Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Texte, die die Welt bedeuten

Poetry-Slam Texte, die die Welt bedeuten

Poetry Slam, der moderne Dichterwettstreit, wird seit Jahren immer beliebter. Auch dank Marburgern wie Lars Ruppel. Sie machen die Stadt in der Szene berühmt.

Voriger Artikel
Entscheidende Sitzung in Marburg
Nächster Artikel
Alle Jahre wieder: Kirche sammelt für Straßenkinder

Routiniert und immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen moderiert Lars Ruppel gemeinsam mit Bo Wimmer den Marburger Poetry Slam im KFZ.

Quelle: Kai-Oliver Kruske

Marburg. Marburg. Wenn in Deutschland ehrfurchtsvoll über Marburg gesprochen wird, stehen die Chancen gut, dass es um Poetry Slam geht. Die Stadt zählt zu den Hochburgen der Szene, viele sogenannte Slammer bereisen von der Lahn aus die Republik. Einer von ihnen ist Lars Ruppel. Er gehört zu den wenigen, die von dieser Kunst sogar leben können.

Ruppel weiß nicht mehr, wann er mit dem Slammen begonnen hat. Wahrscheinlich Ende der 90er Jahre „meinte ein Freund, das wäre genau richtig für mich“, erzählt Lars. „Da war ich noch Provinzpunker und stand sowieso auf allem, was sich als Bühne eignete. Die Willkommenskultur in der Szene hat mich fasziniert.“ Viel wilder und anarchischer sei es damals noch zugegangen. Im Laufe der Jahre ist der Wettkampf kommerzieller geworden. Gute Slammer erhalten teilweise Antrittsgeld, alles wurde massentauglicher. Irgendwann wurde das Fernsehen auf Poetry Slams aufmerksam. Neben den deutschen Meisterschaften werden nun regelmäßig auch andere Slams übertragen.

Lars Ruppel tritt heute nicht mehr bei Wettbewerben an. Er moderiert in Marburg gemeinsam mit seinem Slamkollegen Bo Wimmer. Außerdem veranstaltet Ruppel Workshops. Zum Schreiben kommt er trotzdem noch. Zahlreiche Gedichte sind dabei. Mal eher humorvoll, mal ernster, immer wohl arrangiert. Zum Beispiel das Märchen von Holger, der Waldfee, im Kampf gegen das Forstamt. „Holger verzeiht nicht, er tut lieber weh, ein echter Chuck Norris im Kleid einer Fee“, heißt es dort. Die Ideen müssen ihn finden, solange wartet er auf sie. „Wenn ich wüsste, woher sie kommen, würde ich da hingehen. Aber Schreiben ist leider viel unromantischer.“

Ruppel: „Jeder ist kreativ.“

Etwa 80 Workshops bietet er jedes Jahr an. „Ich glaube nicht an Talent“, sagt er, „sondern an Übung. Jeder ist kreativ.“ Die Teilnehmer sollen ihren eigenen Zugang zum Schreiben finden.

Es schwingt etwas Stolz in seiner Stimme mit, wenn er von gelungenen Beispielen erzählt. Das sind Menschen, die jetzt selbst slammen. Menschen wie Jule Weber. Sie ist frisch gekürte deutsche U-20-Meisterin. Und bei Ruppel, der 2007 mit seiner „Poetry-Slam-Boygroup SMAAT“ selbst Deutscher Meister der Teamkonkurrenz wurde, hat sie einen Workshop besucht.

Seit 2009 tritt Lars Ruppel auch für das „Weckworte“-Projekt auf. Mit klassischen Gedichten im Gepäck besucht er Seniorenheime. Vor allem Demenzpatienten möchte er damit ansprechen. Menschen, die Schwierigkeiten haben, sich an gestern Abend zu erinnern. Manche jahrzehntealte Erinnerung ist dann präsenter. Sein Ziel ist es, solche Erinnerungen zu wecken. Etwa, indem sie sich in der Jugend auswendig gelernter Verse entsinnen, die Lars Ruppel rezitiert.

Trotz dieser anderen Aktivitäten ist die Slam-Bühne noch immer sein Zuhause. Gut 1000 Slams hat er bestritten, entsprechend sicheren Schrittes geht der gebürtige Hesse auf die Bühne.

Wenn Ruppel zum Mikro greift, strahlt er die sympathische Lockerheit eines Routiniers aus. Dabei hat Lars immer noch Lampenfieber. „Total“, meint er, „aber das ganze Adrenalin macht dich besser.“

Bis auf den letzten Platz ist das Marburger Kulturzentrum KFZ oft besetzt, wenn die Dichtkunst winkt. Mehr als 30 Dienstage in Folge waren restlos ausverkauft. Im Publikum weiß niemand, was ihn erwartet. Slam ist immer auch Wundertüte. Mal dominieren Liebesgedichte, anderntags Kurzgeschichten oder Sprechgesang.

Mancher tritt ein paar Schritte zurück, damit er nicht zu laut wird, redet mit ausladenden Armbewegungen. Der andere haucht seine Zeilen mehr als sie zu sprechen, versteckt sich fast hinter seinem Textzettel. Innerhalb von Minuten kann auch die Stimmung im Publikum wechseln. Manchmal hallt das herzhafte Lachen der amüsierten Zuhörerschaft durch den Saal. Augenblicke später macht sich plötzlich raumgreifende Stille breit, wenn alle dem ernsthaft berührenden Text lauschen. In Sprechpausen tönt dann sogar das Mikrofonrauschen unerhört laut.

Der perfekte Text trifft den Nerv des Publikums. Ein paar Sekunden, vielleicht minutenlang, verströmt er im Publikum seine Magie, löst Gänsehautmomente aus oder stößt Gedanken an. Nach solchen Auftritten wird die Zehn gezeigt. Bestnoten der einen sind aber kein Grund für Neid der anderen: Alle gehen locker miteinander um. Wenngleich die Szene seit Jahren wächst, ist die Atmosphäre entspannt geblieben. Am Ende liegen sich Sieger und Verlierer in den Armen. Poetry Slam ist ein Wettkampf unter Freunden.

von Kai-Oliver Kruske

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr