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Todesangst im Bombenhagel

Kriegserinnerungen Todesangst im Bombenhagel

Für manche Schüler war die Aussicht, als Luftwaffenhelfer eingesetzt zu werden, eine willkommene Chance, dem Schulalltag entfliehen zu können. Die meisten dieser Kindersoldaten erlebten aber schreckliche Zeiten.

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Gefangennahme von jugendlichen deutschen Soldaten durch amerikanische Truppen im Zweiten Weltkrieg.

Quelle: dpa

Cölbe. Otto Oßwald zählte zu den jungen Leuten, die am 1.September 1943 von der Schulbank weg als Luftwaffenhelfer zur schweren Flakabteilung 312 in Kassel-Sandershausen und anschließend in Heiligenrode eingezogen wurden. Er besuchte damals das Realgymnasium in Marburg, die Martin-Luther-Schule. Sie wurde 1933 in Adolf-Hitler-Schule umbenannt. An die Heimatfront geschickt wurde zunächst der Jahrgang 1927, zu dem auch der Cölber Oßwald zählte. Das Beordern zu einem Dienst an der sogenannten Heimatfront kam nicht überraschend. Schüler der Mittel- und Höheren Schulen mussten während der Schulferien beispielsweise Ernteeinsätze leisten, oder sie wurden in Wehrersatzlagern vormilitärisch ausgebildet.

Auch nicht überraschend war für viele deshalb die Gesundheitsuntersuchung für Schüler direkt nach den Sommerferien 1943. Die drei in Marburg beheimateten höheren Schulen waren für den gesamten damaligen Landkreis Marburg zuständig. Für die etwa 80 als Luftwaffenhelfer bestimmten Schüler der Klassen sechs und sieben des Gymnasiums und der Oberrealschule wurde am 28. August eine Feierstunde initiiert.

Vier Tage später traten die betroffenen Jungen die Reise nach Kassel an, begleitet von Lehrern, denn der Unterricht sollte auch an der Heimatfront gewährleistet werden, so das Ziel der Verantwortlichen. Die Marburger wurden zusammen mit Schülern aus Fritzlar und Eschwege der Flakabteilung 112 zugeteilt. „Etwa 120 Jugendliche kamen damals in Sandershausen zusammen“, erinnert sich Otto Oßwald. Zunächst nur eingekleidet in Arbeitskombinationen, folgte eine zweiwöchige Grundausbildung. Sie seien mächtig geschliffen worden, sagt der Cölber, in schlechter Erinnerung ist dem damals 15-Jährigen ein Unteroffizier geblieben für den er - auch heute noch - alles andere als gute Worte findet.

Die wichtigsten Erlebnisse dieser ereignisreichen Zeit hat er sich notiert und später, in sehr kleiner, akkurater Schrift, in Tagebücher eingetragen. „Die führt er seit 1954 bis heute penibel“ sagt seine Frau Wilma und deutet auf 30 schwarz eingebundene Kladden, in denen kein Tag ausgelassen ist.

Der Eintrag für den 3. Oktober 1943 hat folgenden Wortlaut: „Nachts 0 Grad, tags blauer Himmel, heiß, Großangriff mit vielen Bombern auf Kassel und auch auf die Flakstellungen, kamen durch Riesenglück mit dem Leben davon, Todesangst im Bombenhagel, unsere Stellung in Heiligenrode total zerstört, reiner Irrsinn, Tausende Tote, Stadt steht in Flammen.“

Oßwald erklärt den strategischen Hintergrund der Angriffe auf Kassel: Mit Henschel, Wegmann, Fieseler, Junkers und Credé sei Kassel ein bedeutender Rüstungsstandort gewesen. Die Amerikaner hätten tagsüber gezielt diese Standorte bombardierten, die Engländer flogen nachts und schmissen ihre Bomben auf die Innenstädte. Das sollte die Menschen treffen, die in den Fabriken arbeiteten. Deshalb waren von Oktober bis Mitte November 1943 zum Schutz der Stadt östlich Kassels bei den Orten Sandershausen, Heiligenrode und Gut Ellenbach die drei Batterien der schweren Flakabteilung 112 eingesetzt.

Beim Angriff am 3. Oktober sterben 23 Schüler

„Der Luftangriff kam völlig überraschend, weil fast jeden Abend wegen vorbeifliegender englischer Bomberverbände Alarm ausgelöst wurde“, berichtet Oßwald.

Zunächst wurde die Flakstellung bei Heiligenrode mit einem Bombenteppich belegt, dann wurde die todbringende Fracht über den Industriestandorten abgeladen. 23 als Flakhelfer abgeordnete Schüler der Eschweger Friedrich-Wilhelm-Schule, die an ihren Gefechtsständen Dienst taten, kamen ums Leben. In Oßwalds 3. Batterie starben vier Jungs.

