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Türkin nach der Wahl: „Wir passen hier nicht mehr rein“

Erdogan spaltet die Türken Türkin nach der Wahl: „Wir passen hier nicht mehr rein“

Die islamisch-konservative Partei AKP geht bei den Kommunalwahlen in der Türkei als Sieger hervor – und mit ihr Regierungspräsident  Recep Tayyip Erdogan. Twitter und You­tube sind weiterhin gesperrt – die Kritik an der Erdogan-Politik verstummt deswegen nicht. Drei Türkinnen melden sich zu den Kommunalwahlen in ihrer Heimat zu Wort. 

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Gemeinsam mit ihrer Tochter verfolgt die 45-jährige Intensivkrankenschwester aus Marburg die Berichterstattung über die Wahlergebnisse in ihrer türkischen Heimat.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Müde ist sie – und gleichzeitig zu aufgebracht um zu schlafen. Es ist nicht der erste Kaffee, den sie an diesem Morgen trinkt.  Viele weitere werden in den nächsten Stunden folgen. Bis vier Uhr morgens ist sie wach geblieben. Hat sich gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Wohnzimmer versammelt, um die Berichterstattung über die Kommunalwahlen in der Türkei zu verfolgen.

Gleich zwei Fernseher haben sie aufgestellt, um die Auszählungsergebnisse auf unterschiedlichen Kanälen zu vergleichen. Die staatlich kontrollierten Medien melden bereits am Sonntagabend einen deutlichen Wahlsieg der AKP – die unabhängige Medien zeichnen ein anderes Bild. Stimmen müssen neu ausgezählt, Ergebnisse korrigiert werden.

Bei Facebook posten Bekannte aus dem benachbarten Stadtallendorf Bilder eines Straßenfestes, bei dem Regierungspräsident Erdogan und der Sieg der AKP am Sonntagabend bis spät in die Nacht hinein gefeiert werden. Am Telefon berichten die Verwandten aus der Türkei von Stromausfällen in den Wahllokalen, von gestohlenen Urnen und Einschüchterungsversuchen.

Furchterregende Entwicklungen in der Türkei

Sie nippt wieder an ihrem Kaffee. Ihren Namen will sie nicht öffentlich nennen. Ihr Mann, ebenfalls ein Türke, ist selbstständig. Seinen Ruf will sie nicht gefährden.  Genau so wenig will sie glauben, was sich in ihrem Heimatland gerade abspielt. „Erdogan möchte eine Generation erschaffen, die nach der Religion lebt. Er möchte eine Jugend formen, die nichts mehr hinterfragt“, empört sich die 45-jährige Intensivkrankenschwester.

„Ich gucke mit Wehmut auf mein Land“, sagt sie weiter. „Das Bild, das von der Türkei gezeichnet wird, ist ein falsches. Die Türkei ist wie eine Perle, die noch nicht geschliffen ist. Ein Schmelzpunkt der Kulturen“, erklärt die Mutter dreier Kinder. Die politische Entwicklung der vergangenen Monate macht ihr Angst.

„Die Werte der Religion sind sehr wichtig, aber es ist doch klar, dass Religion und Staat voneinander getrennt sein müssen.“Klar – für sie, die aus Antakya stammt. Der Grenzstadt zu Syrien. Der Stadt, deren Bewohner der AKP nur wenige Stimmen schenkten. Der Stadt, in der seit Monaten gegen die Politik Erdogans demonstriert wird. Irgendwie ist sie stolz, aus dieser Region des Landes zu stammen. Stolz einen Bruder zu haben, der als Wahlhelfer agiert. Stolz auf ihre Freunde und ihre Familie, die jeden Tag in der Türkei versuchen, die Nachrichtenkontrolle zu umgehen und sich ein eigenes Bild zu machen. Die sich über Facebook, Twitter und Youtube auszutauschen versuchen. Die nicht verstummen – auch dann nicht, wenn die Plattformen gesperrt werden.

Die Macht eines Wahnsinnigen

Eine dieser Freundinnen ist die 47-jährige Fatma. Auch sie hat Angst, ihren richtigen Namen zu nennen. Auch sie fürchtet Konsequenzen. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und im Alter von 17 Jahren bewusst in ihr Heimatland zurückgekehrt. Mit Freunden und Verwandten in Marburg hält sie Kontakt.

In den letzten Monaten haben sich die Inhalte der Gespräche verändert. Es geht nicht mehr um die Fragen des Alltags. Es geht um die Zukunft. Plötzlich muss sich die 47-Jährige fragen, ob sie und ihre Familie noch in der Türkei leben können. Ob ihre Kinder eine Zukunft in einem Land haben, in dem freies Denken sündhaft zu sein scheint.

„Wir fühlen uns mittlerweile unsicher. Das hat nichts mit der Macht des Staates, sondern etwas mit der Macht eines Wahnsinnigen zu tun. Wenn das hier so weitergeht, dann müssen wir das Land verlassen, wir passen hier nicht mehr rein“, sagt sie. Ihre Stimme klingt nicht wütend. Eher müde. Resignierend. Ein bisschen hoffnungslos.

Frauen bekommen mittags keinen Wein mehr im Restaurant

Erst vor wenigen Tagen wollte sie mit ihren Freundinnen in der Mittagspause ein Gläschen Wein trinken. So, wie sie es seit 30 Jahren tun. Der Wein wurde ihnen verwehrt. Alkohol verkaufe man hier nicht mehr, so die Aussage des Inhabers. An Frauen erst recht nicht. „Es sind Freiheiten, die uns genommen werden. Wir kriegen keine unabhängigen Nachrichten mehr. Es ist so, als sei der Kontakt zu der Welt abgebrochen.“

Die 47-Jährige lebt in Ankara.  Sie hat in den vergangenen Wochen an Demonstrationen gegen die AKP und gegen Erdogan, der zuletzt wegen Korruptionsvorwürfen in die Kritik geriet, teilgenommen. Darüber berichtet haben die staatlich kontrollierten Medien nicht. Hunderttausende treibt es auf die Straßen – ihre Wut, ihre Empörung und ihre Rufe werden totgeschwiegen.

Die sozialen   Netzwerke seien enorm wichtig geworden, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Um Informationen zu verbreiten und abzugleichen. „So fremdbestimmt wie jetzt möchte ich nicht mehr leben“, sagt sie.Gülsah Yurdaul kann diesen Gedanken nachvollziehen. Die 28-jährige Türkin macht gerade ihren Master in Marburg. In Gedanken ist sie jedoch in Istanbul. Bei ihren Freunden, die mehr und mehr für ihre Meinungsfreiheit kämpfen. „Wir lernen an der Uni, unseren Gedanken freien Lauf zu lassen – und dann das“, sagt sie.

Es fällt ihr schwer, in der politisch aufgeladenen Zeit nicht vor Ort zu sein. Als ihre Freunde im Gezi-Park demonstrierten, packte sie ihre Sache und fuhr zum Flughafen. „Ich wollte zurück in die Türkei fliegen und für meine Generation einstehen“, sagt sie. Das Geld reichte nicht. Sie musste nach Marburg zurückkehren. „Viele meiner Freunde fühlen zum ersten Mal politische Konsequenzen. Wir sind durch Facebook und Twitter vernetzt und widersetzen uns so der Medienkontrolle. Das ist so wichtig für meine Generation – und nun wird uns alles genommen“, sagt sie mit leiser Stimme. Laut wird auch sie schon lange nicht mehr. „Nach der Wahl habe ich nicht viel Hoffnung, dass sich etwas verändert. Die Leute sind verängstigt.“

von Marie Lisa Schulz

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