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Tränen auf dem Dach Afrikas

Capplerin erklimmt Kilimandscharo Tränen auf dem Dach Afrikas

Die Cappelerin überquerte vor anderthalb Jahren die Alpen, im Januar den größten Berg Afrikas. Die Kilimandscharo-Tour hat sie tief beeindruckt.

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Geschafft: Angelika Muth auf dem Dach Afrikas, dem Gipfel des Kilimandscharo.Privatfoto

Cappel. Marburg. Wer oft auf den Rad- und Wanderwegen rund um Marburg unterwegs ist, der ist ihr gewiss schon einmal begegnet. Denn Angelika Muth bewegt sich gerne und oft an der frischen Luft: Mit und ohne Stöcken wandert sie oder fährt Rad. Und fast immer ist ihr Berner Sennenhund mit dabei.

Bei längeren Radtouren darf die treue Begleiterin schon mal im eigens angeschafften Anhänger Platz nehmen. Die 50 Kilo Mehrgewicht gehören mittlerweile schon fast zum Konditionsprogramm der 57-Jährigen.

Auf ihre jüngstes Projekt, die Besteigung des Kilimandscharo, hatte sich die Cappelerin intensiv vorbereitet. Regelmäßig ging sie neben ihren üblichen Aktivitäten zum Spinning und lief im vergangenen Herbst den Bad Endbacher Wandermarathon mit. Auch mental bereitete sie sich intensiv vor, las Bücher, recherchierte im Internet und schaute sich einen Dokumentarfilm an.

In der langen Zeit der Vorbereitung erlebte sie jede Menge Stimmungsschwankungen. „Die Besteigung des Kilimandscharo ist nicht nur eine sportliche Herausforderung. Sie birgt auch Gefahren“, sagt die Cappelerin und erklärt, dass viele mit der Höhenkrankheit zu kämpfen hätten, einhergehend mit Kopfschmerzen, Müdigkeit, Übelkeit oder Erbrechen, Appetitlosigkeit, Schwindel und Schlafstörungen. Der niedrigere Sauerstoffgehalt der Höhenluft führt zu einem Mangel an Sauerstoff in Blut und Gewebe, damit steige das Risiko von Thrombosen und Ödemen. „Meine beiden Kinder haben mir deshalb von dem Abenteuer abgeraten“, berichtete sie. Das Für und Wider schrieb Angelika Muth in ihrem Tagebuch auf, und sie hielt ihre Stimmung in Zahlen fest. Anfangs lag die Quote bei 60:40 für das Projekt. Nachdem sie eine Dokumentation gesehen hatte, bei 30:70. „Nachdem ich den Wandermarathon geschafft hatte, war ich bei 80:20.“

Als das Abenteuer begann, überwog die Euphorie. Voller Begeisterung berichtet sie über den Aufstieg über die Rongai-Route, die von Osten auf den Berg führt. In den ersten relativ kurzen Tagesetappen können zwölf Teilnehmer ihre Gruppe die herrliche und abwechslungsreiche Landschaft am Fuße des Kilimandscharo genießen.

Tag der Entscheidung

Geschlafen wird in Zwei-Mann-Zelten. Jeder trägt leichtes Gepäck mit sich, Kleidung und vor allem die Tagesration von drei Litern Wasser. Die dann etwas langsamere Wanderung am vierten Tag führt zur Kibo Hut auf 4750 Meter. Es folgen eine sehr kurze Nacht und der Tag der Entscheidung.

„Wir waren zwölf Leute und hatten 40 Träger“, erzählt die Cappelerin. Als viele der Bergwanderer Probleme bekommen, über Kopfschmerzen klagen oder sich immer wieder übergeben müssen, fällt der Entschluss, die Gruppe zu teilen.

„Blitzschnell mussten wir uns in der Dunkelheit entscheiden, waren uns der Tragweite der Frage und der Folgen zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst“, berichtet Muth und fährt fort: „Irgendwie hat sich mein Arm selbstständig gemacht und ich meldete mich als erster, obwohl ich auf keinen Fall schneller gehen wollte. Ich hatte aber keine Lust darauf, ständig anhalten zu müssen, weil andere ihre Probleme hatten.“

Neben ihr sind Karsten (39 Jahre), Reiner (51) und Martin (51) mit im schnellen Team. Rechtzeitig zum Sonnenaufgang erreichen sie Gilman’s Point in 5681 Metern Höhe. „Das war eine einzigartige Kulisse, über Afrika die Sonne aufgehen zu sehen“, beschreibt Angelika Muth. „Wir fotografierten rasch, und weiter zum Gipfel“, berichtet sie weiter.

Die letzten 200 Höhenmeter auf Schnee bis zum Uruhu Peak, dem Gipfel des Kilimandscharo, bewältigt die jetzt kleine Gruppe mit den letzten Kraftreserven. „Als wir unser Ziel erreicht hatten, war ich überwältigt - die Tränen rannen mir über die Wangen“, sagt Angelika Muth. Aber für längere Gefühlsausbrüche reichte weder die Kraft noch die Luft.

Sogleich begab sich die Gruppe auf die Abstiegstour, diesmal über die Marangu-Route. „Beim Aufstieg haben wir außer unserem Team niemanden gesehen, beim Abstieg sind uns viele Bergtouristen begegnet“, berichtet die Cappelerin.

Wasser - „welch ein Luxus“

Als sie am Ende der Tour in der Lodge endlich wieder duschen konnte und nach vielen Litern abgekochter Flüssigkeit wieder einen Schluck Wasser aus einer Kunststoffflasche trinken konnte, habe sie zu sich gesagt: „Welch ein Luxus, du musst eine Prinzessin sein.“ Und als sie schließlich völlig erschöpft im Bett lag, habe sie gedacht: „Ja, du bist eine Prinzessin.“

Wer nun glaubt, Angelika Muth habe von all den Entbehrungen und Anstrengungen die Nase voll, der hat sich getäuscht. Die Cappelerin hat bereits ein neues Projekt vor Augen: Eine Trekkingtour mit Schlittenhunden in Alaska? Vielleicht trifft man sie schon bald bei der Vorbereitung: zu Fuß oder auf dem Rad - mit dem Berner Sennenhund im Anhänger.

von Hartmut Berge

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