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Teufelskreis von Sucht und Straftaten

Aus dem Amtsgericht Teufelskreis von Sucht und Straftaten

Eine offene Haustür, ein unbeobachteter Moment oder eine Übernachtung bei Freunden - jede Gelegenheit nutzte ein schwer suchtkranker Marburger zum Diebstahl, tat fast alles, um seine Heroinabhängigkeit zu finanzieren.

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Wegen seiner schweren Heroinabhängigkeit ist ein 29-jähriger Marburger straffällig geworden.

Quelle: Frank Leonhardt

Marburg. Wegen Einbruchs, Diebstahls und Drogenbesitzes hatte sich der 29 Jahre alte und geständige Angeklagte vor dem Strafgericht zu verantworten. Er sitzt wegen Fluchtgefahr seit April in Untersuchungshaft - hinter Gittern und vor allem bei der Suchttherapie soll er auch bleiben, ordnete das Gericht an.

Während der kurzen Verhandlung kamen alle Beteiligten zügig auf einen gemeinsamen Nenner: Kommt der schwer drogenabhängige Dieb wieder auf freien Fuß, wird er wohl nicht nur weitere Straftaten begehen, sondern sich durch die Drogen auch irgendwann zu Tode spritzen. Alleine seine Verhaftung Anfang des Jahres habe ihm wahrscheinlich „das Leben gerettet - er braucht einfach Hilfe“, brachte Verteidiger Sascha Marks die Sache auf den Punkt.

Von der Polizei einkassiert wurde der Mann wegen verschiedener Straftaten. Im Februar dieses Jahres nutzte er die Chance, die ihm eine offene Haustür bot, und verschaffte sich Zutritt zu einem Wohnhaus. Dort schlug er ein Loch in eine Glastür, stieg in die Wohnung ein und stahl einen hochwertigen Laptop im Wert von 600 Euro. Wenige Tage später übernachtete er bei einer Bekannten, klaute „in einem unbeobachteten Moment“ deren Geldbörse und etwas Bargeld, heißt es in der Anklage. Ende vergangenen Jahres wurde er von der Polizei auf der Straße bereits mit drei Plomben Heroin erwischt.

Angeklagter befand sich in einem Methadonprogramm

Vor Gericht legte der 29-Jährige ein voll umfassendes Geständnis ab, gab zu, eingebrochen und gestohlen zu haben. Hintergrund der Taten, wie fast schon sein gesamter Lebensinhalt, war die Finanzierung seiner Drogensucht. Er versuchte ständig „an Geld zu gelangen“, war selbst während der Taten im Rausch oder bereits entzügig - „ein typischer Fall von Beschaffungskriminalität“, erklärte Marks.

Bereits seit 17 Jahren konsumiert der Angeklagte diverse Betäubungsmittel, wurde schon früh abhängig von den Drogen. Eine Ausbildung zum Krankenpfleger schaffte er noch, seinen Beruf länger auszuüben schon nicht mehr, berichtete der Arbeitslose offen aus seinem Lebenslauf.

Seit acht Jahren gilt er als schwer heroinsüchtig, befand sich bis vor kurzem im Methadonprogramm. Aus diesem sei er „freiwillig“ ausgestiegen, auch habe er sich für eine Entgiftung entschieden, betonte der Mann, der sich vor Gericht einsichtig und scheinbar geläutert zeigte. „Ich habe eingesehen, dass es falsch war“, sagte er. Entgiftet wurde er im Haftkrankenhaus während der U-Haft, hält Kontakt zur Drogentherapie und habe Chancen auf einen baldigen Dauerplatz, „um von dem Zeug endlich wegzukommen“, ergänzte sein Anwalt. Den scheinbaren Wandel im Verhalten des Mannes belegten ebenfalls seine Bemühungen, für den Schaden der geklauten Geldbörse aufzukommen: Einige Euro habe er der bestohlenen Frau bereits selbstständig übergeben können, bestätigte auch die Zeugin vor Gericht, die dem Täter beim Hinausgehen noch „alles Gute“ wünschte.

Der Angeklagte stand nicht zum ersten Mal vor Gericht, hat derzeit eine Vorstrafe wegen vierfachen Diebstahls aus dem vergangenen Jahr.

Richterin: „Nicht unser letztes Zusammentreffen“

Weitere Strafverfahren laufen bereits. Während der Tatzeit des aktuellen Falles stand er noch unter Bewährung. Neben einer „hohen Rückfallgeschwindigkeit“ mit ein Grund, warum Rechtsreferendarin Inna Klein keine weiteren Argumente für eine erneute Bewährungsstrafe sah.

Trotzdem habe der Mann ein glaubhaftes Geständnis abgelegt, „er bereut seine Taten“, schloss die Vertreterin der Staatsanwaltschaft, die auf eine einjährige Gefängnisstrafe plädierte.

Zwei Monate weniger befürwortete die Verteidigung, ebenfalls ohne Bewährung. Eine Haft und spätere Therapie sei für den Suchtkranken wohl die einzige Möglichkeit, aus dem Teufelskreis von Sucht und Straf­taten herauszukommen, bekräftige Marks.

Strafrichterin Barbara Steinmann entschied sich für die Mitte und verurteilte den Mann zu elf Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung. „Das wird nicht unser letztes Zusammentreffen sein, aber vielleicht hilft es dieses Mal etwas“, ermahnte die Richterin den fast schon erleichtert wirkenden Mann, seinen drogenfreien Weg fortzusetzen.

von Ina Tannert

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