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Tims Traum vom Titel

OP-Serie: „Das schaffe ich!“ Tims Traum vom Titel

Meine Mutter hat mir mit neun Jahren verboten, in einen Fußballverein einzutreten: „Da tun dir die anderen Jungs hinterher weh“. 20 Jahre später ergibt sich die vielleicht einzige und letzte Chance, doch noch einen Pokal zu gewinnen.

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In der Bunten Liga wird mit gemischten Teams gespielt. Eine feste Frauen-Quote gibt es noch nicht. In Gießen ist das anders.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Am Abend des 21. August 2013 findet in Schönstadt ein Kreisliga-B-Spiel zwischen dem SV Schönstadt und dem TSV Marbach statt, das nicht in die DFB-Annalen eingeht, für mich aber unvergesslich bleibt: In der 38. Minute – es steht schon 4:0 für Schönstadt – rammt ein gegnerischer Angreifer dem zweiten Marbacher Torwart den Ellbogen ins Gesicht.

Größe und Wille sind da, aber "kein Talent"

Zu diesem Zeitpunkt trainiere ich seit ein paar Wochen als Torwart mit den Marbachern. Nicht, dass ich Vorkenntnisse hätte. Als Kind durfte ich nicht in den Fußballverein, weil es meiner Mutter zu gefährlich war. Aber ich bin groß, gewillt und Marbach hat ein Verletzungsproblem auf dieser Position. So soll mich ein Torwarttrainer fit für die Kreisliga B machen: „Du hast genau die Größe, die ein Torwart braucht, nur kein Talent“, ist sein Urteil.
Dennis Trusheim, die Nummer 22 bei Marbach, signalisiert, dass es nicht weitergeht. Mit 30 Jahren beenden andere ihre Karriere, ich gebe mit zittrigen Händen vor rund 200 Zuschauern zum ersten Mal meinen Spielerpass ab: In der Dämmerung renne ich in das völlig überdimensionierte Tor, überstehe die letzten Minuten der ersten Halbzeit ohne ein Gegentor.

Es reicht nicht für die Kreisliga B

Anfang der zweiten Hälfte gibt der Schiedsrichter Elfmeter, gegen uns. Der Schütze hat vermutlich schon mit acht Jahren sicher einen Strafstoß verwandelt. Ich träume kurz davon ein Elfmeter-Held zu werden und dass das Spiel dann noch 4:5 für Marbach endet. Dann schlägt die Pille trocken rechts unten ein. Am Ende steht es 8:2, ich beende meine Amateur-Karriere im Alter von 30 Jahren, es reicht nicht für die Kreisliga B.
Beim Bier mit Kollegen und Freunden erzähle ich die Geschichte und höre von den Ur-Marburgern das erste Mal von einer „Bunten Liga“, einer Freizeitliga bei der jeder mitmachen kann, in der Mannschaften nur zum Spaß und vor allem für die „dritte Halbzeit“ spielen. Diese wird dann auf den Afföllerwiesen dazu genutzt, die ein oder andere Flasche Bier zu leeren und den Grill anzuschmeißen. Hört sich nach einer echten Alternative zum DFB-Fußball für den nächsten Sommer an. Ich recherchiere im Internet und da steht: „In der BuLi Marburg spielen bunt (sic!) zusammengewürfelte Mannschaften nach einem Spielplan in ihrer jeweiligen Gruppe gegeneinander. Im Anschluss an die Gruppenphase folgen die K.O.-Runden in den Wettbewerben „Meisterschaftsplayoffs“, „Basil-Cup“ und dem „Reste-Cup“.“ Also doch noch die Chance auf einen Titel. Perfekt!

Name und Logo müssen her

In den nächsten Tagen und Wochen werden Nägel mit Köpfen gemacht: Ein Name muss gefunden werden, der ist nach einem Blick auf die Homepage anscheinend ein wichtiges Aushängeschild. Er darf nur eines nicht sein: ernst. Bei Teams wie Hangover 96, Torpedo Torflaute und dem FC Weizenhausen ist der Name Programm.
Im nie gewählten Vereinsvorstand, der sich im Winter zu lockeren Treffen abends in einschlägigen Marburger Kneipen trifft, wählen wir „Aluminium Alte Frazzen“, auch das spricht für sich. Mit dem Grafiker der OP entwerfe ich nach Dienstschluss (!) ein Logo, das auf unser Trikot soll. Ohne Logo kein adäquat, professionelles Auftreten auf der Homepage der Bunten Liga und das Trikot, ein einfaches bedrucktes T-Shirt aus dem Copy-Shop, ist wichtig für das Team-Building.

