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Totengräber der Weimarer Republik?

Paul von Hindenburg Totengräber der Weimarer Republik?

Er war eigentlich schon im Ruhestand, bevor er zum „Held von Tannenberg“ aufstieg. Paul von Hindenburg kommandierte die Reichswehr in der Obersten Heeresleitung und wurde als Reichspräsident später zu einem Wegbereiter des NS-Regimes.

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Der „Held von Tannenberg“, Paul von Hindenburg.

Marburg. Paul von Hindenburg ist eine der prägendsten Figuren in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nachdem er sich zuvor lange gesträubt hatte, ernennt er in seiner Funktion als Reichspräsident in der Weimarer Republik am 30. Januar 1933 einen von ihm abfällig als „böhmischen Gefreiten“ titulierten Mann zum Reichskanzler. Der Name des Mannes ist Adolf Hitler.

Der zu diesem Zeitpunkt bereits 85 Jahre alte Hindenburg wollte Hitler nach politisch instabilen Jahren in eine „Regierung der nationalen Konzentration“ einbinden und wird somit aus Sicht vieler Kritiker zu einem Totengräber der Weimarer Republik. Erst im Jahr zuvor war er von den demokratischen Kräften unter Einbeziehung der SPD als einzig aussichtsreicher Gegenkandidat zu Hitler erneut zum Reichspräsidenten gewählt worden.

Als im Jahr 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, ist Hindenburg eigentlich bereits Pensionär. Schon in den deutschen Einigungskriegen hatte er 1866 in Königgrätz und 1870 in Sedan an den entscheidenden Schlachten teilgenommen und somit eine 700 Jahre alte Militärtradition seiner Familie weitergeführt. Seine weitere Militärlaufbahn war jedoch - in Ermangelung europäischer Kriege - weitestgehend unspektakulär verlaufen.

Reaktivierung im Weltkrieg

Nun, da der große Krieg gekommen ist, will Hindenburg aber unbedingt noch einmal an vorderster Front mitwirken. In einem Brief an Kaiser Wilhelm II. bietet der pensionierte General seine Rückkehr in den militärischen Dienst an - und klagt, „mit welchen Gefühlen ich jetzt meine Altersgenossen ins Feld ziehen sehe, während ich unverschuldet zuhause sitze“. Erst zehn Tage später, als die Lage an der Ostfront sich dramatisch zuspitzt, erhält der Alt-General plötzlich die für ihn persönlich erlösende Antwort. Gemeinsam mit Erich Ludendorff erhält Hindenburg den Oberbefehl über die 8. Armee in Ostpreußen.

Ihre Sternstunde erleben die Generäle wenig später zwischen dem 26. und 30. August in der Schlacht von Tannenberg. Dank moderner Aufklärungstechnik gelingt es der Reichswehr, die Operationspläne der Russen in Erfahrung zu bringen und so, trotz zahlenmäßig starker Unterlegenheit, einen entscheidenden Sieg zu erringen. Sie umzingeln die zaristischen Truppen und schlagen sie auf diese Weise vernichtend. Es ist die Wende an der Ostfront und begründet somit den Mythos der „Sieger von Tannenberg“, von dem das Tandem Hindenburg / Ludendorff noch lange zehren wird.

Legendenbildung um die Schlacht von Tannenberg

Dabei fand die Schlacht eigentlich östlich von Tannenberg bei der Stadt Allenstein statt. Doch Hindenburg, stets um sein eigenes Bild in der Öffentlichkeit bemüht, benannte die anfänglich als „Schlacht bei Allenstein“ bezeichneten Kampfhandlungen in „Schlacht bei Tannenberg“ um. Hintergrund war die Stilisierung des Kampfes als „Revanche“ für eine gleichnamige Schlacht des Deutschen Ordens gegen die Polnisch-Litauische Union im Jahr 1410. Historiker und Hindenburg-Biograf Wolfram Pyta streicht heraus, „dass sich Hindenburg für diese Rolle bewusst rüstete und sich gezielt als personales Auffangbecken der gesellschaftlichen Sehnsüchte präparierte“.

Gerade um den charismatischen Hindenburg gründet sich in der Folge ein Kult. In den schweren Kriegszeiten wirkt er als vermeintlich nervenstarke Führungsfigur beruhigend auf die Volksseele. Der „Befreier von Ostpreußen“ wird zur Symbolfigur des Glaubens an den militärischen Sieg. Am 1. November 1914 erhält Hindenburg zunächst das Oberkommando über die deutschen Truppen an der Ostfront. Nachdem militärische Misserfolge 1916 zur Ablösung von General Erich von Falkenhayns in der Obersten Heeresleitung (OHL) führen, wird diese schließlich an das Gespann Hindenburg / Ludendorff übertragen.

