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Toleranz soll zu Akzeptanz werden

Homosexualität Toleranz soll zu Akzeptanz werden

Eine ganze Nation übte sich in Toleranz, als Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Von Akzeptanz, so die Meinung von Vertretern des Vereins „Margays“, seien viele noch meilenweit entfernt.

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Der Christopher Street Day am Wochenende war für viele Homosexuelle ein Anlass, um für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft zu kämpfen. Auch in Marburg widmen sich verschiedenen Organisationen diesem Thema.

Quelle: Michael Reichel

Marburg. Die Farbe des Autos ist schwul. Das Lied, das im Radio läuft, ist schwul. Und Christian und Tobias sind es auch. Schwul. Die beiden lieben Männer. Lieben sich. Schwul zu sein - damit haben sie kein Problem. Damit, welch negativen Beigeschmack das Wort mittlerweile hat, schon. „Das Adjektiv schwul wird wie selbstverständlich dafür verwendet, etwas Negatives zu beschreiben. Dass sie damit beleidigen, ist vielen Menschen nicht bewusst“, meint auch Sören, 26, ebenfalls schwul. Alle drei engagieren sich bei den „Margays“, einem Verein in Marburg, der sich gleich drei Schwerpunkte gesetzt hat: Vorurteile abbauen, beraten und für wenige Stunden in der Woche ein Umfeld schaffen, in dem jeder so sein kann, wie er ist.

Sprache kann diskriminieren

„Wir wollen nicht nur toleriert, sondern akzeptiert werden. Toleranz ist eine Duldung, Aber nicht die Annahme von alltäglichem“, bringt es Sören auf den Punkt. Der 26-Jährige stammt aus Bayern. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf. Erzkonservativ. Komplett schwulenfrei. Offiziell zumindest. „Erst als ich für mein Studium hierhin gezogen bin, habe ich meine Sexualität für mich mehr und mehr annehmen können“, sagt er. Seinen Freunden zu Hause hat er erzählt, dass er Männer liebt. Seinen Eltern noch nicht. „Sie werden es irgendwann mal erfahren“ sagt er achselzuckend. Vielleicht wissen sie es auch schon längst. Die Nachricht von dem „schwulen Sören“ hat sich schließlich rumgesprochen. So ein Outing ist eben doch ein Aufreger.

Sören kann darüber nur müde lächeln. 400 Kilometer liegen zwischen seinem jetzigen Wohnort und seiner alten Heimat. 400 Kilometer, die Sicherheit geben. In Marburg hat er gelernt, zu sich zu stehen. Sich anzunehmen. Schwul zu sein - selbst wenn ihm das Wort noch immer nicht über die Lippen gehen will. Ein Schimpfwort ist es mittlerweile in seinen Augen - nicht die Beschreibung einer Sexualität.

LGBTQ - ein Wort, das alle mit einbeziehen soll

Sein Engagement im Verein ist für ihn ein Weg, um Menschen, die nicht heterosexuell leben, Mut zu machen und ihnen zu ermöglichen, sich nicht mehr verstecken zu müssen. Ihm, dem der sensible Umgang mit Sprache so wichtig ist, fällt es ebenfalls schwer eine Sprachregelung zu finden, in der sich alle Menschen wiederfinden. Innerhalb des Vereins wird nur ungern das Modewort „LGBTQ“ verwendet. Abgekürzt für L wie „lesbian“ (lesbisch), G wie „gay“ (schwul), B für Bisexualität, T für Transgender und Q für „queer“ (aus dem Englischen: abweichend). Auch hier wird deutlich: die Angst jemanden zu vergessen, jemanden auszuschließen und aufgrund seiner Sexualität ungewollt zu diskriminieren, ist groß.

Um eigene Unsicherheiten abzubauen und einen sicheren Ort zu schaffen, treffen sich Interessierte immer montags im KFZ an der „Theke Kreuz und Queer“. „Hier kann jeder Mensch so sein, wie er ist“, erklärt Tobias. Hier steht nicht das „anders sein“ im Vordergrund - sondern die Normalität. Es wird diskutiert. Über Politik und Musik, über all das, was an einer Theke seinen Platz findet. Manchmal sprechen sie auch über Diskriminierung im Alltag. Über versteckte Diskriminierung beispielsweise. Schiefe Blicke, wenn Mann und Mann, Frau und Frau, ihre Liebe öffentlich zeigen. Manchmal ist es aber auch die offensichtliche Diskriminierung, die thematisiert wird. Wie das Blutspendeverbot für Homosexuelle. „Wir werden sofort in eine Sparte geschoben. HIV ist eine Krankheit. Aber das Schwulsein doch nicht“, sagt Christian empört. Kurz, nur ganz kurz habe er überlegt, beim Blutspendebogen diese Frage zu überspringen, um Nachhorchen seitens der Ärzte zu umgehen. Er hat sich gegen die Spende und gegen das Lügen entschieden. Denn für seine Sexualität, so hat er sich einst geschworen, will er sich nicht schämen, nicht verbiegen und erst recht niemals lügen müssen.

Theke Kreuz und Queer

Die „Theke Kreuz und Queer“ ist mit dem KFZ gewachsen. Es ist ein Kommen und Gehen. Ein lautes Hallo unter alten Freunden, ein „Herzlich Willkommen“ neuen Gesichtern gegenüber. „Es gab eine Zeit, da war man geoutet, wenn man zu diesem bestimmten Termin ins KFZ ging“, weiß auch Tobias. Eine Zeit, in der die Ablehnung gegen Lebenskonzepten, die von der „Norm“ abwichen, noch offener gelebt wurde.

Tobias, Sören und Christian haben diese Zeit nicht miterlebt. Offen angegangen wurden sie nie. Gemieden jedoch häufiger. Sie kennen die Ängste und Zweifel junger Menschen, sich zu ihrer Sexualität zu bekennen. „Wenn man versucht seine Sexualität zu unterdrücken, versucht man sich in eine Lücke hineinzuquetschen, in die man nicht passt“, fasst es Christian zusammen. Der Verein bietet neben der Aufklärungsarbeit und den regelmäßigen Treffen auch Beratung an. Telefonisch. Anonym per Mail. Oder auch bei einem persönlichen Treffen. Sie wollen Ängste nehmen und Wege aufzeigen. „Dein Leben kannst du doch erst dann sinnvoll einrichten, wenn du weißt, was dir gut tut“, ist sich Tobias sicher. Er hat gefunden, was ihm gut tut. Oder besser: wer ihm gut tut. Christian. Und das ist nicht „schwul“ - sondern Liebe.

  • Die „Theke Kreuz und Queer“ trifft sich immer montags um 21.30 Uhr im Kfz. Weitere Infos unter margays.de
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