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Trockene Sommer und geflutete Keller

Klimaschutz Trockene Sommer und geflutete Keller

Wenn es ganz schlimm kommt und stundenlang wie aus Kübeln gießt, hilft auch kein Deich. Für den Hochwasserschutz wird im Landkreis gleichwohl einiges getan.

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Das Hochwasser der Lahn überflutet in Marburg regelmäßig Teile der Wege, die entlang des Flusses laufen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Die Aussichten sind nicht die allerbesten. Der Klimawandel, so die Prognose der Forscher, wird für trockenere Sommer und mildere,aber feuchtere Winter sorgen. Das wird die Hochwassergefahr in der kalten Jahreszeit erhöhen, zugleich soll die Zahl der Extremniederschläge in der warmen Jahreszeit ansteigen - und das bedeutet auch im Sommer vollgelaufene Keller. Insbesondere extreme, häufig örtlich sehr begrenzte Niederschläge aber lassen sich kaum vorhersagen - und einen umfassenden Schutz gegen sie gibt es auch nicht, stellt Jürgen Hummel vom Hochwasserschutz-Team des Gießener Regierungspräsidiums klar.

Seine Behörde begleitet die Planung von Schutzeinrichtungen und ist neben der Unteren Wasserbehörde auch für die Aufsicht der Anlagen zuständig, allerdings nur für die großen. Zu denen zählt etwa das Hochwasserrückhaltebecken Kirchhain, das mit über 17 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen sogar für die sogenannten 1000-jährlichen Hochwasser konzipiert wurde. Sein Einzugsgebiet umfasst fast 900 Quadratkilometer und es soll die Hochwasser der Ohm daran hindern, im Lahntal zusätzliche Schäden anzurichten.

Rückehaltebecken allein reichen nicht

Die Dimension des Kirchhainer Beckens wird im Vergleich mit dem Perfstausee deutlich, der neben den dauerhaft gestauten 0,6 Millionen Kubikmetern noch einmal gut 2 Millionen Kubikmeter aufnehmen kann. Verantwortlich für die Schutzeinrichtungen sind die Kommunen, die die Anlagen aber nicht komplett finanzieren müssen, sondern auf hohe Landeszuschüsse zählen dürfen.

Mit dem Bau von Rückhaltebecken oder Deichen ist es aber nicht getan. Die Anlagen müssen auch gepflegt werden, damit sie funktionstüchtig bleiben. In der Praxis bedeutet dies, dass die Deiche und Dämme mindestens zwei Mal pro Jahr gemäht werden. Bäume und Büsche sind ohnehin tabu.

Während die Rückhaltebecken vergleichsweise neu sind, gehören die Deiche schon lange zum Landschaftsbild, schließlich sind die Hochwasser keine Erfindung der Moderne. „Viele sind in die Jahre gekommen und haben einen entsprechenden Sanierungsbedarf“, berichtet Jürgen Schneider, beim RP für die Deiche zuständig.

Aber auch mit Neubauten hat sein Amt zu tun, in Wallau etwa soll ein kleineres Industriegebiet eingedeicht werden. Bemessungsgrundlage für solche Anlagen sind die hundertjährigen Hochwasser, für die etwa der Deich in Cölbe zu niedrig ist. Deshalb muss der Deich hier erhöht werden, was wiederum das vorhandene Überschwemmungsgebiet verringern würde, also ein Ausgleich gefunden werden muss.

Hier deute sich eine Lösung an, verrät Jürgen Schneider. Besonders prekär sei die Lage in Weimar, insbesondere in Roth, der „Werft im Lahntal“, erklärt Schneider. Hier habe die Untere Wasserbehörde zahlreiche Mängel an den Deichen festgestellt. Seit dem vergangenen Jahr laufe eine Initiative zur Deichsanierung.

Für 25 Gewässer gibt es Überschwemmungsgebiete

Die Ausgleichsmaßnahmen sind indes einer der Knackpunkte beim Hochwasserschutz. Für 25 Gewässer im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind Überschwemmungsgebiete ausgewiesen. Sie dienen zunächst den Kommunen und Bürgern als Informationsgrundlage, haben zugleich aber auch rechtliche Folgen, verrät Schneiders Kollege Hilmar Koch. Zum Teil sind diese Flächen schon jetzt bebaut, sehr viele werden landwirtschaftlich genutzt, andere aber würden sich aus Sicht der Kommune auch sehr gut als Gewerbegebiet eignen.

Und da es für jede Regel eine Ausnahme gibt, kann auch der Grundsatz, dass die Überschwemmungsflächen freizuhalten sind, umgangen werden.Allerdings hat der Paragraph 78 des Wasserwirtschaftsgesetzes dafür hohe Hürden aufgestellt - und ohne einen entsprechenden Ausgleich geht es gar nicht - schließlich muss das Wasser irgendwo hin.

Vor diesem Dilemma steht auch die Stadt Marburg, die einen Damm neben der B 3 etwas erhöhen möchte, um die dahinter liegenden Flächen besser zu schützen. Die aber sind in den Karten als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen - mit einem höheren Damm aber nicht mehr wären.

Jürgen Rausch von der Bauverwaltung der Stadt Marburg sieht in dieser Frage auch keine praktikable Lösung. „Wir wissen nicht, wie wir den Retentionsausgleich liefern sollen.“ Er kritisiert, dass in den aktuellen Plänen des Regierungspräsidiums Flächen als Überschwemmungsgebiete ausgewiesen sind, die es eigentlich gar nicht seien, weil sie mit Dämmen vor Hochwasser geschützt seien.

Neben den Kommunen ist aber auch der einzelne Bürger - soweit er von Hochwasser betroffen sein könnte - verpflichtet, Vorsorge zu treffen. Dem Häuslebauer etwa raten die Experten, einen ebenerdigen Hauseingang zu vermeiden und wertvolle und wichtige Anlagen wie die Heizung möglichst nicht im Keller unterzubringen. Bei bestehenden Gebäuden lässt sich mit sogenannten Dammbalken und einer leistungsstarken Pumpe Schlimmeres verhindern.

Eine App warnt vor steigenden Pegelständen

Information ist aber auch hier ein entscheidender Faktor. Deshalb hält das Regierungspräsidium ein permanentes Hochwasser-Meldesystem vor. Ein Messnetz mit diversen Pegelanlagen liefert dafür eine zuverlässige Datengrundlage. Sie werden zusammen mit den Vorhersagen des Deutschen Wetterdienstes in ein Simulationsmodell eingespeist. Wenn ein Hochwasser zu erwarten ist, wird diese Vorhersage intensiver betrieben und die betroffenen Landkreise werden informiert. Unter der Internetadresse www.hwlz.de können auch interessierte Bürger die Informationen abrufen. Noch komfortabler ist eine Hochwasser-App für Smartphone-Besitzer. Die meldet sich, wenn die vom Nutzer angegebenen Flüsse betroffen sind.

Behalten die Klimaforscher mit ihren Prognosen recht, dann wird die Schneeschmelze im Frühjahr an der Lahn in Zukunft schwächer ausfallen. Die Niederschläge sollen im Winterhalbjahr zwar zunehmen, aber überwiegend in Form von Regen vom Himmel fallen. Extrem kalte Winter, davor warnt Jürgen Hummel, seien damit aber nicht ausgeschlossen. „Strenger Frost, der den Boden verschließt, darauf viel Schnee und dann eine Warmfront mit viel Regen“, beschreibt er ein Szenario, das ein starkes Hochwasser garantieren würde. Kräftigen Frost hatten wir schon ...

von Frank Rademacher

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