Auch die Bunte Liga hat einen Transfermarkt

Mit etwa 15 Euro pro Person ist man dabei. Eigene Spitznamen und eine Nummer auf dem Rücken inklusive. Dazu kommt eine Team-Gebühr von 20 Euro, die das Organisationsteam der Bunten Liga erhebt. Diese freiwillig-ehrenamtlichen Fußballverrückten betreiben die Homepage und moderieren das Forum, teilen die Gruppen ein und schlichten Streit, organisieren das Finalwochenende und, und, und … Ein Engagement, durch das sich die Bunte Liga seit ihrer Gründung im Jahr 2003 in Marburg etabliert hat. Auch viele Teams stecken viel Leidenschaft in die Freizeit-Liga, schreiben seitenlange Spielberichte auf der Homepage, diskutieren im Forum alte Spiele oder neue Regeln oder suchen nach Spielern auf der Transferliste. Manche würden von der Professionalisierung des Profanen sprechen, andere von einer nicht-kommerziellen Alternative zum DFB-Ligabetrieb.

Ende April startet die Saison

Anfang bis Mitte April, wenn die Mannschaften für die Saison – die immer im Sommersemester stattfindet – feststehen, treffen sich die Teams zur großen BuLi-Auslosung im Rotkehlchen. Vier Staffeln, also Gruppen, werden ausgelost und die Staffelnamen verraten, die 2014 „Friede“, „Freude“, „Eier“ und „Kuchen“ heißen. Ende April starten die Spiele.
Vor dem Messen mit dem Gegner kommt aber erstmal das Mailen mit den eigenen Leuten. Das dauert oft länger als die zweimal 30 Minuten Spielzeit. Termine wollen untereinander auf allen Kanälen, die das Internetzeitalter so mit sich bringt, abgesprochen werden. Es gibt keine fest angesetzten ­Spieltage. Die Mannschaften müssen Ort und Zeit der Partien untereinander abmachen. Da kann man schon mal durcheinander kommen: Einmal stehen wir auf dem Platz, nur der Gegner kommt nicht, weil unterschiedliche Abende in den Kalender stehen. Wer zu einem gewissen Zeitpunkt seine Gruppenspiele nicht absolviert hat, der bekommt Punktabzug oder fliegt ganz raus.

Bengalos in der Fankurve

So wird der einigermaßen geregelte Ablauf der Saison gewährleistet. In unserem ersten Spiel treffen wir gleich auf eine legendäre BuLi-Mannschaft. Partizan Oberstadt bringt Fans mit, die ihre eigene hölzerne, zusammengeschusterte Fankurve mitbringen und bengalische Feuer anzünden. Am Ende jubelt aber „Aluminium Alte Frazzen, der erste 7:4-Sieg gegen einen Altmeister schmeckt so süß wie das Radler nach dem ersten Spiel, das gemeinsam mit dem Gegner getrunken wird.

Spaß anstelle von Leistungsdruck

Anstelle von Leistungsdruck soll der Spaß stehen. Tätlichkeiten, übermäßiger Ehrgeiz, Beleidigungen und sonstige Unsportlichkeiten gehören in der BuLi ebenso wenig auf den Platz wie Rassismus, Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie. Fouls werden vom Verursacher angezeigt, einen Schiedsrichter gibt es nicht, der Fairplay-Gedanke steht im Vordergrund. Das klappt mal mehr, mal weniger gut, wird aber bei Problemen im Internet-Forum thematisiert.
In den vergangenen Jahren haben die Teams immer mehr „Vereinsspieler“ in ihren Reihen. Im Internet wird über den Ehrgeiz vieler Teams geschimpft und diskutiert. Allerdings trennt sich nach der Vorrunde aus diesem Grund die Spreu vom Weizen: Die „Strebermannschaften“ (in der Bunten Liga so etwas wie die „Spreu“) ziehen in die  „Meisterschafts-Playoffs“ ein. 2014 verpassen wir die besten vier Plätze in der Gruppenphase und sind so automatisch für den Basil-Cup qualifiziert: Die Playoffs für die durchschnittlich begabten Mannschaften.
Meine Leistungen als Coach und Torwart werden immer wieder Mal in Frage gestellt, aber das kann ich mit leidenschaftlichen Spielansprachen, Motivationsgesängen und dem ein oder anderen Kasten Bier wettmachen. Außerdem hat kein anderer Bock, ständig die Spiele zu organisieren.

Kein Pokal, aber ein Team

Doch der Erfolg stellt sich im Laufe der Saison ein: Wir ziehen ins Halbfinale des Basil-Pokals ein. Ich habe inzwischen neue Handschuhe, einen eigenen Torwart-Trainer und ein gut eingespieltes Team.
Am 16. Juli, knapp ein Jahr nach meiner größten fußballerischen Niederlage, spiele ich in einem Halbfinale. Meine Gegneranalyse über die Spielberichte der Bunte-Liga-Homepage ergibt: „Justitia Turin“ wird ein rauer Kontrahent, an dem die bisherigen Gegner nur wenig gute Haare lassen. Direkt nach dem Anpfiff wird klar, dass die Juristen ins Finale wollen. Als sie mit fünf Toren in Führung liegen, wird mir klar: es reicht nicht für den Titel.
Mein Blick schweift über das Spielfeld: Ich habe noch immer keinen Pokal, aber endlich eine Fußballmannschaft.

von Tim Gabel

Ein preisgekröntes Portrait der Bunten Liga finden Sie hier.
Wer auf den Geschmack gekommen ist, muss sich beeilen: Die Meldung der BuLi-Teams für die Saison 2015 läuft auf Hochtouren.

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