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Turm erwacht aus jahrzehntelangem Schlaf

"125 Jahre Spiegelslust" - ein Rückblick, letzter Teil Turm erwacht aus jahrzehntelangem Schlaf

Nach der Euphorie der Anfangsjahre, ging es ab Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Beliebtheit des Kaiser-Wilhelm-Turms auf den Lahnbergen bergab – bis ihm 2005 neues Leben eingehaucht wurde.

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Der Blick auf den Kaiser-Wilhelm-Turm vom Wanderweg aus.

Quelle: Karl-Heinz Gimbel

Marburg. Die Planung dauerte 20 Jahre, dann – im Jahr 1890 – fanden die Bauarbeiten den Abschluss. Der Aussichtspunkt auf Spiegelslust war fertig, und das, nachdem er beim ersten Aufbauversuch noch zusammengebrochen war.

Die Einweihungsfeier wurde verbunden mit dem patriotischen Gedenken an den deutschen Sieg 1870 gegen Frankreich bei Sedan. Traditionell begann die sogenannte Se-danfeier am Vorabend auf der „Cappler Höhe“ unter Singen von Vaterlandsliedern. Gleichzeitig veranstaltete der „Bürger- und Nordverein“ eine Beleuchtung des Turmes auf Spiegelslust.

Am 2. September starteten die Feierlichkeiten um 6 Uhr mit dem Hornsignal Reveille durch das Musikorchesters des Philippinums. Der Festzug wurde auf der Ketzerbach aufgestellt. Um 14 Uhr kam es zum Abmarsch. Der lange Zug führte „unter Vortritt der Musik und Singen einiger Vaterlandslieder“ vom Aufstellungsplatz durch die Bahnhofstraße und Krummbogenweg zum Turmplatz.

Den Anfang bildeten sämtliche Schulen der Stadt. Danach marschierten die Professoren und Studenten der Universität und die Mitglieder der Vereine der Stadt. Den Schluss des langen Festzugs bildete „die Bürgerschaft“. Der Beginn der Feier auf Spiegelslust wurde durch Hochziehen der Fahne bekannt gegeben.

Marburger schrieben Gedichte über den Turm

Lokalpatrioten schrieben in der Folgezeit Gedichte, Zeilen wie: „Nun steht er doch der neue Turm und blickt stolz in die Lande; er trotzt dem Wetter und dem Sturm und macht uns keine Schande. Er ist aus gutem Stein gebaut und steht auf festem Grunde; von seiner Zinne trunken schaut das Auge in die Runde.“

Nach der Einweihung des Aussichtsturmes strömten die Marburger an den Feiertagen hinauf zu ihrem neuen Wahrzeichen. Die Besteigung kostete für Erwachsene 10 Pfennige und für Kinder 5 Pfennige. Pro Jahr wurden bis zu 10 000 Eintrittskarten abgerechnet. Noch 1920 wurden fast gleiche Zahlen vom Kartenverkauf in den Akten verzeichnet. Der Turm wurde zum Hauptanziehungspunkt für Ausflüge.

Ab 1901 wurden Verbesserungsarbeiten wie etwa das Legen einer Wasserleitung realisiert. Ein großer Missstand war und blieb lange die fehlende elektrische Beleuchtung auf Spiegelslust. Erst 1927 wurde eine Freileitung zum Turm hergestellt – ebenso eine Telefonverbindung.

Nach Zweitem Weltkrieg verwaist Aussichtspunkt

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Turm mit geringen Schäden. Randalierer verwüsteten ihn allerdings, Türen und Scheiben wurden eingeschlagen. Lange Zeit war der beschädigte Turm verwaist. 1955 wurde die Turmspitze neu eingerüstet. Und erst nachdem der Turm durch die Stadt eigene Bewirtschafter erhielt, wurde es wieder lebendiger am Turm. Doch es blieb für alle Betreiber die Notzeit des Winters. Über ausbleibende Einnahmen in der kalten Jahreszeit hatten bereits alle Betreiber schon vor über hundert Jahren geklagt. Eine von der Stadt eingerichtete Rodelbahn von der Gaststätte hinunter bis zur Abdeckerei Gary konnte die Einnahmelücken nicht schließen.

Seit 2005 ist der Gastraum neben dem Turm erweitert worden, und mit einer rührigen Bewirtschaftung ist wieder reges Leben im und um den Turm eingekehrt. Die hohen Besucherzahlen zu den Veranstaltungen beweisen, dass dieMarburger „ihren“ Turm wieder annehmen. Immerhin haben vor mehr als 125 Jahren ohne Ausnahme sämtliche Marburger Bürger durch ihre freiwilligen Spenden den Bau des Aussichtsturms ermöglicht.

von Karl-Heinz Gimbel

  • OP-Gastautor Karl-Heinz Gimbel widmet sich der Stadtgeschichte. Er hat in den vergangenen Jahren Bücher zum Kaiser-Wilhelm-Turm, der Ketzerbach und der Marburger Straßenbahn veröffentlicht.
  • Am Sonntag, 30. August, von 11 bis 18 Uhr findet ein Jubiläumstag am Turm statt. Zeitgleich wird das in dem Wahrzeichen angesiedelte Turmcafé zehn Jahre alt.
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