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Tanja Reppel holt sich den Alltag zurück

OP-Serie: Körperkulte Tanja Reppel holt sich den Alltag zurück

In der gut genährten Überflussgesellschaft ist es fast schon eine Herausforderung, dünn zu bleiben. Menschen werden immer dicker – artet das Essen jedoch zur Sucht aus, kann es gefährlich werden.

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Die alte Hose Größe 54 passt Tanja Reppel schon lange nicht mehr – für sie und Sohn Erich ist das Kleidungsstück heute nur noch eine amüsante Erinnerung an eine vergangene Zeit.

Quelle: Ina Tannert

Elmshausen. Diese Erfahrung machte auch die Elmshäuserin Tanja Reppel. Schon seit ihrer Jugend war die heute 43-Jährige moppelig, brachte noch vor einem Jahr knapp 140 Kilogramm auf die Waage. Und das bei einer Größe von einem Meter siebzig. „Ich war extrem dick, als Brecher habe ich mich dabei aber nicht wahrgenommen“, erzählt die fröhliche Mittvierzigerin.

Doch die negative Wahrnehmung von außen machte ihr zu schaffen. „Als übergewichtiger Mensch hat man es schwer in der Gesellschaft, schlank ist heute in“, sagt sie. Medien, TV oder Internet geben den körperbewussten Maßstab vor, wer nicht hineinpasst in das strahlende Idealbild, fällt aus dem anerkannten Raster, wird allzu schnell verurteilt.

Diäten halfen nichts

„Wer nicht dem Ideal entspricht, wird angestarrt, die Leute reden und das geht auf die Psyche“. Die tatsächliche wie eingebildete Wahrnehmung hatte Auswirkungen auf ihren Umgang mit sich selber wie mit anderen. „Man verkriecht sich, geht nicht mehr unter Leute“, erinnert sich Tanja Reppel.

Bereits als junge Frau erhielt sie die Diagnose Adipositas, umgangssprachlich auch Fettsucht genannt. Die erste Diät versuchte sie mit 15 Jahren, viele weitere folgten, stets legte sie wieder zu, auch mal doppelt so viel wie vorher. Ihr Körper reagierte auf das Übergewicht, Rücken- und Gelenkprobleme nahmen zu, ein erhöhter Blutdruck bremste sie zusätzlich, machte sie schlapp und müde.

Vor allem ihre Familie war ein großer Ansporn für eine Kehrtwende, insbesondere ihr kleiner Sohn Eric, der unter der trägen Mutter litt. Gemeinsames Toben und Spielen fiel ihr schwer, gemeinsame Ausflüge schaffte sie kaum. Mit ihrem Hüftumfang von 149 Zentimetern, einem Body-Mass-Index von 47 und nicht zuletzt dem Druck von außen wollte sie nicht mehr leben, entschloss sich schließlich für eine radikale Wende und das Optifast-Programm vom Adipositaszentrum Mittelhessen am UKGM. Ihr Ziel: sich „den Alltag zurückzuholen und mit dem Kleinen mitzuhalten“.

Ein Jahr dauerte das Gruppentraining, samt kompletter 
Ernährungsumstellung und Sportprogramm. „Das war eine harte Zeit, es ist schwer, auf Essen zu verzichten, aber ich habe die Zähne zusammengebissen“, kann sie sich freuen. Auf rund 100 Kilogramm konnte sie sich herunter arbeiten, verlor fast ein Drittel ihres Gewichts.

Nah am Wunschgewicht

Heute kommt sie jeden Berg hinauf, geht gerne wandern und spielt ausgiebig mit dem Sohnemann. Nun trägt sie Hosengröße 46, anstelle von 54, wie noch vor einem Jahr. „Ich bin viel beweglicher, selbstbewusster und lebenslustiger, habe weniger Gelenkprobleme“, zählt sie gut gelaunt auf. Auch weniger kritische Blicke nimmt sie wahr, „vielleicht fallen die auch nicht mehr auf, die ganze Haltung hat sich verändert“.

Ihrem Wunschgewicht nähert sie sich weiter, übertreiben will sie es dabei nicht. Für überbordenden Diätenwahn oder Mager-Wettkämpfe wie Internet-Challenges hat die fröhliche Elmshäuserin mit dem herzlichen Lächeln kein Verständnis, „manche jungen Frauen animieren sich dazu, krank zu werden, sie spielen mit ihrem Leben – zu dünn aber auch zu dick zu sein ist lebensbedrohlich, die Krankheiten kommen von ganz allein“, weiß sie aus 
 eigener Erfahrung.

Zu stark abnehmen möchte sie nicht, schließlich soll auch ihr Ehemann „noch was zum Anpacken haben“. Sich selber empfindet sie „nicht als die Schönste aber auch nicht hässlich“, erzählt sie offen. Ihre weiblichen Rundungen will sie behalten: „Das sieht doch sonst nicht schön aus, wie tapezierte Knochen – und nur Hunde spielen mit Knochen“, erzählt Tanja Reppel lachend.

von Ina Tannert

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