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Trauer und respektvolles Erinnern

Sechs Prominente zum Volkstrauertag Trauer und respektvolles Erinnern

Zwei Sonntage vor Beginn des Advents wird in Deutschland der Toten gedacht. In der Weimarer Republik wurde der Volkstrauertag in Erinnerung an die gefallenen Soldaten im Ersten Weltkrieg eingeführt.

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Friedhof Ockershausen - Gräber aus dem ersten Weltkrieg. Foto: Thorsten Richter (thr)

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, löst das bei den Angehörigen Trauer aus. Die Frage nach dem Warum drängt sich dabei ebenso auf, wie düstere Gedanken an die Zukunft ohne den Verstorbenen. Umso dramatischer ist dies, wenn es sich bei dem Dahingeschiedenen um einen noch jungen Menschen - etwa den Cousin, den Bruder oder gar einen Sohn handelt. Dass dieser Fall während der Weltkriege millionenfach eintrat, ist einer der Gründe dafür, dass diese sich im kollektiven Gedächtnis tief als Katastrophen verankert haben. Doch wie erinnert man richtig an diejenigen, die möglicherweise selbst getötet, selbst auch Schuld auf sich geladen haben? Eine Thematik, die auch eine besondere Bedeutung hat, unter anderem durch die Verbrechen der Marburger Jäger im belgischen Dinant.

Doch nicht nur im Bezug auf im Krieg gefallene Soldaten stellt sich die Frage: Wie gedenken wir unserer Toten? Die OP fragte bei einigen Persönlichkeiten in Marburg nach.

Dechant Franz Langstein, katholischer Pfarrer:

Dechant Franz Langstein

Quelle:

„Wenn wir unserer Verstorbenen gedenken, dann empfinden wir nicht nur Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen. In unserer Trauer ist immer auch Dankbarkeit darüber, was wir dem Verstorbenen zu verdanken haben. Beim Gedenken an Kriegstote kommt etwas hinzu: Die Mahnung. Das muss ernst genommen werden.

Auf manchen Gedenktafeln stehen Sätze wie: „Sie starben für Volk und Vaterland.“ Mein Vater, der selbst noch im Krieg war, hat mir immer gesagt: „Keiner von uns wollte für Volk und Vaterland sterben. Wir wollten nur überleben.“ Es ist auch schwer einsichtig, warum in einem Angriffskrieg in fremdem Land jemand fürs Volk und Vaterland sterben sollte. Das grausame Sterben auf dem Schlachtfeld zu heroisieren, ist keine gute Form des Totengedenkens.

Gedenken der Kriegstoten kann auch nicht bedeuten, dass wir uns der historischen Zusammenhänge erinnern und dann anschließend nach Hause gehen mit dem Gefühl, heute ist ja zum Glück alles besser.

Kriegsopfergedenken als Mahnung ist provozierend: „Warum mussten wir so früh durch Menschenhand sterben?“ Und in dieser Frage liegt schon die Provokation: „Wir starben durch Menschenhand.“ Was ist also los mit uns Menschen, dass - wenn die äußeren Umstände entsprechend sind - der Mensch sich in Tötungsabsicht gegen seinen Mitmenschen wendet? Welche Abgründe schlummern im Menschen und können wach gerufen werden? Sind wir so sicher, dass sich Gewalt bei uns nicht wiederholt? Was wäre, wenn es uns materiell sehr, sehr viel schlechter ginge und dann wieder ein „Führer“ mit billigen Heilsversprechen käme und Sündenböcke ausmacht, auf die dann eingedroschen werden kann? Christlich kann man sagen, dass es im Menschen einen Abgrund zum Bösen hin gibt. Wir reden dann - sicherlich etwas unglücklich - von „Erbsünde“. Dieser Abgrund gehört zum Menschen. Daran erinnern uns die Kriegstoten. Wenn denn überhaupt ihr Tod einen Sinn hatte, dann den, dass er uns diesen Abgrund des Bösen vor Augen hält und uns mahnt: Mensch, sei vorsichtig mit dir selbst!“

Dekan Burkhard zur Nieden, evangelischer Pfarrer:

Dekan Burkhard zur Nieden

Quelle:

„Jeder Mensch hat einen Namen. Mit diesem Namen verbinden sich ein persönliches Schicksal und Beziehungen, die ein Leben prägten. Diese Beziehungen sind mit dem Tod nicht vorbei. Menschen trauern um den, der verstorben ist. Es ist deshalb gut, wenn es einen Ort gibt, wo sie dies tun können. Auf Gräbern sind oft Name, Geburts- und Todestag zu lesen. Diese Tradition geht aus verschiedenen Gründen zurück. Ob aber in Anonymität Trauer gut gelingen kann, bin ich skeptisch.

