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Tränen können Verteidiger nicht beeindrucken

Bordell-Prozess Tränen können Verteidiger nicht beeindrucken

Beim Prozess gegen die Betreiber des Erotic Island hat sich die geschädigte Nebenklägerin bei ihrer Aussage aus Sicht der 
Verteidigung in Widersprüche verwickelt.

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Die Angeklagten im Bordell-Prozess mit ihren Verteidigern Dr. Andreas Hohnel (von links), Dietmar Kleiner und Frank Richtberg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Den drei Angeklagten wird vorgeworfen, den ehemaligen Wirtschafter des Bordells sowie eine Prostituierte aufs schwerste verprügelt zu haben, weil die beiden sich weigerten, eine „Abstandszahlung“ in Höhe von 10.000 Euro zu entrichten.

Denn die Prostituierte arbeitete seit gut einem Jahr in zwei anderen Marburger Bordellen. Weil die Summe nicht gezahlt wurde, hätten die Angeklagten eine gefälschte Rolex-Uhr im Wert von 4000 Euro sowie die Autoschlüssel zu einem Mercedes CL 500, der der Geschädigten gehört, behalten – so die Anklage (die OP berichtete).

Schon als ihr ehemaliger Lebensgefährte aussagte, flossen bei der heute 24-Jährigen immer wieder die Tränen. Und auch im Zeugenstand versagte ihr mitunter die Stimme, als sie von den Ereignissen berichtete, die sich am 11. Mai 2013 im Büro des Bordells zugetragen haben sollen, so dass der Vorsitzende Richter Gernot Christ mehrfach nachfragte, ob sie eine Pause benötige.

Zeugin: Er hat mich durch die Tür geworfen

Die junge Frau erzählte, dass sie einer der drei Angeklagten unter dem Vorwand, ihr Freund habe einen schweren Autounfall gehabt, aus dem Haus gelockt habe. Sie sei zu ihm in den Wagen gestiegen und misstrauisch geworden, als das Auto nicht Kurs auf das UKGM, sondern zum Erotic Island genommen habe. Doch da er gesagt habe, er wolle noch einen gemeinsamen Freund abholen, habe sie sich beruhigt.

„Als wir dann zum Büro kamen, hat er mich durch die Tür geworfen“, sagt sie, „das war ein Schock.“ Direkt im Anschluss sei sie geschlagen worden, „und es gab viel Geschrei, ich sei eine Schlampe und an allem schuld“, so die Nebenklägerin.

Als sie dann auf dem Boden lag, seien Fußtritte gefolgt – und auch mit einer Plastik-Colaflasche habe man auf sie eingeschlagen. Erst als Schläge und Tritte gestoppt hätten, habe sie hochschauen können und ihren Freund entdeckt. „Ich habe ihn fast nicht erkannt, er war von Blut überströmt. Und ich wusste erst gar nicht, worum es geht“, so die 24-Jährige.

Verteidiger weisen 
auf Widersprüche hin

Erst nach einiger Zeit habe sie mitbekommen, dass die Angeklagten 10.000 Euro Strafzahlung haben wollten, weil sie bei der Konkurrenz gearbeitet habe. Als man sie dann später aus dem Büro in die angrenzende Küche gebracht habe, habe sie auf dem Schreibtisch sowohl den Mercedes-Schlüssel als auch die gefälschte Rolex gesehen. Die Prostituierte berichtete, dass sie lange unter Angstzuständen gelitten habe und auch kurz in psychologischer Behandlung gewesen sei. Und auch einen Selbstmordversuch habe sie unternommen.

Von den Tränen ließen sich die Verteidiger jedoch nicht beeindrucken: In ihren Augen wies die Aussage der Nebenklägerin starke Lücken und Widersprüche auf. So konnte die Frau etwa weder Namen noch Adresse der Psychiaterin nennen, bei der sie angeblich in Behandlung gewesen sei.

Zudem habe sie bei ihrer polizeilichen Vernehmung im September 2013 nichts von der angeblich einbehaltenen Uhr gesagt. „Von der Uhr – davon weiß ich nichts“, zitierte Verteidiger Frank Richtberg aus der Vernehmung, die auf Band aufgezeichnet worden sei. „Es ist schon erstaunlich, dass Sie sich zwei Jahre später besser erinnern als kurz nach der Tat“, sagte er.

Verteidiger Dietmar Kleiner wies darauf hin, dass die Frau bei ihrer polizeilichen Vernehmung ausgesagt habe, sie habe von der Uhr erst später von ihrem Lebensgefährten erfahren. „All diese Dinge, die Sie uns heute erzählt haben – davon war in der Vernehmung überhaupt keine Rede“, verdeutlichte er.

  • Der Prozess wird am 2. Februar um 9 Uhr fortgesetzt.

von Andreas Schmidt

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