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Trotz Einreiseverbot nach Marburg zurückgekehrt

Aus dem Amtsgericht Trotz Einreiseverbot nach Marburg zurückgekehrt

Für den Staatsanwalt handelte der 20-jährige Afghane „menschlich nachvollziehbar“. Dennoch habe er gegen einen formellen Akt verstoßen, urteilte das Jugendgericht.

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Der Angeklagte musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Weil er in Deutschland und nicht in seinem eigentlichen Einreiselandland einen Asylantrag gestellt hatte, wurde ein junger Afghane ausgewiesen, kehrte jedoch widerrechtlich zurück nach Marburg. Grund für die illegale Einreise des 20-Jährigen war quasi eine Flucht nach der Flucht. Aus seiner Heimat in Afghanistan floh der damals 18-Jährige aus Angst vor terroristischen Vergeltungsmaßnahmen gegen seine Familie.

Sein Vater arbeitete bei den Vereinten Nationen, lebte mit Frau und Kindern in einem von den Taliban kontrollierten Gebiet. Durch den Beruf des Vaters galt die ganze Familie als Verräter, arbeitete sie doch „mit den Ausländern zusammen“. Übergriffe, Entführungen und Todesdrohungen seien die Folge gewesen, „wir konnten dort nicht mehr leben“, berichtete der Angeklagte vor Gericht.

Zur Sicherheit trennte sich die Familie, einige flohen nach Pakistan, andere Angehörige nach Europa. Über Bulgarien reiste der Heranwachsende nach Europa und weiter nach Deutschland, erreichte Marburg vor zwei Jahren. Sein Asylantrag wurde schließlich „als unzulässig verworfen“. Der Grund: Er hätte in Bulgarien bleiben und dort um Asyl bitten müssen. Dies sei ihm nicht klar gewesen, „ich habe nicht verstanden, warum man mich abschiebt“, erklärte der junge Mann.

Laut der sogenannten Dublin-Verordnung muss ein Asylsuchender in dem europäischen Land, das er als erstes betritt, einen Antrag auf Asyl stellen.

Nachdem der angeklagte Flüchtling die Grenze zu Bulgarien überschritten hatte, fiel dem Dublin-Staat somit automatisch die Verantwortung zu.

Im März vergangenen Jahres wurde der Heranwachsende daher nach Bulgarien abgeschoben. Trotz Einreiseverbot kehrte er im folgenden Mai zurück, sein Wunsch, wieder zurück nach Marburg zu kommen, war größer als seine Sorge, erwischt zu werden, sagte er aus.

In Bulgarien habe er sich nicht sicher gefühlt, sei nach seinem Transport in das Einreiseland angeblich verhaftet und auch misshandelt worden. „Mir wurde gesagt, dass ich auch dort nicht bleiben kann“, sagte der Angeklagte.

Von der Polizei sei er zwei Tage lang eingesperrt, gefesselt und geschlagen worden, bevor man ihn in ein Flüchtlingslager brachte. Auch dort schien er unerwünscht, man sagte ihm: „Geh hin, wo du hinwillst.“ Dies tat er, nicht zuletzt aus Angst vor weiteren Übergriffen, „in so einem Land wollte ich nicht bleiben“, erklärte der 20-Jährige.

Die entsprechende Frist zur Wiederaufnahme in Bulgarien lief zudem ungenutzt aus, womit sich derzeit erneut die deutschen Behörden mit dem Antrag des jungen Mannes befassen, teilte ein Vertreter der Ausländerbehörde mit. Derzeit darf sich der Flüchtling in Deutschland aufhalten, formell geregelt durch eine Duldung, für die er alle drei Monate eine Verlängerung beantragt.

Jugendgerichtshilfe sieht positive Entwicklung

Sein größter Wunsch sei es, hier leben zu dürfen, „ich möchte gerne in Marburg bleiben“, betonte er. In der Universitätsstadt würde er gerne eine Ausbildung absolvieren, nimmt derzeit bereits an einer Ausbildungsvorbereitung teil.

Generell habe sich der junge Mann gut integriert, neben der mehrmonatigen Sprachschule bereits eine Berufsqualifizierung absolviert, bescheinigte ihm auch die Jugendgerichtshilfe eine positive Entwicklung. Die Mitarbeiterin des Jugendamtes sprach sich für eine geringe Arbeitsauflage aus.

Dem stimmte Staatsanwalt Jürgen Noll zu, der auf den allgemeinen Kontrast von Recht und gefühlter Gerechtigkeit in emotionalen Prozessen hinwies. Dies sei einer der Fälle, welche die Beteiligten neben den klaren Gesetzen des Staates, der zu Recht kontrolliere, wer sich im Staatsgebiet aufhalte, doch ebenso mit „schweren menschlichen Schicksalen“ konfrontiere.

Die Gründe des Angeklagten für den Verstoß seien „menschlich nachvollziehbar - das rechtfertigt die Sache natürlich nicht“, resümierte Noll.

Mit seiner widerrechtlichen Einreise habe der junge Mann „gegen einen formellen Akt verstoßen, da gibt es nichts dran zu rütteln“, stimmte auch Richter Dirk-Uwe Schauß zu. Eine gewisse Sanktion sei daher angebracht.

Der Richter stellte das Verfahren vorläufig ein, als Auflage hat der Angeklagte 30 gemeinnützige Arbeitsstunden abzuleisten.

von Ina Tannert

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