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Tagebücher bezeugen den Weltkriegs-Horror

Dr. Christian Eisenberg Tagebücher bezeugen den Weltkriegs-Horror

„Eine gewaltige Schlacht“: Heute vor 100 Jahren begann die bis 
dato größte Offensive des Ersten Weltkriegs. Der Marburger Dr. Christian Eisenberg hat sie bei Verdun miterlebt. Und das steht in seinem Tagebuch.

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Der Donnerstag, 27. Februar 1916 ist einer von tausenden Einträgen im Tagebuch von Weltkriegs-Augenzeuge Dr. Christian Eisenberg. Und doch ist es ein Tag, den der Marburger ausführlich beschreibt. Grund: Beginn einer Großoffensive in Verdun.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Schnüre halten das Bündel abgegriffener Hefte zusammen. Die Schrift auf dem Papier ist so blass, wie die Gesichter der Toten, die Eisenberg auf den Schlachtfeldern an der Westfront hat liegen sehen. Von Artillerie zerfetzte Soldaten, vom Giftgas dahingeraffte Menschen, von Granaten zerteilte Pferde: Der Pfarrer erlebte die „Hölle von Verdun“, die binnen eines Dreivierteljahres etwa 
800.000 Tote forderte.

Der 27. Februar 1916 markiert den Tag des Angriffs auf das Fort Vaux – die bis dato größte Schlacht des Weltkriegs. Und es sollte der erste Tag der Geschichte des Frontverlaufs sein, ab dem es keine nennenswerten Verschiebungen mehr gab. Und so hat der damals 46-jährige Marburger, der erst in 
Olley, später in Allamont stationiert war, diesen Tag erlebt:

„Der Opfer sind bereits viele“

„Früh wieder hinaus zum Schlachtfeld. Schwerster Kanonendonner hat die ganze Nacht über angehalten und hüllte uns, je näher wir kamen, umso mehr in seine gewaltigen Schallwellen ein. Es herrschte dichtes Schneetreiben nach dem Vortag noch vermehrt. Später hellte es sich auf, draußen ist die Lage gegenüber gestern unverändert. Die kühne Absicht gestern Abend noch das folgende Dorf Manheulles zu nehmen, hat nicht verwirklicht werden können, weil es zu stark – besonders mit Maschinengewehren – besetzt ist.

Unsere 
brave 
Brigade hat die ­ganze Nacht davor ­gelegen, nun schon 48 Stunden ununterbrochen draußen. Der Opfer sind bereits viele. Auf dem Weg hinauf begegnet uns eine Reihe von Wagen mit Verwundeten. Ein Kutscher rief mir zu, er fahre den Hauptmann Blumberg. Ich stieg zu ihm, er war im Dämmerzustand – schwerer Bauchschuss. Er kannte mich noch und ich sagte ihm ein Wort. Er ist in St. Jean gleich nach der Einlieferung gestorben.“

Pause – und Blick ins Marburg im Februar 2016. Die Enkelin des Tagebuchschreibers, Dr. Hildegard Eisenberg lernte ihren Großvater nie persönlich kennen. Sie hütet heute jedoch seine Erinnerungen. „Er war ein glühender Kaiser-Verehrer, sehr national eingestellt“, sagt sie im OP-Gespräch. 
Alle seine Aufzeichnungen seien „gekennzeichnet von der Hoffnung darauf, dass es wieder besser wird“.

Gasangriffe und Fliegerkämpfe

Weiter im Tagebuch vom 
27. Februar 1916: „Von dem Schützengraben aus genossen wir später den Anblick der Schlacht, die sich mit der vorrückenden Morgenstunde mehr und mehr entwickelte und gewaltiger wurde. Noch gewaltiger als gestern, weil auch wir inzwischen mehr Artillerie herangebracht hatten.

Auf den Höhen bearbeitete unsere Artillerie die 
 Forts von Verdun, von der Woëvre-Ebene stürmte das 15. Korps offenbar auch mit Gasangriffen, in der Ebene kämpften die bayerischen Ersatzdivisionen und wir. Darüber heftige Fliegerkämpfe. Es war ein überwältigendes Bild. Der Kanonendonner war ins Riesenhafte gesteigert. Es ist ja auch die größte aller Schlachten des Weltkriegs.

Dr. Christian Eisenberg (rechts) auf Heimaturlaub mit einem Kameraden in der Marburger Liebigstraße. Privatfoto

Dr. Christian Eisenberg (rechts) auf Heimaturlaub mit einem Kameraden in der Marburger Liebigstraße. Privatfoto

Quelle:

Unser Verbandsplatz ist nach Ville-en-Woëvre verlegt worden, obwohl das Dorf immer noch in starkem feindlichen Feuer liegt. Menke (Anm. d. Red.: katholischer Kollege, mit dem Eisenberg viel Zeit verbrachte) und ich wollten dorthin und kamen an einer zu uns gehörenden Munitionskolonne vorbei. Obwohl diese gut gesichert war, entdeckten die Franzosen sie. Und gerade als wir neben ihr waren, begann das auf sie gerichtete feindliche Granatfeuer. Nun folgte für uns eine böse Stunde.

