Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Tierheim fürchtet Flut von Billig-Welpen

Neue OP-Serie Tierheim fürchtet Flut von Billig-Welpen

Haustiere als Massenware: Im OP-Interview spricht Tierheim-Geschäftsführer Robert Neureuther über die Angst vor einem Andrang sogenannter Wühltisch-Welpen. Diese würden die Probleme des Tierheims verschärfen .

Voriger Artikel
Aus No-Name-Weg wird der Teichwiesengraben
Nächster Artikel
Zwischen Stress und Ferienfreuden

Tierheim-Geschäftsführer Robert Neureuther kümmert sich privat um den zehn Monate alten Hund Alfred.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Hundebabys für 150 Euro, verkauft aus dem Kofferraum: Haupt- und Südbahnhof sowie Parkplätze und Raststätten in der Region sind zu einem Umschlagplatz für die Ware dubioser Züchter geworden. Zuletzt landen verschmähte Welpen immer häufiger im Tierheim. Auch eine nun erfolgte Neufassung des Tierschutzgesetzes, wonach es schwieriger wird, Tiere aus dem Ausland nach Deutschland zu bringen, greift laut deutscher Tierschutzorganisationen zu kurz. Der Verein „Tasso“ fordert etwa eine europaweite Kennzeichnungs- und Registrierungspflicht von Hunden, um den illegalen Welpenhandel einzudämmen. Das Schicksal der für den Profit gezüchteten Tiere bewegt den Marburger Tierschützer Robert Neureuther. Das Interview:

OP: Herr Neureuther, gehen Sie gerne zur Arbeit?

Neureuther : Ja, weil ich hier etwas bewegen, gute Familien für abgegebene oder ausgesetzte Tiere finden kann. Wir arbeiten schließlich nicht in einer Unterbringungsstätte.

OP : Es muss schmerzen, täglich herrenlose, traurige Tiere zu sehen und das Jaulen zu hören.

Neureuther : Eine traurige Grundstimmung herrscht schon unter uns Tierschützern, die Schicksale nehmen jeden hier mit, so, wie man viele Sorgen mit nach Hause schleppt. Aber wir kümmern uns, geben Tieren viel Liebe, sie geben einem das oft zurück.

OP: Sie sprechen von Tierliebe. Offenbar gibt es in Marburg auch Tierhass, wenn man etwa an den Rasierklingen-Anschlag kürzlich denkt.

Neureuther: Oh ja, Hass existiert. Immer wieder gibt es Anschläge auf das Heim, die Mitarbeiter, die Tiere. Giftköder, Rasierklingen, Glas in Hackbällchen: Das ist traurig, fürchterlich. Das zieht auch einen elenden Tod nach sich, die Tiere verbluten innerlich, weil ihnen die Darmwand aufgerissen wird. Nur kranke Menschen tun so etwas.

OP: Würden Sie Menschen als Tierliebhaber oder Tierhasser bezeichnen, die Hundebabys für maximalen Profit züchten?

Neureuther: Gegen eine gute, geregelte Zucht ist nichts zu sagen, auch nicht, wenn Profit ein Antrieb ist. Problematischer ist das schon bei der Schönheits-Zucht. Wer aber Geld mit Elend verdienen will, Elend regelrecht produziert, ist ein Verbrecher. So, wie die Züchter von Wühltisch-Welpen.

OP: Bemerken Sie in Marburg eine Verbreitung dieser Billig-Welpen?

Neureuther: Ja, die Masche ist schon hier angekommen. Immer wieder sieht man, wie Leute mit kleinen Hunden Fußgänger ansprechen, am Bahnhof etwa. Ich habe das selbst schon erlebt. Das Veterinäramt hat in den letzten zwei Jahren mehrere beschlagnahmte Welpen, etwa Golden Retriever aus rumänischer Zucht, zu uns gebracht. Von denen wusste man nix, die hatten keine Impfung, hätten alle möglichen Krankheiten einschleppen können.

OP: Was sind für die Tiere die Folgen der Massenzucht?

Neureuther: Es ist Masse-, vor allem auch Qualzucht. Sie werden viel zu früh von der Mutter getrennt, nach sechs, sieben Wochen. Erlaubt ist das eigentlich frühstens nach der neunten Woche. Das wirkt sich auf Verhalten und Gesundheit aus. Viele sind aggressiv, Angstbeißer oder total verschüchtert, sie sind schwach, verwurmt, haben poröse Knochen und schlechte Zähne. Von ihnen geht eine erhöhte Tollwut-Gefahr aus, manche sind auch einfach todkrank, sterben nach kurzer Zeit.

OP: Wieso ist das Geschäft mit der Massenware Tier lukrativ?

Neureuther: Weil es nicht sehr aufwendig ist und schnelles Geld bringt. Ein Rechenbeispiel: Normalerweise kostet ein Chihuahua zwischen 700 und 1500 Euro, ein Labrador 1400 bis 2000 Euro. Wühltisch-Welpen gibt es oft für 150, 200 Euro, mal ganz ohne, mal mit gefälschten Papieren. Dafür werden Hundemütter irgendwo in Osteuropa oder Spanien oder sonstwo zu Gebärmaschinen, die Welpen in Kisten gesteckt und hierher gebracht. Es wird knallhart wirtschaftlich kalkuliert: Alles, was Geld kostet, also etwa Futter, Impfung, Pflege macht das Geschäft weniger rentabel. Man muss wissen, dass das ein Markt ist, der für uns, alles in allem doch Wohlhabende gemacht wird. Und das Internet, Facebook, dienen als perfekte Vermittlungs-Plattform.

OP: Wie lässt sich dieser grassierende Handel eindämmen?

Neureuther: An die Untergrundzüchter kommt man kaum heran. Grundlegend wichtig wäre ein europäisches Tierschutzgesetz, auch was die Strafbarkeit und Strafverfolgung angeht. Es liegt aber viel Verantwortung bei dem, der sich das gezüchtete Elend verkaufen lässt. Jeder Hundekäufer muss selbst zum Züchter, ins Tierheim, sich die Eltern, die Art und Weise der Tierhaltung anschauen. Es sollte einen Kaufvertrag geben, Papiere, Impfungen, das komplette Programm. Denn wer wenig bezahlen will, bekommt auch wenig.

OP: Das Thema Geld beschäftigt Tierheime quer durch Deutschland, bereitet ihnen Sorgen?

Neureuther: Richtig. Weil, unabhängig von Tierschutz und Tierliebe, die Pflege sehr teuer ist. Wenn kranke, verletzte Tiere zu uns gebracht werden, kann es sein, dass wir am Jahresende Tausende Euro im Minus sind, Mitarbeiter um ihre Jobs fürchten. Aktuelles Beispiel Betty: Ein Hund, der zwei Hüften braucht, mit Nachsorge und allem kostet das 10000 Euro. Daneben Lukas, der uns pro Monat 1000 Euro kostet. Egal, wie teuer, wir wollen die Tiere gut durchbringen. Viele Pfleger zahlen Rechnungen von ihrem Gehalt, nehmen Kranke mit nach Hause.

OP: Stellt man eine Verbindung zum Mehr an Billig-Welpen her, kann man sagen, dass diese die Finanzprobleme zu verschärfen drohen.

Neureuther: Krank sind die alle, Behandlung brauchen sie alle. Und da die Besitzer oft wenig Freude an den schwierigen Tieren haben, ist zu befürchten, dass wir immer häufiger solche Hunde bekommen - mit den finanziellen Konsequenzen, welche Unterbringung, Pflege und Therapie mit sich bringen.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr