Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Traditionsfest leidet unter Scharmützeln

Marktfrühschoppen Traditionsfest leidet unter Scharmützeln

Friedliche Feier trotz versuchten Platz-Sturms: Der Marktfrühschoppen 2013 ging ohne große Krawalle über die Bühne. 400 bis 500 Gäste sangen und tranken drei Stunden lang zu Blasmusik. 

Voriger Artikel
Trainieren ja, aber bitte ohne Trommler
Nächster Artikel
877 Mitglieder bewirtschaften fast 35000 Hektar
Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein paar laute Rufe, und die Polizisten sprinten die Nikolaistraße hinauf. Ein Dutzend Demonstranten aus dem linkspolitischen Lager versucht den Marktplatz zu stürmen. „Scheiß Faschisten“, „Haut ab, ihr Burschen“ brüllen sie, dann blockieren die Sicherheits-kräfte den Weg. Auf dem Platz versammeln sich kurz zuvor 30 weitere Demonstranten. „Nie wieder Deutschland“, „Nieder mit der Deutschen Burschenschaft“ singen sie vor dem Tisch der als rechtsextrem geltenden Rheinfranken – es sind die
einzigen Scharmützel während eines Marktfrühschoppens gewesen, der auch nach Polizeiangaben friedlich verlaufen ist.

html

Pfeiffer kündigt Fortsetzung an

Aufatmen bei den Veranstaltern: „Mich freut es, wie der Tag abgelaufen ist. Wir sind aber weit davon entfernt, das alles als einen Sieg zu feiern“, sagt Tilmann Pfeiffer vom Marktfrühschoppenverein, der das „kürzeste Volksfest der Welt“ organisiert. Allerdings beweise der Zuspruch und der fröhliche Verlauf, dass die großen Sorgen aus der Politik nicht berechtigt gewesen seien. „Rechte Sprüche habe ich nicht gehört, Nazis nicht gesehen. Was in den Köpfen ­Einzelner vorgeht können wir nicht überprüfen“, sagt er. „Selbst die ­Anarchisten der APPD sitzen mit an den ­Tischen und haben Spaß wie alle anderen. Nur darum geht es“, sagt Besucher ­Helmut ­Jakob (55). Pfeiffer ­kündigt indes eine Fortsetzung des Fests 2014 an. „Ein neuer Dialog mit Verwaltung und Politik wäre sehr in unserem Sinne“, sagt er.
Eine Besucherflut fiel allerdings aus. Nach übereinstimmenden Angaben von Polizei und Veranstalter feierten 400 bis 500 Gäste vor dem Rathaus. Die Verbindungen blieben jedoch größtenteils unter sich, nur wenige Besucher trugen kein Couleurband. Vertreter einzelner Aktiver aus den Stadtteilgemeinden und einige Kommunalpolitiker von CDU und FDP gesellten sich zu den als liberal geltenden Gruppen. Kritik äußerten die Demonstranten, die das Geschehen am Rand des Marktplatzes beobachteten: „Die Behauptung, das sei ein Fest der Bürger, hat sich erledigt, wenn man sieht, dass fast ausschließlich Burschis an den Tischen sitzen“, sagt Gerrit Baumann (22).

Foto: Nadine Weigel

Zur Bildergalerie

Wie im Vorfeld angekündigt mischten sich die umstrittenen Rheinfranken unter die Gäste. Auf Nachfrage, wie sie die Debatte im Vorfeld erlebt haben, wollten sie sich auf OP-Nachfrage nicht äußern. Offen spricht die Alemannia Marburg: „Wir feiern vor allem mit unseren Bundesbrüdern. Gegen die Einstellung von Leuten, die zufällig ein paar Tische weiter sitzen, können wir nichts machen“, sagt Thorsten Schneider (23). „Wir distanzieren uns von dem Gedankengut, aber wir sehen das Fest als eines freier Bürger. Jeder der will, kann und darf hier feiern“, ergänzt Arndt Macheledt (24). Die Polizei, die mit 100 Sicherheitskräften rund um den Marktplatz präsent war, verzeichnete auch nach dem Fest keine gravierenden Vorfälle.

Protestwelle schwappt durch die Oberstadt: "Rechte haben in Marburg nichts zu suchen"

„Der Marktfrühschoppen hat eine Scharnierfunktion zwischen Rechtskonservativen und Rechtsextremen. Da wird jeder mit Faschismus infiziert“, sagt Ulf Immelt vom Marburger Gewerkschaftsbund DGB. Für Rheinfranken, Germania und Co. sei die Party vor dem Rathaus eine Bühne, um sich und ihr Gedankengut streuen zu können. „Mit Nazis Bier zu trinken ist nichts Normales. Das sollten alle Sympathisanten dieses angeblichen Volksfests einsehen. Auch und gerade diejenigen, die nicht direkt mit den Verbindungen zu tun haben“, sagt er.Im Fahnenmeer brandet nach dem Appell Applaus auf. Mitglieder verschiedener Studentenverbindungen überwachen die Demonstration aus einiger Entfernung. Welchen Gruppen sie angehörten, wollten sie auf OP-Nachfrage nicht sagen.

„Ihr seid nicht erwünscht, Rechtsextreme haben in Marburg nichts zu suchen! Das ist die Botschaft, die wir bei dieser Demonstration senden“, sagt Jan Schalauske (Linke). Angesichts der wissenschaftlich belegten Verflechtungen zwischen Burschenschaften und Nazis, müsse das Traditionsfest gestoppt werden. „Die Zeit der Verniedlichung als kürzestes Volksfest weit und breit ist vorbei“, sagt er. Attacken sah sich der Veranstalter, der Marktfrühschoppenverein ausgesetzt. „Niemanden auszuladen, nicht mal die extremst Rechten, heißt, sie zu dulden. Damit ist bewiesen, dass die schriftliche Distanzierung des Vereins das Papier nicht wert ist, auf dem sie steht“, sagte Schalauske. Nur ein Bruchteil der Marburger, so der Stadtverordnete, wolle mit den Männerbünden feiern. „Die Burschen bleiben unter sich und rechtes Gedankengut prägt sie. Das darf sich nicht verbreiten“, sagt er.

Attacken richteten sich auch gegen die Gerichte in Gießen und Kassel, die auf Grundlage des Ordnungsrechts urteilten und die Stadt verpflichteten, das Fest zu genehmigen. „Die Abnutzung des Straßenbelags zählt mehr als der Kampf gegen Rechts und politische Beschlüsse“, sagt Doktor Alexandra Kurth, die sich seit Jahren mit dem Thema der umstrittenen Deutschen Burschenschaft, einem rund 10 000 Mitglieder zählenden Dachverband der Studentenverbindungen, befasst. „In Marburg braut sich eine unheilige Mischung zwischen extremen Nationalisten und Konservativen zusammen“,sagt Kurth. Die Befürchtung teilen viele Protestler: „Ich stelle mich gegen Gruppen, die offen ihre rechte Ideologie ausleben, zeigen und feiern“, sagt etwa der angehende Archäologe Thimo Brestel (25).

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr