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Toiletten sauberer als Supermärkte

Hygiene-Problem Toiletten sauberer als Supermärkte

Professor Reinier Mutters hat die hygienischen Verhältnisse in 18 deutschen Supermärkten untersucht und festgestellt: „In vielen Toiletten ist es sauberer als in Supermärkten.“

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Keimschiff Einkaufswagen: Besonders auf den Griffen fand Professor Mutters unappetitliche Keime.   

Quelle: Erwin Wodicka

Marburg. Wussten Sie, dass die sauberste Stelle in einem öffentlichen WC der Türgriff ist? „Es ist schon witzig: Die Türgriffe in öffentlichen Toiletten sind sauberer als das Türblatt, an das jeder dran packt, um die Tür zu öffnen, weil er den angeblich verkeimten Griff nicht anfassen will“, sagt Professor Reinier Mutters (62).

Mutters arbeitet am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Marburg. Sein Job ist es, Infektionen bei Patienten zu verhindern. Das ist ihm und seinem Team bislang auch sehr gut gelungen, denn das Uniklinikum Marburg liegt mit seinen Zahlen bei multiresistenten Erregern wie dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, auch bekannt unter der Kürzung „MRSA“, auf einem sehr niedrigen Niveau. „Viel niedriger als viele andere Kliniken in Deutschland“, so Mutters stolz.

Doch auch außerhalb der Krankenhausdomäne führt der Hygiene-Professor, meist bedingt durchs Fernsehen, Untersuchungen an Orten durch, an denen Hygieneprobleme auftreten könnten. Zuletzt wurde er vom ZDF beauftragt, 18 deutsche Supermärkte auf ihre Hygiene zu untersuchen – darunter auch in Marburg. Das Ergebnis: Sauberkeit und Hygiene lassen in vielen Supermärkten zu wünschen übrig. Bis zu 200 Keime fand der Forscher an Orten wie Brottheken, Flaschenrückgabestationen und Einkaufswagen. Vergleichend mit dem Ergebnis einer Untersuchung, die er im Jahr zuvor in den öffentlichen Toiletten am Frankfurter Flughafen, Bahnhof und in vielen Restaurants der Mainmetropole durchgeführt hat, kommt er zu dem Ergebnis: „In vielen Toiletten ist es sauberer als in Supermärkten.“

Für Immungeschwächte sind Keime gefährlich

Besonders übel: Einkaufswagen. „Die Dinger sind teilweise echt eklig. Nicht nur, weil Kinder oft mit ihren dreckigen Schuhen oder sogar Hunde hineingesetzt werden und dann dort herumtrampeln, wo die Ware teilweise unverpackt hineingelegt wird. Auch die Griffe sind kontaminiert.“ Auf den Griffen der Einkaufswagen fand Mutters „Staphylococcus aureus“, einen Eitererreger, der zum Beispiel bei Kindern die hochinfektiöse Hauterkrankung „Impetigo“ auslösen kann.

Auch an Brottheken zum Selberbedienen wurde er fündig: „Pseudomonas“, ein Keim, der Wundinfektionen an Haut und Nägeln hervorrufen kann, machte sich dort breit.

Belasten Keime und Bakterien unsere Gesundheit also schon beim Einkaufen?

„Die Keime sind alle nicht hochgefährlich. Es handelt sich um fakultativ pathogene Keime, das heißt, sie können Infektionen auslösen, müssen sie aber nicht“, entwarnt Mutters. Bei gesunden Menschen verursachen die gefundenen Bakterien selten Krankheiten. Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem hingegen, Kranken, Alten oder Kindern, können sie jedoch für eine Infektion aus­reichen. „Die Dosis bestimmt immer die Wirkung – auch bei Keimen. Um beispielsweise Durchfall zu kriegen, müssen gesunde Menschen bis zu 10 000 Salmonellen aufnehmen. Bei einer alten Oma hingegen reichen unter Umständen schon 500. Wir haben an einigen Stellen in den Supermärkten 150 bis 200 Keime gefunden“, fasst Mutters zusammen.

Es sind die Menschen selbst, die die Keime in den Supermärkten verbreiten. Vom Einkaufswagen geht die Hand weiter in die Regale. Dadurch verbreiten sich die Keime oder übertragen sich auf andere Waren. An den Brottheken beispielsweise nehmen sich nicht wenige Kunden das Brot mit der Hand statt mit der Zange oder den dafür vorge­sehenen Einweghandschuhen.

OP-Test: Kunden greifen oft mit der Hand ins Brotregal

Das zeigt ein OP-Test in drei Marburger Supermärkten: Dort beobachteten wir das Selbstbedienungsverhalten der Kunden an den Brottheken. Das Ergebnis: In zwei Supermärkten verzichteten jeweils zwei von fünf Kunden auf die Nutzung sowohl von Einweghandschuhen als auch der Zange und griffen stattdessen mit der bloßen Hand ins Brotregal. In einem dieser beiden Supermärkte werden dem Kunden erst gar keine Einweghandschuhe zur Verfügung gestellt. Eine Kundin leckte während der Beobachtung sogar noch einmal genüsslich an ihrem Finger, bevor sie in dem Fach nach einem Bagel griff.

In einem weiteren Supermarkt benutzen immerhin fünf von fünf Kunden die Zange, um die gewünschte Brotware aus dem Regal zu fischen. Es blieb ihnen hier jedoch auch nichts anderes übrig, da das Brot dort erst mit einem Gerät in einen kleinen Schacht geschubst werden muss, bevor der Kunde es entnehmen kann.

Um ihre Kunden vor den Keimen zu schützen, empfiehlt der Experte: „Auch wenn es Geld kostet, ist es jedoch nicht sinnlos, wenn Supermärkte Mitarbeiter abstellen, die jeden Abend putzen – Flaschenautomaten, Einkaufswagen, Brötchentheken. Sauber bedeutet auch hygienisch.“ Den Kunden rät Mutters: nach jedem Einkauf Hände waschen. „Laut Studien leben Menschen, die sich vier bis fünf mal am Tag die Hände waschen, länger als solche, die es nicht tun. Händewaschen ist schon nicht schlecht.“

von Ruth Korte

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