige erlebte am 8. Juli ein Horrorszenario, soll von US-Polizisten am Flughafen wie eine Schwerverbrecherin behandelt worden sein. „Psycho-Terror, Prinzipien wie in der DDR“, sagt die Elnhäuserin im Gespräch mit der OP.

Nach der Zwischenlandung und der Pass-Kontrolle bei den Einwanderungsbehörden, wurde Schneider von Polizisten in ein Verhör-Zimmer gebracht, dort stundenlang zu ihrem Einreisegrund befragt. „Mir war sofort mulmig, aber ich hatte ja alle Papiere, dachte, das wird schon gutgehen. Bald merkte ich, das hier etwas gewaltig schiefläuft“, sagt sie.

Vier Monate Verwandschaftsbesuch? Das sei eine Lüge, sagten die Polizisten. Niemand mache so lange Urlaub. Das gültige, im Frankfurter Konsulat ausgestellte Visum, wonach Schneider ein Jahr lang das Aufenthaltsrecht besaß, erkannten die Sicherheitsbehörden in Philadelphia nicht an. Auch das bereits gebuchte Rückflugticket diente nicht als Beweis. Die Heimatschützer unterstellten der jungen Frau stattdessen, illegal im Land arbeiten zu wollen.

„Es war völlig egal, was ich sagte, wie sehr ich das verneinte.“ Die Polizisten nehmen der ehemaligen Steinmühlen-Schülerin das Handy ab, lesen alle Nachrichten und Chats im sozialen Netzwerk Facebook. „Heute ist es doch so, dass das Handy so mit das Persönlichste ist, was man besitzt. Ich war völlig hilflos, hatte keine Kontrolle, durfte niemanden kontaktieren. Im Kopf ging ich alle Chatverläufe mit meinen Verwandten durch – und da wusste ich, dass sie in meinen, im Schulenglisch brüchig formulierten Sätzen Dinge finden würden, die sie mir falsch auslegen.“

Und so kam es auch. „Als sie merkten, dass meine Verwandten Kinder haben, ließen sie überhaupt nicht mehr los.“ Die Polizisten zitieren den exakten Wortlaut der Chats, konfrontierten sie mit deren Inhalt: „Haben Sie Nachrichten in Ihrem Handy, in denen steht, dass
Ihre Cousine Ihnen angeboten hat, auf die Nachbarskinder aufzupassen, und dass Sie ihr erzählt haben, dass Sie einen gültigen Führerschein haben und somit die Kinder zur Schule fahren können?“ Das bejahte Schneider, sie schlug ihrer Großcousine tatsächlich vor, etwa im Haushalt zu helfen und auf die Kinder aufzupassen. „Als Dankeschön, dass ich so lange bei ihnen bleiben darf. Das ist doch selbstverständlich – dachte ich jedenfalls“, sagt Schneider.

Hessens Datenschützer: „In Deutschland unmöglich“

Als die Befragung endete, fällten die Heimatschützer ihr Urteil: Die Marburgerin habe die Kinderbetreuung, ihre Au-Pair-Tätigkeit beim Visa-Antrag verschwiegen, daher sei dieses ungültig, sie müsse nach Deutschland zurück.

Rechtsexperten sind nicht überrascht über das Verhalten der US-Behörden: „Die Beamten der amerikanischen Zoll- und Grenzschutzbehörde vor Ort sind diejenigen, die entscheiden, ob sie den Einreisewilligen nach geltendem US-Recht für einreiseberechtigt befinden oder nicht“, sagt Raphael Fork, Rechtsanwalt. Die Sicherheitsleute entscheiden auch, für wie lange sich der Einreisende in den USA aufhalten dürfe. Selbst mit einem gültigen Visum werde lediglich die Anreise zu einer Grenze der Vereinigten Staaten garantiert.

Eine OP-Anfrage bei der amerikanischen Botschaft in Berlin blieb gestern unbeantwortet. „Nach deutscher Gesetzeslage ist so etwas undenkbar, aber nach US-Recht geht das. Die dürfen auf Daten, auf Handys zugreifen. Wer Facebook nutzt, tut das auch dahingehend auf eigenes Risiko. Ich kann nur eindringlich davor warnen, irgendwelche Informationen über solche Kanäle zu geben“, sagt Professor Michael Ronellenfitsch, Hessischer Datenschutzbeauftragter auf OP-Anfrage.

Polizeibegleitung empfand Schneider als Demütigung

Selbst Banalitäten, Alltägliches wie im Fall von Schneider reiche aus, um bei Sicherheitsbehörden Skepsis, einen Verdacht auszulösen. „Jede einzelne Informationen kann mit anderen Informationen verknüpft werden, ein Muster entstehen lassen. Schon mitzuteilen, dass man etwa von einer Stadt in die andere fahren wolle, reicht aus, um ein Bewegungsprofil zu erstellen. Wer in den USA bei der Einreise Opfer einer Stichprobe wird, der weiß nicht, welche Schlussfolgerungen die Grenzschützer aus gesammelten Infos ziehen und welche Konsequenzen das für den Reisenden hat“, sagt Ronellenfitsch.

„Niemals hätte ich gedacht, dass das so krasse Ausmaße annimmt“, sagt Schneider. Die Demütigung, etwa, als sie von Polizisten zu ihrem Zwangs-Rückflug begleitet wurde, schmerzt sie. „Vorgeführt und bloßgestellt, bis auf die Knochen durchleuchte zu werden – so lange, bis man sich selbst schuldig fühlt –  ist meiner Meinung nach absolut unverzeihlich.“

Aus vier Monaten Aufenthalt in Nordamerika wurden vier Stunden – und die negativen Erfahrungen sitzen tief. Derzeit kann sich die junge Frau nicht vorstellen, nochmal in das Land zu reisen, das sie in der Vergangenheit so begeistert hat – und wo ein Teil ihrer Familie lebt.
Aimee Valentina Schneider hat wenige Stunden nach den Vorfällen in Philadelphia ein Gedanken-Protokoll geschrieben. Dieses lesen Sie im Tagebuch oben.

von Björn Wisker

Standpunkt: Kontrollierte Kommunikation

Terroristen überall, illegale Einwanderer aller Orten: Dass einer jungen Marburgerin trotz ein Jahr gültigen Visums die Einreise in die USA verweigert wird, mag angesichts der amerikanischen Paranoia für viele nicht überraschend sein. Zumal es ja so ist, wie so oft in den vergangenen Jahren: Plötzlich werden – Stichworte Edward Snowden, NSA und Co. – Entwicklungen offensichtlich und greifbar, die im Stillen, aber ohne Beweise vermutet wurden.

Vor allem „Gods own country“ bedient sich demnach über die Sicherheitsorgane zu Kontroll- und Überwachungs­zwecken der populären und allzu oft naiv genutzten Kommunikationstechniken. Das mag bei Sicherheitsfanatikern für Schulterzucken sorgen. Doch im konkreten Fall sieht man, wie tot das Private schon zu sein scheint: Der von den US-Heimatschützern als entlarvende und verheimlichte Information interpretierte Satz zur Kinderbetreuung ist eine Lapalie. Alltag, zumal zwischen nachweislich Verwandten. Konsequenz? Die eigene digitale Kommunikation maximal einschränken. Der ohnehin raue Kurs des Einwanderungslands USA gegenüber Fremden, zu denen wohl auch Freunde zählen, wird jedenfalls immer absurder.

von Björn Wisker

Feedback: So reagieren OP-Leser im Netz

Nichts zu verbergen
„Ich habe nichts zu verbergen. Deshalb ist es mir egal ob die Onlineaktivitäten von Bürgern überwacht werden.“
Moritz Hartz (via Facebook)

Verhalten überdenken
„Big Brother is watching you! Einen Dreck gebe ich auf „Ich habe doch nichts zu verbergen“! Die Devise lautet: „Alles was sie jetzt sagen kann gegen sie verwendet werden“. Und mit ‚alles‘ ist halt wirklich Alles gemeint! Jeder, der immer noch meint, er habe noch immer nichts zu verbergen, sollte sich langsam doch mal Gedanken darüber machen, ob er bei Amazon nicht mal nach einem falschen Buch geschaut, ob er im Baumarkt nicht etwas verfängliches gekauft hat oder einfach nur mal mit einer falschen Geste oder Gesichtsausdruck fotografiert / gefilmt wurde.“
Baron Man (via Facebook)

George Orwell lässt grüßen
„Schlimm ist ja auch, dass es eine vernünftige Anzahl an Programmen/Apps gibt, die das verschlüsselte Kommunizieren ermögliche und soweit eben möglich NSA und andere befreundete Dienste aussperren bzw. es so schwer wie möglich machen. Aber P(p)rivatsphäre wir ja heutzutage klein geschrieben und das von denen die es etwas angehen sollte. George Orwell hätte seine „Freude“ daran gehabt“
Maxi Good-Night (via Facebook)

Waffelschaden
„Die hinterm Teich haben doch einen Waffelschaden“
Matthias Hilberg (via Facebook)

Unverständnis
„Was zum Teufel! Das arme Mädchen!“
Larissa Baumann (via Facebook)

Empörung
„Ist doch allerhand“
Karin Müller (via Facebook)
„Das ist echt hart“
Martina Lila Medica (via Facebook)
„Die Amis sind doch eh irre. .. alles normal bei denen“
Mon Gu (via Facebook)

In dieser Rubrik sammeln wir Leser-Reaktionen, Kommentare unserer Nutzer im Internet sowie Beiträge und Fundstücke unserer Freunde in den sozialen Netzwerken. Auch per E-Mail an feedback@op-marburg.de können Sie uns erreichen.

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Fall Aimee
Reisende bei der Ankunft kontrolliert. Foto: Justin Lane

Die Weigerung der US-Behörden, die Elnhäuserin Aimee Valentina Schneider ins Land einreisen zu lassen, beschäftigt nun auch die Bundespolitik.

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