Wir warfen uns auf den Boden und versuchten sprungweise aus der Schussrichtung herauszukommen. Zwischen den rasch aufeinanderfolgenden Granaten liefen wir so schnell es Herz und Lunge erlaubten in die Wiese, die sumpfig und voll von Wasserlachen war. Höchstens 30 Schritte konnte man geduckt laufen, hörte man einen Abschuss, ließ man sich fallen, wo man gerade war; oft mitten ins Wasser hinein. Wendete man den Kopf, sah man die Einschläge, einige recht nahe und einen genau auf den Platz, wo ich wenige Minuten vorher gelegen hatte. Ständig zischte es über uns hinweg. Eine Granate zerriss zwei Mann und zwei Pferde, so dass sie in die Luft flogen.

Soldaten bietet sich ein unbeschreibliches Bild

Nach circa 25 Minuten waren wir aus der Schussrichtung hinaus und blieben liegen, wo wir waren, bis die Beschießung aufhörte. Zwei Sanitäter suchten den Wiesengrund ab, fragten ob wir verwundet seien. Unverletzt gingen wir mit ihnen nach Hennemont zurück. Wir kamen gerade recht zur Beschießung des Dorfs und ließen uns im tiefen Schmutz des Schützengrabens nieder, wo wir verschmutzt und abgestumpft gegen die Gefahr friedlich in Ermangelung anderer Stärkungsmittel eine Zigarre rauchten.

Manheulles hat noch immer nicht genommen werden können, da es von der Artillerie noch nicht sturmreif geschossen ist. Später gingen wir zurück, die Wege bieten ein unbeschreibliches Bild: In einem ununterbrochenen Zug wälzt sich der Heerestross heran.“ Es ist das Ende der Aufzeichnungen vom 27. Februar 1916.

Eisenbergs Enkelin Hildegard hat jeden Satz in den 20 Heften ihres Vorfahren gelesen. Ernüchterung, Trauer, Leid, Depression – all das habe ihr Vorfahre erst in den letzten Kriegswochen formuliert. Selbst als sein Bruder 1918 im Gefecht sterbe, „gibt es bei meinem Großvater keine Aversion gegen den Krieg“.

Ein verbotenes Bild: Soldaten im Schützengraben nahe Verdun. Privatfoto

Ein verbotenes Bild: Soldaten im Schützengraben nahe Verdun. Privatfoto

Quelle:

Dr. Christian Eisenberg wurde 1870 in Hofgeismar geboren, studierte Theologie in Marburg, arbeitete als Geistlicher erst in Kassel und war ab 1910 Pfarrer in der Marburger Universitätskirche. Er meldete sich freiwillig für den Fronteinsatz.

Sein ältester Sohn Hellmut zog nach dem Abitur ebenfalls in den Krieg und überlebte wie sein Vater. 1933 – unmittelbar nach Erlass der Ermächtigungsgesetze durch die Nationalsozialisten – wurde Eisenberg als „nicht mehr tragbar“ in der Kirche eingestuft. Wenige Monate später, im Oktober starb der Pfarrer.

„Mit dem heutigen Tag beginnt meine Kriegsfahrt“, geschrieben am Donnerstag, 15. November 1914 ist der erste Satz in seinem Tagebuch. Der letzte, vor der Rückkehr aus Rumänien am 3. November 1918, lautet: „So hatte ich mir mein Heimkommen aus dem Krieg nicht vorgestellt.“

von Björn Wisker

 
Enkelin digitalisiert das Vermächtnis

Dr. Hildegard Eisenberg ist die Enkelin des Marburger Tagebuchschreibers. In ihrer Wohnung am Ortenberg überträgt sie jedes handgeschriebene Wort aus den Tagebüchern ihres Großvaters auf den Computer. „Für die Nachwelt mache ich das, die Schrift kann heute ja kaum noch jemand lesen“, sagt sie.

Die Mitte November 1914 in Frankreich beginnenden und im November 1918 in Rumänien endenden, täglichen Einträge hat sie derzeit bis zum März 2016 abgetippt. „Das ist im Alter eine schöne, erfüllende Aufgabe.“ Die Briefwechsel, die der evangelische Geistliche mit seiner Frau Luitgard während des Kriegs führte, sind bereits in zwei Büchern (Umfang: rund 1500 Seiten) gedruckt. Zudem hat Dr. Christian Eisenberg aus seiner Zeit an West- und Ostfront viele Fotos – aus dem Alltag und von zerstörten Kirchen – gemacht.

Alle Originale werden künftig im Kirchenarchiv in Kassel, der Stadt, in der Eisenberg ab 1924 Dekan der Martinskirche war, aufbewahrt.

 
Militärpfarrer Dr. Christian Eisenberg (5. von rechts, mit Kreuz um den Hals) mit Soldaten im Nordwesten Frankreichs. Privatfoto

Militärpfarrer Dr. Christian Eisenberg (5. von rechts, mit Kreuz um den Hals) mit Soldaten im Nordwesten Frankreichs. Privatfoto

Quelle:
 
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