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Theologen slammen den Kreuzgang

Predigt Slam Theologen slammen den Kreuzgang

Als Hochburg des Poetry Slam, der Performance literarischer Texte, ist Marburg inzwischen hinreichend bekannt. Auch der Science Slam hat sich in Marburg etabliert. Doch wer hat schon vom Predigt Slam gehört?

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Am Samstag wurde in der Alten Universität der beste „Predigt Slammer“ der Saison gekürt. Der Dichterwettstreit entstand Ende der 1980er Jahre in den USA. Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: Rolf K. Wegst

Marburg. Mit Unterstützung durch das Marburger Poetry-Slam-Urgestein Bo Wimmer zogen die evangelischen Theologen nach und brachten als Predigt-Slammer Stimmung in den Kreuzgang der Alten Uni. Predigt-Slam, das sind performte Bibeltexte. In Szene gesetzte christliche Inhalte. Junge Theologen, die als Lyriker, Rapper und Humoristen gegeneinander antreten, damit das Publikum sie nach Art des lyrischen Vorbilds mit Punkten bewertet.

Das ist das Konzept, das durch die wirklich zahlreich erschienenen, meist jungen Besucher, zum Erfolg wurde. „Ich bin der Unterhaltung wegen hier. Mit Religion habe ich nicht viel am Hut, aber ich kenne das Format und bin neugierig geworden“, sagt der 25-jährige Peter Wippermann. „Es gefällt mir sehr gut, das kann auf jeden Fall mit der Poetry Slam mithalten.“

So erzählen „dass auch jeder Trottel es versteht“

Als Ergebnis eines zweitägigen Workshops brachten zwölf Studenten des Seminars „Predigtlehre“ ihre Interpretation von Bibelversen auf die Bühne. Gemeinsam mit Bo Wimmer und der Slammerin Anke Fuchs hatten sie Sprech- und Theaterübungen gemacht, um schließlich jeweils ein Kirchentagsmotto zur Bearbeitung zugeteilt zu bekommen.

Und so wurde „Der Mensch lebt nicht von Brot allein“ im Predigt Slam zu einem lyrischen Stück über den Kampf durch das Leben. „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist“ wurde zu einer philosophischen Betrachtung über das Wörtchen „gut“. „Du sollst ein Segen sein“ gab Anlass zu einer grundehrlichen Betrachtung darüber, „dass sich die Theologen immer so schwammig ausdrücken“ und über die Zwänge des Alltags. Und das Zitat „Ihr sollt über Gottes Wort reden. Kräftig und lebendig soll es sein. Und schärfer“ war die Grundlage für den Versuch „Bibelgeschichten so zu erzählen, dass auch jeder Trottel sie versteht“.

Dass aber demnächst rappende oder reimende Geistliche die Kanzeln der Republik stürmen, steht nicht in Aussicht. Darum gehe es auch gar nicht, stellt der Initiator des Predigt Slam, Professor Thomas Erne, klar. Zwar sei ihm aufgefallen, dass die Poetry Slam viele Ähnlichkeiten zur Predigt aufweise. Und es sei dringend eine Revitalisierung der Predigt nötig gewesen. Aber die Veranstaltung habe eher Werkstattcharakter. Die Studenten sollen Sprachformen, Zugewandtheit und Präsenz vor dem Publikum und die offene Rede üben, die sie als Prediger später brauchen.

Bo Wimmer, der das Format zusammen mit Professor Erne entwickelte, sagt, als christlicher Mensch sei sein Anreiz gewesen, bessere Predigten hören zu wollen. Inzwischen hat er den Predigt Slam schon „exportiert“ und führt in mehreren deutschen Städten Workshops durch.

Gewonnen hat an diesem Abend übrigens der 23-jährige Jonathan Simbarashe Burgdorf mit seinem Beitrag über den inflationären Gebrauch des Wörtchens „gut“. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass dem Publikum Wortwitz, schlaue Gedanken und Alltagsphilosophie mehr zusagen als dick aufgetragene christliche Inhalte.

von Kristina Gerstenmaier

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