Erst im Feuerschein der brennenden Häuser war das Ausmaß der Zerstörung zu erkennen. Dort, wo die Schreibstube des Gefechtsstands war, tat sich jetzt ein großer Bombentrichter auf. „Unterkunfts- und Toilettenbaracke, alles war zerstört“, berichtet der Cölber. Die Jungs wurden in einer nahegelegenen Gaststätte untergebracht. Sie setzten an den folgenden Tagen die Gefechtsstände wieder instand. Neben den nächtlichen Fliegeralarmen und der damit einhergehenden Angst vor neuen Angriffen gab‘s wöchentlich 18 Stunden Schulunterricht, für den drei von Marburg abkommandierte Lehrer verantwortlich waren.

Das eine Trauma war längst noch nicht überwunden, da folgte das nächste: „22. Oktober, 20.49 Uhr, Beginn des Luftangriffs auf Kassel, Spreng-, und Brandbomben, danach wurden Kanister mit Phosphor zur Brandbeschleunigung abgeworfen“, schreibt Oßwald in seinem Tagebuch.

Mehrere hundert britische Bomber legten große Teile Kassels in Schutt und Asche. Fast 10000 Menschen starben. Sie waren unter Trümmern begraben, erstickt oder während der Flucht aus den verqualmten Luftschutzkellern im draußen tobenden Feuersturm verbrannt.

Noch sieben Tage nach dem Angriff schlugen aus den Ruinen Flammen. Den Feuerschein der brennenden Stadt habe man selbst in seinem Heimatort Cölbe sehen können, sagt Oßwald. Das berichteten ihm später seine Angehörigen. Von den jungen Luftwaffenhelfern kam diesmal keiner ums Leben.

Anfang November wurde die Einheit nach Stadtallendorf verlegt. Wie viele seiner Kameraden wurde auch Oßwald 1944 aus dem Dienst als Luftwaffenhelfer entlassen und zum Reichsarbeitsdienst berufen. Dann durfte der Cölber Junge endlich wieder nach Hause, allerdings nur für zwei Tage. An seinem Geburtstag, dem 8. Dezember, ging‘s zum Kommiss. Erste Station war Mannheim-Käfertal mit der Ausbildung zum Fallschirmjäger.

Oßwald überlebt Dauerbeschuss an der Front

In Güterwaggons führte der Weg an die Ostfront. Oßwald spricht wieder von schlimmen Erlebnissen. Im Brückenkopf bei Pakulent erlebte er Dauerbeschuss. „Von unserer 100 Mann starken Kompanie überlebten nur 15 Soldaten“, berichtet er. Auch das fünfstündige Trommelfeuer und 165 Anflüge sowjetischer Flugzeuge bei Küstrin erlebte und überlebte der Cölber. Ein brennender Kirchturm ist ihm als bleibendes Bild in Erinnerung geblieben.

Dann war auch für ihn der Krieg zu Ende. Amerikaner nahmen ihn gefangen, übergaben ihn an Engländer, die in Großenbrode ein Kriegsgefangenenlager hatten. Im heutigen Ostseeheilbad schob er mit seinen Kameraden anfangs Kohldampf. „Für 60 Mann gab‘s nur ein Kommissbrot. Selbst Löwenzahn landete damals im Kochtopf“, berichtet er. Die Verpflegung wurde besser.

Die Engländer teilten sogar an jeden Gefangenen täglich zwei Zigaretten aus. Der passionierte Nichtraucher Oßwald hortete sie und tauschte die begehrten Glimmstengel gegen Essen oder nutzte sie für andere Zwecke. Zum Beispiel schenkte er einige davon dem Lokführer, der die aus dem Raum Marburg stammenden Gefangenen nach Hause bringen sollte. Oßwald bat ihn, in Cölbe den Schieber der Lok etwas zu schließen, damit er gefahrlos abspringen konnte. Der Lokführer fuhr schon in Treysa langsamer.

„Viele Kameraden sprangen ab, manch einer verletzte sich dabei, weil er in den Spanndrähten der Stellwerke hängenblieb“, erzählt Oßwald und berichtet weiter, dass der Zug in Cölbe hielt und der Bahnsteig sogleich voller Kriegsgefangenen stand. „Wer dort nicht absprang und bis zum nächsten Halt nach Marburg weiterfuhr, der wurde ins Lager nach Cappel gebracht, und manch einer geriet erneut in Kriegsfangenschaft, diesmal in Frankreich“, berichtet Oßwald. Er wollte schnell nach Hause rennen, wurde aber von Soldaten davon abgehalten. Weil Sperrstunde war, musste er mit anderen die Nacht in der Gaststätte bei der „Bahnhofsminna“ verbringen. Am nächsten Morgen ging es endlich heim.

Otto Oßwald heiratete später, gründete eine Familie und lebt heute noch im Haus seiner Großeltern und Eltern in der Kasseler Straße. Wie sein Vater und Großvater arbeitete er bei der Bahn, zuletzt als Fahrdienstleiter. Die wichtigste Erkenntnis aus seinen Kriegserinnerungen ist der Wunsch, dass niemand mehr solche Dinge erleben muss.

von Hartmut Berge

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