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UKGM plant neuen Klinik-Campus auf Lahnbergen

OP-Interview UKGM plant neuen Klinik-Campus auf Lahnbergen

Der Vorsitzende der Geschäftsführung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg, Dr. Gunther K. Weiß, kündigt im OP-Interview die Sanierung der Eingangshalle bis Ende des Jahres an.

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Marburgs UKGM-Chef Dr. Gunther K. Weiß über das Verhältnis zu Stadt und Kreis: „Die Flüchtlingsfrage hat uns zusammengeschweißt.“ Seit Anfang des Jahres ist der 49-Jährige auch Vorsitzender der Geschäftsführung der Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH. Diese Doppelfunktion sei nur durch eine gute Aufgabenverteilung mit Professor Harald Renz als Ärztlichem Geschäftsführer und den beiden Gießener Geschäftsführerkollegen möglich.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. OP : Der Frühchen-Skandal hat die Bevölkerung erschüttert. Eine Krankenschwester soll Frühgeborenen Narkosemittel verabreicht und sie damit misshandelt haben. Welche Lehren haben Sie aus dem Fall gezogen?
Dr. Gunther K. Weiß : Unsere Kontrollmechanismen haben gegriffen. Wir sind den Verdachtsmomenten von uns aus sofort nachgegangen und sind sehr professionell sowie sehr kind- und elternorientiert mit dem Fall umgegangen, haben die Behörden sofort einbezogen und den Fall öffentlich kommuniziert. Daher müssen wir keine besonderen Lehren daraus ziehen. Wir hoffen natürlich, dass so etwas nie wieder vorkommt. Wir denken, dass wir da gut aufgestellt sind. Das bestätigen uns die Zahlen: Wir haben momentan eine höhere Belegung als im Vorjahr. Das zeigt, dass uns Eltern vertrauen.

OP : Der jungen Krankenschwester wird nachgesagt, auch labil gewesen zu sein. Sollte man nicht erfahrene Personen in solch einer verantwortungsvollen Position einsetzen?
Weiß : Es gab zu keinem Zeitpunkt den Hinweis, dass jemand unter den Mitarbeitern den Aufgaben nicht gewachsen war. Man braucht für diese Aufgabe eine gute Grundausbildung, die hatte die junge Mitarbeiterin und sie war keine Berufsanfängerin. Außerdem haben wir erfahrene Stationsleitungen. Dennoch: Wir haben uns von der beschuldigten Mitarbeiterin getrennt, sie wird nicht wieder am UKGM arbeiten.

OP : Was hat die groß angelegte Mitarbeiterbefragung zum Thema Gesundheit ergeben? Sie haben bislang keine Ergebnisse präsentiert.
Weiß: Die Umfrage ist ein wissenschaftlich geprüftes und wichtiges Instrument, um zu erfahren, wie es unseren Beschäftigten geht. 3800 Mitarbeiter haben in Gießen und Marburg an der anonymen Befragung teilgenommen, also rund 42 Prozent. Der Anteil des Pflegepersonals an den Befragten beträgt sogar über 50 Prozent. Die Ergebnisse zeigen, dass es den Mitarbeitern am UKGM nicht schlechter oder besser geht als in vergleichbaren Betrieben. Außerdem gibt es keinen Unterschied zwischen Marburg und Gießen - und das hat uns sehr überrascht, weil doch die Unzufriedenheit in Marburg höher eingeschätzt wurde.

OP : Wie gehen Sie mit den Ergebnissen um?
Weiß : Wir haben eine Arbeitsgruppe mit Verdi gegründet, die sich alle zwei Wochen trifft, um aus einigen Punkten der Befragung Maßnahmen abzuleiten. Es geht dabei um Themen wie Führung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Vermeidung von Burnout.

"Wir werden keinen Gesundheits-Tarifvertrag mit Verdi abschließen"

OP : Ist das gemeinsame Arbeiten an den Umfrageergebnissen ein Hinweis dafür, dass Sie auch einen Gesundheitstarifvertrag mit Verdi abschließen werden?
Weiß : Nein. Das sind zwei Paar Schuhe. Verdi hat uns zu Tarifgesprächen aufgefordert. Wir verhandeln mit Verdi, werden aber keinen solchen Gesundheitstarifvertrag abschließen. Der Vorstand der Rhön-Klinikum AG hat ganz klar formuliert, dass wir als UKGM keine Sonderrolle einnehmen werden. Wir sind nicht gegen die von Verdi geforderten Personalmindeststandards, aber wir wehren uns dagegen, dass wir dies alleine finanzieren sollen. Der Gesetzgeber muss dafür sorgen, dass das gegenfinanziert wird.

OP : Das Marburger Ionenstrahltherapiezentrum (MIT) gibt es seit fast einem Jahr: Man hatte bisher das Gefühl, es gibt Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem UKGM und der Uni-Klinik Heidelberg, die mit 75 Prozent größter Gesellschafter ist.
Weiß: Die Zusammenarbeit ist ausgezeichnet. Einige hatten sich hier am Standort unbestritten ein anderes Modell vorgestellt, es sollte ursprünglich eine 100-Prozent-Tochter der Rhön AG sein. Aber dieser Punkt ist nach anfänglichen Zögern überwunden. Die Marburger Klinikdirektorin für Strahlentherapie, Professor Rita Engenhart-Cabillic, hat sich da sehr eingesetzt, sie ist unsere Standortverantwortliche und auch in der MIT GmbH eingegliedert. Wir haben auch MIT-Ärzte, die bei uns angestellt sind. Man macht Entscheidungen gegenseitig transparent. Alle Patienten-Fälle werden gemeinsam besprochen. Wir entscheiden gemeinsam in der Tumor-Konferenz, welchen Patienten die MIT-Therapie empfohlen wird. Wir wollen durch das MIT zusätzliche Patienten gewinnen, das ist ein Ergänzungsangebot. Wir gehen davon aus, dass wir 2016 mehr als 150 Patienten haben werden. Bisher sind es 70. Die neue Struktur spielt immer weniger eine Rolle, weil wir uns einig sind, dass wir durch das MIT zusätzliche Patienten in Marburg und Gießen gewinnen und keinen internen Wettbewerb in den einzelnen Kliniken am UKGM haben wollen.

OP: Was sind die nächsten Schritte beim Gesundheitscampus - ein großes Projekt von Rhön?
Weiß : Der Anteil der älteren Bevölkerung steigt, daher müssen wir mit einem Anstieg von Patienten mit Mehrfacherkrankungen rechnen. Um uns dieser Entwicklung zu stellen, streben wir eine verstärkte ambulante Versorgung an. Die stationäre wird aber unsere Hauptaufgabe bleiben. Wir planen die Ansiedlung eines Ambulanz- und Diagnostikzentrums auf den Lahnbergen. Unser Konzept strebt an, dass wir durch mehr ambulante Patienten mehr Schwerkranke bekommen, die eine universitätsmedizinische Versorgung benötigen.

OP : Wie viele Ärzte haben Sie schon für dieses Zentrum gewonnen?
Weiß : Wir haben die Gespräche mit den niedergelassenen Ärzten derzeit zurückgestellt. Denn erst müssen wir mit der Stadt die baulichen Voraussetzungen regeln. Wir haben mit der Stadt verabredet, in den nächsten drei Monaten einen Masterplan Lahnberge zu erstellen. Wenn wir diesen Plan haben, gehen wir wieder zu den Gremien der Stadt und starten einen Architektenwettbewerb. Die Stadt möchte da eng eingebunden werden, weil sie zurecht mitgestalten will. Wenn wir wissen, wie das Gesamtensemble aussehen soll, wird ein Bebauungsplan erstellt werden müssen. Erst dann vertiefen wir Gespräche mit interessierten Ärzten.

OP :  Bleibt der Ortenberg Standort für die Zahnklinik und die Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Weiß : Der Aufsichtsrat hat vor Kurzem entschieden, dass wir einen Campus Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Erwachsenenpsychiatrie und Psychosomatik auf den Lahnbergen bauen wollen. Die Reihenfolge für dieses Ziel ist auch hier Masterplan, Architektenwettbewerb und Bebauungsplan. Wir wollen in den nächsten Wochen mit der Stadt den Fahrplan besprechen, wie wir Grundstücke für diese Kliniken erwerben können. Und wir sind mit der Universität im Gespräch, denn die Zahnklinik ist im Wesentlichen in der Forschung und Lehre tätig. Wir werden in der Psychosomatik den Antrag stellen, das Angebot zu erweitern. Eine neue Zahnklinik könnte Teil des Neubaukomplexes des Ambulanz- und Diagnostikzentrums werden.

OP : Welcher zeitliche Rahmen ist vorgesehen?
Weiß: Wir wollen die Masterplanung in drei Monaten abschließen und in vier Jahren soll der Bau des Ambulanzzentrums fertig sein. Im August werden wir den Umbau der Haupteingangshalle beginnen, die Arbeiten sollen bis zum Jahresende dauern. Die Sanierung der Operationssäle und der Intensivstationen hat bereits begonnen.

OP: Wie soll die neue Eingangshalle aussehen?
Weiß : Dreh- und Angelpunkt wird eine neue Informations-Theke und ein Anmeldungsbereich sein. Die grüne Sitzgruppe wird es nicht mehr geben. Vom Stil her wird das neue Foyer wie der Eingangsbereich des dritten Bauabschnittes (Kopfklinik, Anmerk. d. Red.) aussehen. Der Bücherladen wird schließen. Wir hatten dem Betreiber eine Alternativfläche angeboten, fanden aber leider keine Lösung für die Zeit nach dem Umbau. Der Blumenladen und der Friseur werden ebenso wie die kürzlich erneuerte Cafeteria bleiben.

OP : Sie haben international anerkannte Spezialisten nach Marburg geholt und wollen Schwerpunktbildung betreiben, etwa in der Onkologie. Kann die Personalentwicklung im ärztlichen Mittelbau und in der Pflege da mithalten?
Weiß : Spitzenvertreter kommen nie allein, der in Marburg neue Kinderchirurg Professor Guido Seitz, die neue Kindernephrologin Professor Stefanie Weber und der Kinderonkologe Professor Dieter Korhölz haben zum Beispiel Fachärzte mitgebracht. Es wird niemals nur eine Spitzenpersönlichkeit für die Schwerpunktbildung stehen. Oder nehmen Sie das Beispiel Kinderklinik: In der Neonatologie gelten ab dem nächsten Jahr in ganz Deutschland Personalmindeststandards. Außerdem treffe ich mich alle sechs Wochen mit allen Stationsleitern und wir tauschen uns aus. Wir achten auf das Strategische, aber auch auf das Operative. Der Mittelbau ist die Stütze unseres Betriebes. Ich bin zuversichtlich, auch weil die Zahl der Überlastungsanzeigen zurückgegangen ist. Hier gilt mein Dank allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich täglich für unsere Patienten einsetzen.

OP : Dennoch klagt der Betriebsrat weiterhin über Personalabbau.
Weiß : Wir haben Personal abgebaut, aber nur das Personal, das wir 2013 mit der Erwartung auf einen bisher nicht eingetretenen Leistungszuwachs aufgebaut hatten. Das waren insgesamt 42 Stellen über alle Berufsgruppen - 24 davon in der Pflege.

OP : Skeptiker befürchten, dass eine Schwerpunktbildung zu Lasten anderer Fächer geht. Sie haben ja ein Gesamtbudget.
Weiß : Man sichert die vollumfängliche Versorgung, bevor man in die Schwerpunktbildung geht. Wir haben in allen unseren Kliniken einen hohen universitären Standard zu erfüllen und tun das auch. Wissenschaftlich sind die Mittel nicht ausreichend, damit in jedem Fach eine Forschungs-Exzellenz aufgebaut werden kann, deshalb folgen wir in der Krankenversorgung der Schwerpunktbildung des medizinischen Fachbereiches der Universität Marburg. Der enge und kontinuierliche Austausch zwischen dem Dekan des medizinischen Fachbereichs, Professor Helmut Schäfer, der Uni-Präsidentin Prof. Dr. Katharina Krause und der Geschäftsführung des Universitätsklinikums Marburg gewährleisten hier eine gut abgestimmte Entwicklung.

Neues Parkhaus geplant

OP :  Wann wird es mehr Parkplätze geben?
Weiß : Wir beginnen in diesem Jahr mit einer neuen Parkplatz- und Wegebeschilderung. Wir haben jetzt 300000 Euro in unseren Investitionshaushalt aufgenommen, um eine moderne Parkplatzsteuerung aufzuführen, sodass wir dies je nach Tageszeit flexibel steuern können. Wir brauchen aber mehr Parkplätze und planen nördlich vom Versorgungszentrum daher ein neues großes Parkhaus. Das wird bis spätestens 2019 umgesetzt. Das Grundstück ist allerdings noch nicht gekauft.

OP : Einer der größten Privatisierungs-Kritiker ist der jetzige OB Dr. Thomas Spies (SPD). Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?
Weiß : Persönlich ist die Zusammenarbeit sehr gut, wie sie auch schon in den vergangenen fünf Jahren war. Dr. Spies ist ein Freund der klaren Worte und der klaren Positionierung. Aber er ist auch ein Pragmatiker und er weiß auch um seine Aufgabe, uns als das Marburger Universitätsklinikum zu unterstützen, wie auch wir wissen, ihn als Oberbürgermeister in ganz verschiedenen Funktionen sehr gern zu unterstützen - in Projekten, die er als politische Schwerpunkte ausgerufen hat wie „Marburg gegen Krebs“. Aber es ist nicht nur die Stadt, und er, sondern auch Landrätin Kirsten Fründt. Die Flüchtlingsfrage hat uns alle zusammengeschweißt, da mussten wir pragmatisch und ergebnisorientiert zusammenarbeiten. Das bringt Vertrauen und das ist die Basis.

OP : Die Klinik-Privatisierung ist zehn Jahre her. Es gibt seitdem immer wieder Übernahmegerüchte. Ist die jetzige Aktionärsstruktur von allen akzeptiert?
Weiß : Wir haben bei Rhön eine stabile Aktionärsstruktur und mit Professor Ludwig Braun - der 20 Prozent hält -, Dr. Bernard gr. Broermann, Eugen Münch und seiner Ehefrau Ingeborg Münch vier große Ankeraktionäre. Über 580 Millionen Euro Eigeninvestitionen, die die Rhön AG am UKGM getätigt hat, sprechen eine eigene Sprache. Die Frage der Trägerschaft bestimmt nicht unser Alltagsgeschäft. Vielmehr beschäftigen wir uns damit, wie wir das Universitätsklinikum Marburg im UKGM für die Herausforderungen der Zukunft fit machen können. Auch wenn wir da noch offene Fragen mit dem Land Hessen und den Universitäten Marburg und Gießen haben, wie etwa bei der Trennungsrechnung, sind wir doch sehr zuversichtlich, sehr konstruktiv miteinander sprechen zu können.

von Anna Ntemiris und Till Conrad

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Von Redakteur Anna Ntemiris

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