Jeder Mensch ist von Gott gewollt. In ihm sind Verstorbene geborgen, auch wenn die Erinnerung an sie verblasst. Das Urteil Gottes über ein Leben ist ein anderes als das Urteil der Menschen. Deshalb sind wir frei, auch Denkmäler vergangener Zeiten zu ertragen, so fragwürdig ihre Texte und Zeichen auch sein mögen. Sie sind nicht mehr Zeichen gegenwärtiger Trauer, sondern Zeugnis unserer Geschichte, unseres kulturellen Erbes, auch unserer Traumata. Sie müssen freilich gedeutet werden. Deshalb wäre es gut, wenn der kritische Umgang damit thematisiert würde.“

Martin Stanke, Hochschulpfarrer:

Martin Stanke

Quelle:

„Als Christ antworte ich auf diese Frage: Indem wir der Botschaft Jesu Christi trauen und Glauben schenken!

Der Tod ist die fundamentalste Infragestellung unserer menschlichen Existenz. Unser ganzes Sein, unser Menschsein an sich, wird durch den Tod ins Tiefste erschüttert. Das Christentum hat durch das Leben und die Botschaft Jesu Christi eine Perspektive, die den Tod und das menschliche Leid nicht leugnet, aber einen Horizont über die rein irdische Vorstellung von Leben eröffnet. Als Christen glauben wir, dass durch das Leben und die Auferstehung Jesu der Tod überwunden ist, das heißt dass wir Menschen eine Aussicht über unser irdisches Leben hinaus haben. Das ist eine sehr tröstliche Hoffnung.

Ein Totengedenken aus christlicher Perspektive ist keine „Trauerfeier“, sondern eine „Feier der Hoffnung“. Ein Element bei einer katholischen Bestattung beziehungsweise einer Gräbersegnung ist die Besprengung des Sarges beziehungsweise des Grabes mit Weihwasser, dem Symbol des Lebens. Kerzen, frische Blumen und christliche Symbole (Kreuz, Alpha und Omega, Osterkerze) sind Zeichen, die die Hoffnung auf Auferstehung auch sinnlich zum Ausdruck bringen.

Ein Totengedenken - auch das Gedenken an unsere Toten aus den Kriegen - sollte aus christlicher Sicht grundsätzlich von Hoffnung geprägt sein.“

Dr. Franz Kahle (Grüne), Bürgermeister:

Dr. Franz Kahle

Quelle:

„Der Toten zu gedenken ist im privaten wie im öffentlichen Raum Zeichen des Respekts vor dem Leben und lebendige Erinnerung an die Verstorbenen. Der Geist weiß rational, dass mit dem Sterben die Persönlichkeit endet; emotional oder religiös betrachtet ist mit dem Sterben eine Person aber nicht fort. Sie lebt weiter in unseren Gedanken, in Erinnerungen - Liebe und andere tiefe Gefühle - positive wie negative - können wir auch für Verstorbene empfinden. So mag manche/r eine/n Verstorbene/n, der/die Teil unseres Lebens war, das ganze restliche Leben schmerzlich vermissen.

Totengedenken im privaten Bereich ist sehr persönlich. Der Friedhof als Ort der Leichenbestattung und damit der Ort, wo man das Gefühl haben kann, Verstorbenen nahe zu sein, ist trotz zahlreicher Veränderungen in den letzten Jahren nach wie vor der zentrale Ort individuellen Totengedenkens.

