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Täter handelt "unverändert wahnhaft"

Urteil im Messerstecher-Prozess Täter handelt "unverändert wahnhaft"

Der psychisch erkrankte Marburger, der seinen Nachbarn im vergangenen Jahr mit mehreren Messerstichen lebensbedrohlich verletzte, bleibt auf unbestimmte Zeit in der geschlossenen Psychiatrie.

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Rechtsanwalt Thomas Strecker beim Prozessauftakt mit dem Angeklagten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Dies entschied das Schwurgericht am gestrigen sechsten Verhandlungstag. Die Kammer sah die Schuldunfähigkeit des 47-Jährigen als erwiesen an sowie die akute Gefahr, die derzeit von dem psychisch Kranken ausgeht: „Die Gefährlichkeitsprognose ist mehr als hinreichend“, erklärte der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul.  Eine Grundlage der Entscheidung bildete das aussagekräftige Gutachten der psychiatrischen Sachverständigen, die den Prozess  begleitete und gestern Stellung bezog.

Während der Tat sowie danach war der Mann „akut psychotisch“, der ärztliche Befund „sehr auffällig“, erklärte Psychiaterin Dr. Beate Eusterschulte über den 47-jährigen Angeklagten.

Während dieser Zeit durchlebte der Mann eine gewalttätige Episode der Erkrankung, sein „Größenwahn und Fremdbeeinflussungserleben“ stiegen massiv an. Eine erhöhte Gereiztheit, Impulsivität und fehlende Empathie waren die Folge.

Er sah sich als „Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse“, zeige bis heute „keinerlei Einsicht, dass er etwas Unrechtes getan hat. Er hält die Tat für richtig“, erklärte die Expertin.

Dies war nicht der erste gewalttätige Ausbruch des Mannes. Bereits vor 25 Jahren wurde bei dem bis dahin unauffälligen Beschuldigten eine schizophrene Psychose diagnostiziert. Nach einem anhaltenden Alkohol- und Drogenmissbrauch folgten erste gewaltsame Übergriffe sowie ein Brandanschlag gegen die Mutter. Mehrmals wurde der damals junge Mann eingewiesen, durchlebte immer wieder krankhafte Schübe und gewalttätige Episoden. Therapien brachte er nicht zu Ende, setzte mehrfach seine Antipsychotika ab, konsumierte erneut Alkohol und Cannabis-Produkte, was die Erkrankung noch verstärkte.

"Unverändert hohes Risiko für Gewaltdelikte"

Nach wie vor seien die Krankheitssymptome und „destabilisierenden Einflüsse“ vorhanden. Trotz entsprechender Medikation bleibe dieses psychotische Erleben weiterhin bestehen, derzeit gebe es „keinen maßgeblichen Therapieerfolg“. Sollte der Täter in diesem Zustand auf freien Fuß gesetzt werden, besteht ein „unverändert hohes Risiko für Gewaltdelikte“, so das Fazit der Sachverständigen, die sich deutlich für eine Unterbringung aussprach.

Auch für Staatsanwalt Johannes Stochel stand fest, dass der Mann „unverändert wahnhaft“ handelt und andernfalls weitere Taten begehen wird. Das Mordmerkmal der Heimtücke sah die Anklage als erwiesen an: Da der Täter das Messer vor der ersten Attacke hinter dem Rücken verborgen hielt, habe sich „die Annahme eines Tötungsvorsatzes bestätigt“. Dem widersprach die Verteidigung. Der Täter wollte dem Nachbarn „eine Lektion erteilen“, diesen jedoch nicht töten, hob Verteidiger Thomas Strecker hervor. Es sei fraglich, dass sein Mandant die Arg- und Wehrlosigkeit seines Opfers tatsächlich ausnutzte. Einen Antrag stellte die Verteidigung nicht, der Angeklagte äußerte lediglich einen Wunsch: „Ich hätte gerne ein Jahr Haft für gefährliche Körperverletzung bei voller Schuldfähigkeit.“

Die Verhängung einer Kriminalstrafe ist aufgrund der Schuldunfähigkeit jedoch nicht gegeben, erklärte der Vorsitzende Richter Dr. Carsten Paul. Die von der Staatsanwaltschaft beantragte Unterbringung nach dem Paragraphen 63 des Strafgesetzbuches sah die Kammer schließlich als eindeutig begründet an.

Dass der Mann bei seinem wechselhaften, psychotischen Verhalten das Messer jedoch tatsächlich planvoll versteckte, konnte nicht erwiesen werden, die Kammer betrachte die Tat daher als versuchten Totschlag.

Wie lange der Mann in der psychiatrischen Einrichtung bleiben muss, ist völlig offen. „Sie werden dort einige Zeit verbringen müssen“, prophezeite Paul. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, der Angeklagte könnte noch das Rechtsmittel der Revision in Anspruch nehmen.

von Ina Tannert

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