Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Trotz Missbrauchs: Mutter entgeht Gefängnis-Strafe

Kindesmissbrauch Trotz Missbrauchs: Mutter entgeht Gefängnis-Strafe

Gemeinschaftliche Vergewaltigungen, Beihilfen zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, Prügel-Attacken: Vor dem Landgericht in Marburg musste sich gestern eine siebenfache Mutter verantworten.

Voriger Artikel
Die Welt wird auf den Kopf gestellt
Nächster Artikel
Planer wollen Uni-Areal aufwerten

Symbolbild - die siebenfache Mutter aus Marburg beteiligte sich am Missbrauch ihrer eigenen Kinder.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Gewöhnung an Gewalt, Vergötterung des brutalen Ehemanns, massive psychische Störungen - die 37-jährige Marburgerin wurde wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Prügelattacken gegen ihre Kinder zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Zusätzlich wurde sie zu 200 Arbeitsstunden und einer Pflicht-Psychotherapie verpflichtet. Dieses Urteil fällte das Marburger Landgericht. „Es sind schlimme Taten, moralisch und sittlich sind Sie enorm schuldig. Zugleich sind Sie Opfer, waren ihrem Ehemann, dem eigentlichen Täter, völlig hörig“, sagte Richter Thomas Wolf zur Begründung. Zwischen 2005 und 2010 hatte die Angeklagte ihrem Mann in mindestens 17 Fällen beim Missbrauch von sieben minderjährigen Kindern geholfen, diese geduldet. Sie hat von allen Attacken Hans-Joachim K‘s (51), der 2010 zu zwölf Jahren Gefängnis und Sicherungsverwahrung verurteilt wurde, gewusst. Die Putzfrau gestand alle Vorwürfe, welche die Staatsanwaltschaft erhob. „Es tut mir unendlich leid, das lief alles aus dem Ruder“, sagte sie.

Vor allem die älteste Tochter wurde immer wieder Opfer der sexuellen Übergriffe. Ab 2008 musste sie den Vater erst mehrfach oral befriedigen, später zwang er sie zum Geschlechtsverkehr. Häufig war die angeklagte Mutter während der Sex-Attacken gegen die damals 14-Jährige im Schlafzimmer, dem Tatort. Unternommen habe sie nichts – das bezeugten die Kinder, die als Nebenkläger im Prozess aufgetreten sind.

Er drohte ihr mit dem Tod

„Mein eigener Vater stellte mir schon als kleines Kind nach, beobachtete mich etwa beim Duschen. Meine Mutter hasste mich, ich war nie gut genug für sie“, sagte die 37-Jährige Angeklagte. Als sie mit 15 Jahren ihren späteren Ehemann kennenlernte, sei das eine Befreiung aus den Fängen der Terror-Eltern gewesen. „Ich habe mein Leben von ihnen völlig abgekapselt, für mich zählte nur noch die eigene Familie“, sagte sie.

Mit 16 bekam sie ihr erstes, mit 28 ihr siebtes Kind. Sie heiratete zwischendurch ihren Helden, der jedoch ihr erster Freund war. Prügel und sexuelle Übergriffe seien später Alltag geworden, erzählt sie mit leiser Stimme.

Psychologen: „Sie hätte anders handeln können“

Experten bezeichnen die Familie in ihren wissenschaftlichen Bewertungen als „inzestuös“, die Mutter habe sich mit dem Täter voll identifiziert, „wie bei einem Stockholm-Syndrom“, sagte eine Sachverständige. Eine Psychologin und eine Nebenklage-Anwältin berichteten zudem von neuen Zeugenaussagen der Hauptgeschädigten und ihrem immer schlechter werdenden gesundheitlichen Zustand. „Sie will ihrer Mutter gerne sagen, wie sehr sie die Familie, das ganze Leben ins Elend gestürzt hat.“ Ein Geständnis und eine gerechte Strafe - mitunter jahrelang Haft - fordere sie. Gleichzeitig sehe das Opfer, wie auch die anderen geschädigten Kinder, den Vater als den Haupttäter.

Während dieser für zwölf Jahre in das Gefängnis muss, mit anschließender Sicherungsverwahrung, fällt der Schuldspruch gegen die Mutter - zwei Jahre Gefängnis auf Bewährung sowie 200 Arbeitsstunden und eine Psycho-Therapie - milde aus. Obwohl ein umfangreiches psychologisches Gutachten zur Verfassung und Schuldfähigkeit der Angeklagten zum Schluss kam, dass „sie anders hätte handeln können, da sie zwar selten, aber bewusst immer mal wieder einschritt“. Dieser Auffassung folgte das Gericht jedoch nicht: „Die Frau hatte nicht die Mittel, sich zu wehren. Sie war völlig in Beschlag, isoliert und abgeschirmt von einem dominanten Typ, der sie in allen Belangen beherrscht hat“, sagte Richter Thomas Wolf in seiner Urteilsbegründung. Es habe sich um „eine symbiotische Beziehung“ gehandelt, Eigenständigkeit, einen persönlichen Reifeprozess kenne die Beschuldigte nicht.

„Sie ist zwar keine aktive Täterin, aber Mitwisserin schlimmer Taten“, ergänzte die Staatsanwältin. Doch sei sie als Jugendliche von einem 14 Jahre Älteren bereits unterdrückt, von der Außenwelt abgeschottet worden. „Sie hat im Leben schon früh alles verloren.“

Absprache: Für Geständnis gibt‘s Bewährungsstrafe

Schon vor der Verhandlung arbeiteten die Juristen an einem Deal: Ein volles Geständnis der Angeklagten vorausgesetzt, könnte das Gericht die massiven psychischen und persönlichen Störungen derart gewichten, dass das Strafmaß auf eine Bewährungsstrafe beschränkt werden könnte. Wolf signalisierte schon zu Prozessbeginn Zustimmung zu diesem Schritt: „Für Nicht-Juristen mag das bei diesen schlimmen Taten, der Masse der Anklagepunkte überraschend sein, aber das ist rechtlich und angesichts dieser Beihilfe-Vorwürfe möglich.“

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr