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Trend zur ambulanten Therapie

Psychiatrie Trend zur ambulanten Therapie

Weniger Medikamente, mehr Psychotherapie und Selbstbestimmung psychisch kranker Menschen? Wohin entwickelt sich die moderne Psy­chiatrie? Diesen Fragen ­gingen Therapeuten und Patienten auf den Grund.

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Dr. Jürgen Gallinat (von links), Bettina Jahnke, Dr. Tilo Kircher, Andreas Jung und Dr. Thomas Becker diskutierten über die Zukunft der Psychiatrie.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Rund 80 Zuhörer, darunter mehrere Therapieerfahrene, verfolgten im Hörsaalgebäude die Stellungnahmen namhafter Referenten, brachten ihre eigenen Ansichten zur „Psychiatrie der Zukunft“ mit ein. Zu diesem Motto eingeladen hatte der Marburger Verein Ex-In Hessen, der sich für eine gesellschaftliche wie berufliche Teilhabe psychisch kranker Menschen einsetzt. Neben den drei Professoren Dr. Thomas Becker aus Günzburg, Dr. Jürgen Gallinat aus Hamburg und Dr. Tilo Kircher vom Uniklinikum Marburg steuerten der Vereinsvorsitzende Andreas Jung und die Journalistin Bettina Jahnke eigene Erfahrungsberichte bei.

Über eine wachsende Tendenz zur Sozialpsychiatrie und deren Auswirkungen auf psychiatrische Hilfesysteme, die zunehmend soziale Aspekte in den Fokus stellten, berichtete Dr. Thomas Becker. Er sprach sich für „mehr Demokratie“ auf therapeutischer Ebene aus.

Für mehr Autonomie bei der Behandlung sprach sich auch Jahnke aus. Sie wies auf eine ganzheitliche Betrachtung psychischer Erkrankungen hin, bei der die Eigenständigkeit der Betroffenen eine große Rolle spiele. Etwa beim Einsatz von Medikamenten. Die Entscheidung, wie schnell und wie viele Medikamente ein Betroffener nehme, solle verstärkt bei den Patienten selber liegen, betonte die Ex-In-Trainerin.

Dem folgte breite Zustimmung aus dem Publikum. „Es ist wichtig, dass ich als Betroffener bestimmen kann - denn ich muss mit den Nebenwirkungen leben“, befand ein Zuhörer.

Psychotherapeutische Seite wurde unlängst gestärkt

Prinzipiell habe die medikamentöse Therapie, mit teils hohen Nebenwirkungen, in den vergangenen Jahrzehnten bereits abgenommen, die psychotherapeutische Seite wurde unlängst gestärkt, erläuterte Kircher. Die Medikation hänge am Willen des Patienten, jedoch auch an der Schwere der Erkrankung, die es zu berücksichtigen gelte. Seiner Meinung nach sei der generelle Wandel in der Psychiatrie jedoch weniger groß. „In den vergangenen 25 Jahren hat sich fundamental wenig getan, in den nächsten 25 Jahren wird sich auch wenig tun“, betonte Kircher.

Was sich in Zukunft „ganz konkret“ verändern werde, sei die Anzahl der stationären Plätze, wandte hingegen Dr. Jürgen Gallinat ein. Die Bundesrepublik sei das Land mit den meisten Psychiatriebetten pro Kopf überhaupt.

Der Trend ginge klar weg vom Krankenhaus hin zur ambulanten Therapie. Viel bewirken könnte dabei das neue Psychiatriegesetz. Wie Beispiele aus dem Ausland zeigten, stelle mittlerweile die Behandlung zu Hause mit mobilen Therapieteams „eine erfolgversprechende Alternative“ dar.

Ein wichtiges Instrument ist für Jahnke dabei die Inklusion, die dort stattfinden solle, „wo Stigmatisierung am weitesten verbreitet ist - im Inneren des Systems“. Sie bezog sich auf ein „reflektiertes Erfahrungswissen“, das Erkrankte aus eigener Erfahrung mitbringen und daher besonders geeignet seien für die Arbeit mit anderen Betroffenen, etwa als Krankenpfleger. Dieses Prinzip verfolgt der Verein Ex-In, der Genesungsbegleiter ausbildet, die wiederum Betroffenen auf dem Weg zurück in den Alltag helfen. Die Anstellung Betroffener sei jedoch in Kliniken nach wie vor „verpönt“, so Jahnke.

von Ina Tannert

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