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Traumatisierende Bilder

Terror-Angst Traumatisierende Bilder

Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner erklärt, warum die Nachrichten genauso viel Angst machen können wie ­tatsächliche Traumata - und was man dagegen tun kann.

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Polizei sichert das Gelände des Terroranschlags in Nizza ab. Im Hintergrund ist der Lkw zu sehen, der dem Terroristen als Mordwerkzeug diente.

Quelle: Andreas Gebert

Marburg. Paris, Brüssel, Istanbul, Nizza, Würzburg und Ansbach - der Terror hat sich langsam in Europas Mitte geschlichen. Und auch im Internet kursierende islamistische Videos vermitteln das Gefühl, dass jederzeit und überall der nächste Anschlag lauert.

Laut dem Marburger Professor für Sozialpsychologie Ulrich Wagner kann die sich häufende Medienberichterstattung über Terror zu mehr als nur einem diffusen Unsicherheitsgefühl führen. Meldungen über Terroranschläge könnten auf den Leser oder Zuschauer eine ähnliche Wirkung haben wie das persönliche Erleben. „Der Mensch ist ein emphatisches Wesen. Gerade bei umfassender medialer Berichterstattung kann er Gefühle stellvertretend für die tatsächlich Betroffenen entwickeln“, sagt Wagner.

Die Psychologie kennt zwei Reaktionen auf sich wiederholende Reize wie die der immer wieder gezeigten Terrorbilder: die Sensitivierung, also die allmähliche Entwicklung von Angst, oder die Habituation, die langsame Abstumpfung.

Rückzug ins Private stabilisiert die Angst

Die Entwicklung von Angst sei die gängige Reaktion, erklärt der Sozialpsychologe Wagner. Abstumpfung kenne man eher von tatsächlich Betroffenen, beispielsweise Menschen aus Bürgerkriegsgebieten.

Angst vor dem Terror entsteht jedoch nicht nur durch die akute Nachrichtenberichterstattung, sondern auch durch die fortlaufende Nachbearbeitung der erschreckenden Themen. Berichte über Terrornetzwerke oder den Aufgriff von Verdächtigen würden die Angstspirale zusätzlich verstärken, sagt der Experte. Die Ängstlichen ziehen sich dann immer mehr zurück, meiden öffentliche Plätze, Bahnhöfe und Flughäfen.

Die zunehmende Angst vor drohenden Terrorangriffen sei auch gesamtgesellschaftlich als Problem zu betrachten, erläutert Wagner. Wenn die Bevölkerung beginne, sich selbst schützen zu wollen, aus einem Gefühl mangels gewährleisteter Sicherheit durch den Staat, werde dessen Gewaltmonopol untergraben. Bürgerinnen und Bürger griffen dazu zu Schreckschusspistolen oder Pfefferspray, ­deren Verkauf in den vergangenen Monaten deutlich angestiegen sei, oder gründeten Bürgerwehren, erklärt er. „Bevor die verängstigten Bürger zu Waffen greifen, neigen sie aber eher zum Rückzug ins Private - sie meiden öffentliche Plätze, Flugreisen oder Großstädte“, erklärt Wagner.

Um bereits gebildete Angstzustände zu mildern, greift die Psychologie zur sogenannten Konfrontationstechnik: Betroffene Personen werden unter kontrollierten Bedingungen an die Angst erzeugende Situation herangeführt.

Natürlich besteht bei den meisten durch die mediale Berichterstattung noch kein Therapiebedarf - damit das auch so bleibt, empfiehlt Wagner trotzdem jedem, sich seinen Befürchtungen zu stellen und sich in seinem Alltag nicht zu stark einzuschränken: „Der Rückzug aus dem öffentlichen Leben ­stabilisiert die Angst erst“.

von Muriel Kalisch

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