Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Toleranz geht durch den Magen

Portät Toleranz geht durch den Magen

Ein 16-jähriger Flüchtling bietet Marburgern Kostenlos-Kochkurse an - und schreibt derzeit an seiner Biografie, die von Blutrache, Diskriminierung und einer während der Flucht auseinandergerissenen Familie handelt.

Voriger Artikel
"Generation Porno" plagt Versagensängste
Nächster Artikel
Wenn der Hund absäuft, ist Regenzeit

Ein junger Flüchtling bietet Marburgern an, orientalische Speisen zu kochen. Fotos: Kaiser / Archiv

Marburg. Man soll ihn Baybul Zura nennen. Ein Name, der zwar so nicht in seinem Ausweis steht, was aber für seine Geschichte Nebensache ist. Wichtig ist ihm die Sicherheit - jene Sicherheit, die er jetzt in Marburg hat. Das war nicht immer der Fall. Sehr lebhaft sind seine Erinnerungen an die Zeit, als er und seine Familie in Lebensgefahr schwebten. Mit 16 Jahren ist er bereits zwei Mal geflohen - aus Afghanistan und dem Iran - und hat seine Eltern seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen. Statt Trauer anheimzufallen, will er jedoch in seiner neuen Heimat Deutschland Positives schaffen

.

Zurzeit lebt er in einer Jugendwohngruppe des Jugendheims Marbach, wo er und zwölf weitere unbegleitete Flüchtlinge seit Oktober letzten Jahres eine Bleibe gefunden haben. Der 16-Jährige möchte etwas zur Völkerverständigung und Toleranz beitragen - auf seine eigene Art. Seit zwei Wochen bietet er iranische und afghanische Kochkurse zu Hause bei Interessenten an - kostenfrei. Sein Ziel: Vorurteile durch Gespräche und gemeinsames Kochen abbauen. „Vielleicht können so einige ihre Meinung von Ausländern ändern“, meint Zura. Viele Anfragen gab es bereits, erste Kochtreffen ebenfalls.

Die ursprüngliche Heimat des Jugendlichen ist eine Stadt im Westen Afghanistans. Dort lebte er, bis Habgier und Zwist seine Familie zum Auswandern trieben. Er wuchs unter einem Dach mit seinen Eltern und seinen damals vier Geschwistern, mittlerweile sind es fünf, auf. „Wir hatten damals viel Land. Aber es kam zu einem Streit zwischen meiner Familie und einer anderen, die Gefolgsleute der Taliban waren“, sagt der 16-Jährige und berichtet: Der Streit um Grundbesitz kostete Menschenleben. Ein Onkel Zuras sowie zwei Männer der anderen Familie fielen dem Zwist zum Opfer. Aus Angst vor weiteren Bluttaten brachte Zuras Vater seine Sippe in den Iran, wo sie acht Jahre lang nahe der Großstadt Isfahan lebte.

Intoleranz und Diskriminierung gegenüber Ausländern sei in dem iranischen Dorf Alltag gewesen. So habe Zuras Familie mehrmals Schikane und ungleiche Behandlung über sich ergehen lassen müssen. „Hier in Deutschland ist es besser. Aber es ist auch nicht alles gut“, meint er, der schnell erwachsen werden musste. „Er ist unser Musterkind. Pünktlich, verlässlich, verantwortungsbewusst, eigenständig. Eigentlich alle Eigenschaften, die Deutschen zugeschrieben werden“, sagt Benjamin Szymanczyk, Betreuer im Jugendheim Marbach. Verantwortungsbewusstsein ist ein Schlüsselwort in Zuras Lebenslauf. Spielen mit anderen Kindern war eine Seltenheit. Im Iran verdiente er im Grundschulalter mit kleinen Jobs bereits Geld, das die Familie fürs Überleben benötigte. Eine Schule besuchte er nie. Doch im Juli 2015 wurde seine Reife der bisher härtesten Prüfung unterzogen: „Mein Vater ist eines Tages nach Hause gekommen und hat gesagt, dass wir nach Europa fliehen.“ Der Vater erhoffte sich für seine Familie ein Leben ohne Diskriminierung und mehr Perspektive. Vieles wurde verkauft, um die Reise zu finanzieren, und nur das Nötigste mitgenommen.

13 Personen - Zuras direkte Verwandte, zwei angeheiratete Frauen, ein Baby und ein Cousin - brachen auf. Doch lediglich drei kamen im August letzten Jahres in Deutschland an. Bevor die Familie die türkische Grenze passieren konnte, wurde sie auseinandergerissen. Nur Zura, einer seiner Brüder und ein Cousin schafften es - die beiden Verwandten leben auf derselben Etage im Jugendwohnheim. Der Rest der Familie wurde vor der Grenze aufgegriffen.

An seinem Laptop ruft Baybul Zura Google Maps - eine interaktive Weltkarte im Internet - auf und zeigt den Fluchtweg. Zu Fuß, im Auto sowie per Boot war er unterwegs. Iran, Türkei, Griechenland. Danach scheinen die Erinnerungen zu verschwimmen. Angst habe er nicht gehabt. Doch Unwissenheit und Unsicherheit machten ihm zu schaffen. Wie ging es der Familie? Eine Frage, auf die er erst Monate später Antworten fand: Seine Familie wurde nach Afghanistan abgeschoben, lebt aber mittlerweile wieder im Iran. Fast 5000 Kilometer trennt nun, was zusammengehört. „Ich vermisse sie natürlich. Aber manchmal können wir über Webcam miteinander sprechen“, erzählt Zura.

Bis zu seinem 18. Lebensjahr darf er in Deutschland bleiben. „Dann kann ich nach Afghanistan abgeschoben werden, weil die Politik sagt, dass das Land sicher ist.“ Doch er möchte bleiben und eine Ausbildung als Elektriker beginnen. Zurzeit besucht er die Marburger Carl-Strehl-Schule. Dort will er Schulbildung nachholen, für die lange keine Zeit war.

Seine Lebensgeschichte fasst er zurzeit in einem Buch zusammen - auf Deutsch. Zwölf Seiten hat er bisher geschrieben. Rund 50 sollen es werden. Einen Titel für sein Werk hat er noch nicht. Auch ob er es vervielfältigen und verkaufen möchte, weiß er nicht. „Wenn jemand dafür bezahlen wird, dann würde ich das Geld an Menschen geben, die es dringender brauchen als ich. Geld ist nicht so wichtig“, sagt Zura. Menschsein und Menschen zu helfen sei wichtiger.

Kontakt für Kochkurse über die Handynummer 0152/1787584.

von Benjamin Kaiser

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr