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UKGM-Betriebsrat: „komplette Unsicherheit“

UKGM UKGM-Betriebsrat: „komplette Unsicherheit“

Der Jahresrückblick der UKGM-Betriebsräte fällt negativ aus. 2012 war eines der schlimmsten Jahre, sagt Bettina Böttcher, Betriebsratsvorsitzende aus Marburg. Der Gesamtkurs des privatisierten Klinikums muss sich ändern, fordert sie für 2013.

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Björn Borgmann(von links), Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung, Marburgs Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher, der Gießener Betriebsratsvorsitzende Klaus Hanschnur und der Marburger Personalratsvorsitzende Dr. Josef Schmitz blickten

Marburg. „Komplette Unsicherheit“ - unter diesem Stichwort fasst Bettina Böttcher das Jahr 2012 für das UKGM zusammen. Beschäftigte, die an den Grenzen ihrer Belastbarkeit arbeiten. Beschäftigte, die nicht wüssten, ob sie im nächsten Jahre ihre Stelle behalten können. Mitarbeiter, die sich mit der Frage befassen, ob sie wieder in den Landesdienst zurückkehren sollten. Für eine gewisse Unsicherheit habe auch der erneute Wechsel an der Spitze des privatisierten Universitätsklinikums gesorgt. Und letztendlich seien auch Patienten verunsichert.

Engpässe im Dezember bei der Reinigung

„Es war eines der schlimmsten Jahre”, sagt Böttcher. Die Überlastungsanzeigen seien nur ein Indikator dafür, ein weiterer: Am UKGM herrsche ein hoher Krankenstand bei den Mitarbeitern, Personalratsvorsitzender Dr. Josef Schmitz spricht von einem erheblichen Anteil von Kollegen, die mehr als sechs Wochen wegen Krankheit fehlen - viele aus psychischen Gründen, so Schmitz, der als Arzt am UKGM arbeitet.

Und in der Pflege sei die Stimmung schlecht, sagt Böttcher. Die Schere zwischen den „patientennahen und patientenfernen“ Berufsgruppen öffnet sich weiter, dabei benötigt beispielsweise jeder Operation auch eine Technik. Kurzum: Jede Arbeitskraft sei wichtig.

Für Beschäftigte, die im Zuge des Dienstleisterwechsels zum Jahresende ihre Stelle bei der Wäscherei verlieren, sei das Jahr besonders dramatisch verlaufen, so Böttcher. In den vergangenen Wochen seien in der Wäscherei viele der betroffenen Mitarbeiter krankgeschrieben gewesen. Dadurch habe es Engpässe bei der Reinigung der Kittel gegeben. Die Betriebsräte berichteten von Mitarbeitern, die zeitweise in T-Shirts arbeiteten.

Klaus Hanschnur: „Das Jahr der Zentrale“

„Wir sind aber die letzten, die das Klinikum schlechtreden. Wir wollen gute Qualität für alle Kollegen und beste Voraussetzungen für alle Patienten”, betont Böttcher. Der Betriebsrat sei nun mal das Sprachrohr der Beschäftigten und müsse über die Situation sprechen, erklärt sie wohl wissend, dass dem Betriebsrat aus Teilen der Politik und Wirtschaft Schlechtmacherei vorgeworfen werde - mal mehr, mal weniger offen.

„Wir erfinden keine Probleme”, betont Björn Borgmann, Vertreter der Azubis und jungen Arbeitnehmer. Ob junge oder ältere Kollegen - alle seien am Klinikum engagiert, die Rahmenbedingungen würden nur immer schwieriger werden. Und es fehle an Personal. In der Küche sei die Sollstellenzahl von 65 auf 63,5 runtergeschraubt worden. „Hier eine Viertel Stelle weniger, dort eine. Das summiert sich“, sagt Böttcher.

Für Klaus Hanschnur, Vorsitzender des Gießener Betriebsrates ist 2012 das „Jahr der Zentrale”. „So heftig wie in diesem Jahr hat sich die Rhön AG in Marburg und Gießen noch nie eingeschaltet”, sagt er. Der Grund: Das UKGM habe sich verkalkuliert. Die Erlössteigerungen stagnieren, nun wolle man Gewinne steigern und Sach- und Personalkosten senken.

Hanschnur bezieht sich dabei unter anderem auf Aussagen aus der Analyse der Unternehmensberatung „McKinsey“ und dem „Zukunftspapier”, das Kliniksdirektoren gemeinsam mit der Geschäftsführung verabschiedeten (die OP berichtete). Das sei eine verordnete „Magerdiät”, der Leistungsdruck werde steigen. Auch bei den Ärzten, sagt Schmitz. „Gerade im ärztlichen Bereich fehlt die Wertschätzung für die Arbeit”, sagt der Mediziner. Es sei in manchen Fachgebieten schwierig, Nachwuchskräfte zu finden. Von 700 Ärzten haben laut Schmitz nur 220 eine unbefristete Stelle. „Nach zwei Jahren verlassen viele das UKGM. Junge Kollegen streiken nicht, sie stimmen mit den Füßen ab“. Die Fluktuation sei hoch. Zudem macht sich Schmitz Sorgen um die Freiheit der Wissenschaft. „Ökonomische Anreize können auch die Therapiefreiheit einschränken“, sagt er. Ein Arzt sollte selber - und unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen - entscheiden können, welche Therapie er verordnet. Um die unterschiedlichen Problemfelder zu erörtern, sollte der Betriebsrat viel stärker involviert werden. Der Sollstellenplan sei zum Beispiel ohne Beteiligung des Betriebsrats geklärt worden, erklärt Böttcher.

Überwältigt von den Solidaritätsbekundungen

Überwältigt sind die Betriebsratschefs von der „Riesensolidarität”, die ihnen in Marburg und Gießen aus allen Bevölkerungsteilen entgegengebracht worden sei. Alle Fraktionen der Marburger Stadtverordnetenversammlung, Patienten, Gewerkschaften haben die Belange der Mitarbeiter öffentlich unterstützt, so Böttcher. Sie weist auf das in diesem Jahr gegründete Aktionbündnis hin, das über 50000 Unterschriften gesammelt und zahlreiche Proteste organisiert hatte.

Auch die Montagsgebete in der Elisabethkirche hätten den Beschäftigten den Rücken gestärkt. Die hessische Landesregierung habe aber diese Signale nicht wahrgenommen. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hätte der Einladung zum Gespräch vor Ort folgen sollen, sagen die Beschäftigtenvertreter. Von der Politik fordern die Betriebsräte gesetzliche Personalmindeststandards und eine Krisenkommunikation. „Auch bei einem Rückkauf des Klinikums wären die gleichen Probleme zu lösen“, sagt Schmitz. Dass das Thema UKGM im Jahr der Landtagswahl zum Wahlkampfthema werden kann, schließt keiner aus. „Wir können das Thema nicht auslassen, weil Wahlkampf ist“, sagt Hanschnur.

Politisches Gezänk wolle aber keiner, sondern Veränderung. „Wir werden den Druck weiter erhöhen“.

Von Anna Ntemiris

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