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Tasten und hören: die Alltagshelfer der Blinden

Technische Geräte Tasten und hören: die Alltagshelfer der Blinden

Was für sehende Menschen einfach und schnell zu erledigen ist, kann für hochgradig sehbehinderte oder vollblinde Menschen schwierig, langwierig oder gar undurchführbar sein. OP-Praktikant Thorsten Oberbossel gibt einen Überblick über seine kleinen Alltagshelfer.

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Vor mehreren hundert Jahren blieb einem Menschen, wenn er blind wurde, meist nur die Hoffnung, von der Familie versorgt zu werden oder das Betteln. Zwar gab es in den Jahren des 17. und 18. Jahrhunderts schon Versuche, Buchstaben als Reliefs darzustellen. Doch die Methode war zeitaufwendig und teuer – also nicht für jeden erschwinglich.

Erfindung der Braille-Schrift

1823 erfand der durch einen Unfall selbst erblindete Louis Braille eine Schrift, bei der kleine Punkte in einer Anordnung von zwei Reihen zu je drei Punkten in dickeres Papier gestochen wurden. Mit dieser präzise ausgearbeiteten Lochtafel und einem Griffel zum Einstechen der Punkte revolutionierte er die Möglichkeiten für blinde Menschen. Mit der nach ihm benannten Blindenschrift konnten Blinde Lesen und Schreiben lernen. Später wurden Schreibmaschinen erfunden, mit denen die Brailleschrift schneller in das für sie geeignete Papier eingestanzt werden konnte. Um den Platzbedarf beim Buchdruck oder Beschreiben von Zetteln zu verringern, wurde in den 1950er Jahren ein System von Abkürzungen erfunden, mit dem gängige Buchstabenkombinationen oder Wörter auf ein Braillezeichen zusammengekürzt werden konnten.

Bereits in den 1970ern kamen mit der Verkleinerung elektronischer Bauteile die ersten Hilfsmittel mit Sprachausgabe auf. Allerdings waren diese sprechenden Geräte noch sehr klobig, und die künstlichen Stimmen klangen monoton wie die von klassischen Robotern aus Science Fiction-Filmen. Es wurde aber schon an künstlichen Stimmen geforscht, die doch etwas mehr menschliche Betonung und Aussprache aufbieten sollten. Mit der zunehmenden Verkleinerung bei gleichzeitiger Leistungssteigerung erhielt die Computertechnik nicht nur großen Einfluss auf die Welt der Sehenden, sondern ermöglichte durch Programme und anschließbare Zusatzgeräte, dass blinde Menschen ebenfalls mit Computern arbeiten konnten.

Sprachausgabe für den PC

Ein extrem wichtiges Hilfsmittel ist die Braillezeile, die den auf einem Bildschirm enthaltenen Text in Punktschrift darstellt. Bei dieser Technik ist jedoch auf den Preis zu achten. Je nach Anbieter und Ausstattung kostet ein Gerät zwischen 4 000 und 10 000 Euro. 
Ein weiteres mit handelsüblichen Rechnern verwendbares Hilfsverfahren ist die Sprachausgabe. War es in den 1980ern und 1990ern noch so, dass dafür ein Zusatzgerät an den Rechner angeschlossen und ein Programm installiert werden musste, entwickelte sich die Technik Ende der 1990er Jahre weiter. Nun konnte ein Programmpaket benutzt werden, das einmal auf dem  Rechner installiert über die eingebaute Soundkarte mit künstlicher Stimme vorlas, was auf dem Bildschirm stand. Sprachausgaben sind zwar billiger und beim Hören auch schneller in der Bildschirmtextwiedergabe, können aber in einer lauten Umgebung schwer verstanden werden. In einer leisen Umgebung können sie durch ihre immer noch sehr synthetische Klangfärbung störend wirken. Wer die Sprachausgabe über Kopfhörer hört, schließt sich damit größtenteils von Gesprächen mit Freunden oder Arbeitskollegen aus. Hier hat der Nutzer einer Braillezeile den Vorteil, dass er eben fast lautlos arbeiten kann. Daher kommen Braillezeilen häufiger als berufsbedingte Hilfsmittel zum Einsatz, während im Privatbereich eher auf ein Sprachausgabeprogramm zurückgegriffen wird.
Die Entwicklung immer kleinerer und leistungsstärkerer Elektronik hat auch bei der Herstellung von Alltagsgegenständen für Blinde und Sehbehinderte eine Vielfalt von Neuerungen bewirkt. War es zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch umständlich, Haushaltsgeräte, Uhren und andere Messgeräte mit tastbaren Markierungen zu versehen, war es nun möglich, kleine, programmierte oder programmierbare Geräte zu entwickeln. Eine künstliche Stimme war hierbei das wesentliche Vermittlungselement zwischen dem Gerät und seinem Nutzer.

Die Alltagshelfer

Das Handy: Für eine breite Palette von Handys wurde die Hilfsmittelsoftware „Talks“ entwickelt, die über Bluetooth auf das Endgerät aufgespielt und aktiviert wird. Damit kann der Benutzer das Handy oder Smartphone ohne sehende Hilfe bedienen.
Wie nützlich es ist, Mobiltelefone sprechen lassen zu können, erkannten auch Firmen, die für ihre Vielzweckgeräte wie Smartphones einen erweiterten Kundenstamm gewinnen wollten. So hat das iPhone von Apple ab Version 4 eine standardmäßige Sprachausgabe, die wahlweise zu- oder abgeschaltet werden kann. Außerdem gibt es kleine kompakte Geräte, mit denen Termine organisiert, Notizen festgehalten werden können oder Kontaktdaten sicher abgespeichert werden.

Das Navigationsgerät: Im Bereich der digitalen Klangaufzeichnung gibt es hochqualitative Geräte, die über eine Sprachausgabe wiedergeben. Die Stimme hilft dem Nutzer zu erkennen, wo er sich gerade im Bedienungs-Menü befindet. Bereits vor den heute üblichen Smartphone-Apps wurden tragbare Navigationsgeräte auf GPS-Basis entwickelt, die blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen die Orientierung unter freiem Himmel erleichterten. Aber nicht nur dies – erstmals hatten Sehbehinderte die Möglichkeit, sich in vorher nie besuchten Gegenden oder Städten nahezu ohne fremde Hilfe zurechtfinden zu können.
Ein Navigationsgerät wie der Trekker Breeze (siehe rechts) erklärt zwar automatisch, welche Straße gerade überquert wird und wann ein markierter Wegpunkt erreicht ist, ersetzt aber nicht die Verwendung von Taststöcken oder Blindenführhunden. Denn auf kurzfristige Baustellen, Treppenstufen oder andere Hindernisse weisen die Gerätschaften nicht hin. Derartige Hilfsmittel kosten jedoch mehr, als vergleichbare Geräte für Sehende. Daher erhalten Vollblinde und hochgradig sehbehinderte Menschen in Deutschland in den meisten Bundesländern finanzielle Unterstützung. Außerdem bestehen gesetzliche Möglichkeiten, bei Antritt eines Berufes die kostspieligen Hilfsmittel über das Arbeitsamt zu beantragen.

Der Stock: Das erste und einzige echte Hilfsmittel für blinde Menschen war der Stock, mit dem sie den vor ihnen liegenden Weg ertasten konnten. Ihn gibt es schon seit dem Mittelalter. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich zu einem Teleskop- oder Faltstock. Seine Handhabung wird heute an den Blindenschulen in einem sogenannten Mobilitätstraining unterrichtet und gefördert. 

Das Multifunktionsgerät Milestone ist ein Alleskönner. Es kann sowohl als Diktiergerät, Abspieler für verschiedene Audiodateiformate, wahlweise Radio und Terminkalender, Strichcode-Erkenner oder RFID-Markierungsleser eingesetzt werden.

von Thorsten Oberbossel

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