Doch die Lage ist prekär. Die Versorgung innerhalb des Reiches wird immer schwieriger und die verbündete Donaumonarchie Österreich-Ungarn droht zu zerbrechen. Auf der Seite der Gegner kämpfen inzwischen auch die USA, Italien und Rumänien. Die wachsende Verzweiflung, die dies nach sich zieht, führt zu einer immer stärkeren Position der OHL, die mehr und mehr die Macht im Staat übernimmt. Kaiser Wilhelm II. verliert an Einfluss. Historiker sprechen in diesem Zusammenhang gelegentlich sogar von einer Militärdiktatur - mit Hindenburg und Ludendorff an der Spitze. Die beiden Generäle vereiteln in dieser Position jeden Plan eines Verhandlungsfriedens mit den Alliierten und zeigen sich maßlos, als Russland nach der Oktoberrevolution am 3. März 1918 in Brest-Litowsk einen demütigenden Frieden akzeptiert.

Hindenburg verbreitet die „Dolchstoßlegende“

Wenig später jedoch muss auch die Oberste Heeresleitung erkennen, dass der Krieg im Westen verloren ist und drängt den Kaiser zu einem Waffenstillstand sowie zu dessen Rücktritt. Öffentlich jedoch will Hindenburg die militärische Niederlage nicht verantworten. Er propagiert die folgenschwere „Dolchstoßlegende“, nach der das deutsche Heer „im Felde unbesiegt“, aber von hinten erdolcht worden sei. Diese Theorie sollte zu einer schweren Belastung für die Weimarer Republik werden und unter anderem den Nationalsozialisten Nährboden für deren Propaganda liefern.

Schon bei der ersten Reichspräsidentenwahl im Jahr 1919 wird Hindenburg als Kandidat vorgeschlagen, lehnt eine Kandidatur jedoch ab. 1925 lässt er sich nach langem Zögern jedoch überreden und wird von den bürgerlich-rechten Parteien mit relativer Mehrheit ins Amt gewählt. Die Demokratie lehnt Hindenburg aus seiner Überzeugung heraus eigentlich ab, trotzdem leistet er aber einen Eid auf die Weimarer Verfassung. Und tatsächlich: Der Ex-Militär erweist sich als staatstragender Politiker, der sich sogar bis in die linke SPD hinein Anerkennung für seine Amtsführung erwirbt. 1932 wird er mithilfe derer Stimmen wiedergewählt.

Ernennung Hitlers zum Reichskanzler

Anfang der 30er-Jahre befindet sich die junge Republik jedoch in der Krise. Der schwarze Freitag an der New Yorker Börse hatte 1929 eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst und die demokratischen Parteien in Deutschland können im Parlament keine Mehrheiten mehr bilden. Gemeinsam mit den Kommunisten verfügen die Nationalsozialisten über eine „Sperrmajorität“. Hindenburg reagiert zunächst, in dem er eine Reihe von „Präsidialkabinetten“ bildet, die ohne Mehrheit im Reichstag regieren sollen. Keinem dieser Kabinette gelingt es jedoch, lange im Amt zu bleiben. Aus konservativen Kreisen in seinem Umfeld werden die Stimmen lauter, die eine „Einrahmung“ Hitlers in einer Koalition mit nationalen Kräften befürworten. Die Entscheidung liegt aber letztendlich bei ihm selbst.

Anfangs skeptisch, freut er sich kurz nach der „Machtergreifung“ des NS-Regimes über einen „erfreulichen patriotischen Aufschwung“. Mit Hitler als starkem Reichskanzler, so glaubt Hindenburg, könne er sich in seinem hohen Alter mit einem „würdigen Abschied“ aus der Tagespolitik zurückziehen und sein eigenes Andenken als Restaurator deutscher Größe und Retter der Nation in schweren Zeiten festigen.

Aus Eitelkeit und in der Hoffnung, ein großes Erbe zu hinterlassen, lässt sich der greise Hindenburg zum Schluss von Hitler vereinnahmen und steht ihm beim „Tag von Potsdam“ im März 1933 für eine symbolträchtige Inszenierung zur Verfügung, die das Ansehen der Nationalsozialisten in der Bevölkerung erheblich steigert. Als Hindenburg am 2. August 1934 stirbt, übernimmt Hitler auch das Amt des Reichspräsidenten. Hindenburg wird im ostpreußischen „Tannenberg-Denkmal“ beerdigt.

Hindenburgs Grab heute in der Elisabethkirche

1945 wird der Sarg Paul von Hindenburgs aus Ostpreußen evakuiert, bevor er den russischen Truppen in die Hände fällt. Seitdem ist das Grab Hindenburgs in der Marburger Elisabethkirche beheimatet. Die Stadt Marburg wolle die letzte Ruhestätte des Ex-Reichspräsidenten „nicht wegschweigen“, sagt Klaus Hövel, Geschäftsführer der Marburg Marketing und Tourismus GmbH. In Führungen werde „sicherlich auch darauf hingewiesen“. Besonders hervorgehoben wird das Grab aber in der Tourismus-Werbung auch nicht. „Da sind andere Dinge sicherlich interessanter“, so Hövel.

von Peter Gassner

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