Beim Totengedenken im öffentlichen Bereich sollten wir heute immer sehr sorgfältig darüber nachdenken, welche Inhalte damit vermittelt sind. Deshalb sind vielen Menschen heute Kriegs- und Ehrenmale aus der Vergangenheit fremd, wenn Krieg oder Soldaten stilisiert werden im Sinne einer nationalen Idee. Bei dem öffentlichen Totengedenken an Soldaten und Opfer sollte der Schwerpunkt darauf liegen, das persönliche Leid der Opfer und ihrer Familien in den Mittelpunkt zu stellen. Der Respekt vor den Toten von Kriegen, der Respekt vor den Opfern von Gewaltherrschaft und Kriegen sollte es gebieten, der getöteten Menschen und Individuen, die mit ganz privaten Hoffnungen und Zielen gelebt haben, zu gedenken. Ihr persönliches Schicksal ist tödlich durchkreuzt worden. Damit sollten wir auch heute im zeitlichen Abstand Mitgefühl empfinden und versuchen, Lehren für heute daraus zu ziehen.“

Thorsten Bonacker, Konfliktforscher:

Dr. Thorsten Bonacker

Quelle:

„Denkmäler, Mahnmale und offizielle Erinnerungsorte sind häufig umstritten, auch wenn ihr Ziel darin besteht, ein Kollektiv im Gedenken an seine Toten zu einen. Dies hat zwei Gründe: Nicht nur die private, sondern auch die öffentliche Erinnerung ist in der Regel selektiv. Bestimmte Geschichten werden erzählt, andere vergessen oder verdrängt. Einige Gruppen erscheinen es uns wert, an ihr Leid in besonderer Weise zu erinnern, andere müssen lange darum kämpfen, als Opfer von Gewalt und Krieg anerkannt zu werden. Umstritten ist das öffentliche Gedenken aber auch deshalb, weil jede Gruppe vorzugsweise ihrer eigenen Toten gedenkt. Das gilt insbesondere für Nationen. Ein solches Gedenken spaltet eher, als dass es eint. Überdies erscheint ein nationales Gedenken in Zeiten einer globalisierten Welt mit Einwanderungsgesellschaften als Regelfall wie ein Ritual aus längst vergangenen Tagen. Wir sollten also nicht unserer Toten gedenken, sondern ohne nationales Pathos daran erinnern, welches Leid Krieg und Gewalt an jedem Platz der Welt hervorbringt. Dafür scheint mir der Internationale Tag des Friedens der Vereinten Nationen angemessener als nationale Denkmäler und Gedenktage.“

Dr. Stefan Heck, CDU-Bundestagsabgeordneter:

Dr. Stefan Heck

Quelle:

„Totengedenken findet täglich im kleinen Rahmen des privaten Umfelds statt. In der Pflege der letzten Ruhestätte auf dem Friedhof, in der liebevollen Erinnerung an gemeinsame Tage oder auch nur beim Blick auf den leeren Platz am gemeinsamen Esstisch. Viele Menschen gedenken und danken ihren verstorbenen Liebsten im Stillen. Das ist vielleicht die wertvollste Form des Gedenkens und der ganz persönlichen Erinnerung.

Daneben halte ich es für wichtig, dass wir unserer Toten in öffentlicher Form gedenken. Das öffentliche Gedenken gebietet der Respekt vor den Menschen, die uns vorausgegangen sind und die in Familie, Staat und Gesellschaft die Grundlage für unser Leben gelegt haben. Der ehemalige französische Staatspräsident Charles de Gaulle hat es auf den Punkt gebracht: „Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht.“

Wie schnell kann alles vorbei sein? Und doch mahnt uns der Tod zum bewussten Leben. Gerade Menschen, die durch schwere Krankheit oder einen Unfall an die Grenzen ihres Daseins geführt wurden, berichten eindrucksvoll, wie viel bewusster sie fortan mit ihrer kostbaren Zeit umgehen.

So erinnert uns der Tod an die Endlichkeit unserer eigenen Zeit - und doch dürfen wir Christen hoffen, dass er nicht das Ende ist, sondern der Anfang eines neuen, ewigen Lebens.

Leider wird der Volkstrauertag - bewusst oder unbewusst - häufig falsch verstanden: Als Verherrlichung der beiden Weltkriege oder gar des verbrecherischen Nazistaates. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade weil uns dieser Tag den grauenvollen Tod der Millionen Kriegsopfer alljährlich vor Augen führt, mahnt er uns eindrucksvoll zum Frieden.“

Der Gedenkstein für gefallene Soldaten im ersten Weltkrieg stehen auf dem Friedhof in Ockershausen.

von Peter Gassner

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