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Trotz Parkinson einfach erfüllt leben

Selbsthilfe Trotz Parkinson einfach erfüllt leben

In der Gaststätte Heinen in der Brießelstraße in Kirchhain treffen sich die Mitglieder der Parkinson-Selbsthilfegruppe zu regelmäßigen Treffen und gehen offen mit ihrer Krankheit um.

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Gemeinsam geht es einfach besser und leichter. Mitglieder der Selbsthilfegruppe treffen sich nicht im Verborgenen, sondern ganz offen in einer Gaststätte in Kirchhain. Kleine körperliche Übungen gehören dann auch dazu.

Quelle: Klaus Böttcher

Kirchhain. Susanne Visosky schiebt den Rollstuhl, in dem ihr Mann Willi sitzt. Ziel ist die monatliche Zusammenkunft der Mitglieder der Parkinson Regionalgruppe Kirchhain - Marburg. In dem Gastraum werden noch Tische und Stühle gerückt, so dass die Anwesenden möglichst in einer Runde sitzen. Elisabeth Schick aus Mardorf legt Karnevalsmusik auf und dann wird eine knappe halbe Stunde Gymnastik gemacht. Fällt dabei mal ein Ball zu Boden, dann macht das nichts, denn hier steht die Bewegung und der Spaß dabei im Vordergrund.

Willi Visosky schafft es sogar den Ball hinten um seinen Rollstuhl herum zu reichen.

Er möchte sich gegenüber der Presse zu seiner Krankheit äußern, die ihn schon seit 1985 begleitet. Seine Frau Susanne ist sein Sprachrohr, denn er ist kaum zu verstehen. „Wir haben das zu Hause abgestimmt“, sagt Susanne Visosky, die 12 Jahre lang die Selbsthilfegruppe geleitet hat und betont wie wichtig es sei, dass auch die Partner zu den Treffen mitkommen. Es habe bei ihrem Mann mit dem typischen Händezittern angefangen. Typisch sei auch gewesen, dass er zunächst die Hände verbergend unter dem Tisch gehalten habe. Damals sei Parkinson auch bei den Neurologen noch nicht so bekannt gewesen. „Der Neurologe hier hat nach Alkohol und Rauchen gefragt“, sagt Susanne Visosky. Ihr Mann war zu der Zeit als Ingenieur an der ICE-Strecke in Kassel beschäftigt und ist dort zu einem Neurologen gegangen. „Der hat einen Riechtest gemacht, denn man weiß, dass an Parkinson erkrankte den Geruchsinn verlieren.“ Der war bei ihm schon eingeschränkt und es wurde Parkinson erkannt. Willi Visosky hat noch fünf Jahre gearbeitet und musste dann mit 55 Jahren in Rente gehen. Er ist mit Tabletten gut eingestellt und muss nur jedes halbe Jahr zur Untersuchung in die Neurologie. „Wir sind in der Marburger Neurologie in besten Händen“, sagt die Ehefrau und schwärmt von den Treffen und Aktivitäten der Gruppe, an denen sie beide gerne teilnehmen.

So geht es auch dem Ehepaar Schuh aus Anzefahr. „1995 habe ich ein leichtes Zittern erkannt, dann wurde meine Schrift immer kleiner und meine Stimme wurde schwächer“, erzählt Gerhard Schuh von den Anfängen seiner Krankheit. Ein Jahr später musste er in Rente gehen. Das Ehepaar kommt mittlerweile auch mit der Krankheit ganz gut zurecht. „Es ist wichtig, dass man sich mit Betroffenen austauscht“, sagt Gerhard Schuh zu den Treffen und ergänzt: „Man muss zu der Krankheit stehen, man muss damit leben und darf sich nicht hängen lassen.“ Damit spricht er auch die Leute an, die an Parkinson erkrankt sind und sich nicht trauen, zu der Selbsthilfegruppe zu kommen. „Man muss nicht sofort Mitglied werden“, betont die Leiterin der Gruppe Helgard Bernsee und erzählt dann von der Krankheit.

Bei den Zusammenkünften der Selbsthilfegruppe und besonders beim regelmäßigen Stammtisch steht die Krankheit mit all seinen Tücken und Problemen sowie den Möglichkeiten der Linderung, denn eine Heilung ist immer noch nicht möglich, oftmals im Mittelpunkt. Es gibt beispielsweise Informationen zum Krankheitsbild Morbus Parkinson, Ratschläge für den Umgang mit der neuen Lebenssituation, es werden Erfahrungen mit der Krankheit mit Ärzten und Behörden ausgetauscht, neue therapeutische Möglichkeiten vorgestellt und die Kontakte mit Betroffenen, ihren Angehörigen und Freunden gepflegt. Dabei kommt die Geselligkeit nie zu kurz und es werden auch Grillfeste und Busfahrten veranstaltet.

Den Mitgliedern der Gruppe ist es wichtig, die Öffentlichkeit über Parkinson mit seinen Auswirkungen zu informieren, um mehr Verständnis für die Betroffenen zu erzeugen. Helgard Bernsee, die selbst auch von der Krankheit betroffen ist, sagt: „Wir können alles, aber nur ganz langsam“ und belegt das mit einem simplen Alltagsbeispiel. An der Kasse im Supermarkt wird von hinten gemosert: „Können sie nicht schneller einpacken.“ Wer Parkinson kennt, wird nicht so handeln. Helgard Bernsee betont: „Auch mit Parkinson ist es möglich, ein erfülltes Leben zu führen“ und klärt gleichzeitig auf: „An Parkinson stirbt man nicht, es ist keine zum Tode führende Krankheit.

Informationen gibt gerne Helgard Bernsee Telefon 06421 / 360154.

von Klaus Böttcher

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