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Teil eines kriminalistischen Puzzlespiels

BKA-Fachmann hielt Vortrag Teil eines kriminalistischen Puzzlespiels

Das weiße Pülverchen ­landet im transparenten Plastiktütchen auf Bernd Plages Labortisch. „Was ist da drin?“, lautet dann die Standardfrage an den kriminaltechnischen ­Mitarbeiter des Bundeskriminalamts (BKA).

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Ein kriminaltechnischer Angestellter der Polizei Hannover sichert Spuren an einer Eingangstür. Die Marburger Chemie-Studierenden Franziska Nousch und Martin Arnold hatten den kriminaltechnischen Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes Bernd Plage zu einem Vortrag eingeladen (Foto unten).

Quelle: Julian Stratenschulte, Martin Schäfer

Marburg. Nur Mehl, Zucker, Kreide. Oder auch Kokain oder Sprengstoff? In Plages Job ist alles denkbar. Erpresser verschicken Mehl im Beutelchen als Drohung. Schmuggler mischen Rauschgift zur Tarnung in anderes Material ein. Ein bisschen geht Plage vor wie im Haushalt. Auch dort gibt es eine klare, einfache Methodik, um im Zweifelsfall Mehl von Zucker oder Zucker von Salz zu unterscheiden. Etwa an der Konsistenz, der Granularität, oder mit einer Geschmacksprobe. Letzteres ist für Plage natürlich tabu. Er hat seine Maschinen, die für ihn gewissermaßen den Stoff „schmecken“ und prüfen.

Auf Einladung von Franziska Nousch und Martin Arnold, beide Studierende im Fachbereich Chemie und engagiert in der Nachwuchsorganisation der Gesellschaft Deutscher Chemiker, gab Plage auf den Lahnbergen einen Einblick in sein Können und die Arbeit im Kriminaltechnischen Institut des BKA in Wiesbaden. Dort arbeiten rund 80 Wissenschaftler. Sie beschäftigen sich mit biologischen Proben und DNA-Spuren von Tatorten, mit Waffen und - wie im Fall von Bernd Plage - mit chemischen Untersuchungen von Substanzen.

„Wenn Objekte sich berühren, kontaminieren sie sich mit kleinsten Substanzmengen“, sagt der promovierte Chemiker. Hinter diesen Verunreinigungen ist Plage her. Dabei geht er recht ähnlich vor wie die Chemiker der Universität. Die müssen nach einer Synthese auch prüfen, ob in der Lösung oder im Granulat die richtige Zielsubstanz steckt - die Synthese also erfolgreich war. Ferner ist auch wichtig, wie rein die Substanz ist.

Der Kriminaltechniker Plage nutzt im Prinzip die gleichen Verfahren, um Proben aufzubereiten und zu analysieren. Wird ein illegales Labor für Designerdrogen ausgehoben, prüft Plage beispielsweise Ecstasy-Tabletten en masse. Mit der sogenannten Kernresonanzspektroskopie (NMR) kann der Chemiker die Struktur der Substanzen analysieren und mit Datenbankeinträgen vergleichen. Entspricht die Substanz einer neuen Variante der Partydroge, kommt der „Designer“ unter Umständen billig weg. Die Substanz fällt dann nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, ihre Herstellung kann nicht belangt werden. Plage spricht sich daher dafür aus, ganze Substanzklassen zu verbieten. In einem Fall behauptete ein Verdächtiger, er sei lediglich Sammler von Ecstasy-Tabletten. Und tatsächlich, alle sichergestellten Tabletten waren verschieden.

Spannende Frage:Brandstiftung oder nicht

In einer weiteren Datenbank befinden sich mehr als 2500 Lackproben von Autolacken. Da reichen schon Lacksplitter am Tatort, um auf die richtige Spur zu kommen, berichtet Plage. Der Chemiker bugsiert dann so einen Lackbrösel mit der Nadel auf einen Probenhalter aus Diamant, wo er gegen einen weiteren Diamanten zu einem hauchdünnen Lackfilm verpresst wird. Im infraroten Licht offenbaren sich dann die charakteristischen Molekülschwingungen der Lackbestandteile.

Kriminalistisch spannend ist immer die Frage: Brandstiftung oder nicht? Ein Hausbrand müsste ja alle Spuren getilgt haben. Außerdem hat die Feuerwehr sich schon ausgetobt. „Wo ist der Brand ausgebrochen? Und wurde nachgeholfen?“, benennt Plage die klassischen Fragen. Im ersten Schritt schnüffeln speziell trainierte Hunde nach Brandlegemitteln. Dann nimmt Plage eine Brandschuttprobe. Der Chemiker weiß, von Benzin oder Dieselkraftstoff verbrennt oder verdampft der leicht flüchtige Teil komplett. Es bleiben aber Reste übrig. „Über die schwer flüchtigen Anteile kann man noch in der Brandprobe Kraftstoffkomponenten finden“, sagt der Chemiker. Die Analytik ist aber immer nur ein Teil eines kriminalistischen Puzzlespiels. Wesentlich bleibt immer, die Ergebnisse im Kontext des Kriminalfalls auch korrekt zu interpretieren.

von Martin Schäfer

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