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Tabu verhindert ernsthafte Diskussion

Welt-Toiletten-Tag Tabu verhindert ernsthafte Diskussion

Heute ist Welt-Toiletten-Tag. Hat da jemand gelacht? Das Thema ist ernst: 2,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu vernünftigen Sanitär­anlagen.

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Der 73-jährige Eberhard Ströder (rechts) ist stolz auf eines seiner jüngsten Projekte: eine Wasserzisterne im tansanischen Dorf Michungwani.

Quelle: Hartmut Berge

Marburg. Der Mangel an Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene zählt zu den größten Problemen des 21. Jahrhunderts. Etwa 750 Millionen Menschen weltweit haben keinen Zugang zu sauberem, sicherem Wasser. Das Fehlen ausreichend hygieni­scher Sanitäreinrichtungen für mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung hat gesundheitliche und sozio-ökonomische Folgen, insbesondere durch daraus resultierende Krankheiten.

Entweder können diese Menschen nur Toiletten benutzen, die ihre Gesundheit gefährden, oder sie müssen ihre Notdurft im Freien verrichten.

Hygienemangel kostet viele Menschenleben

Unhygienische Toiletten beeinträchtigen nicht nur die Lebensqualität, sie sorgen für viel Leid, tragen zur Verbreitung von lebensgefährlichen Krankheiten bei. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation könnte alleine das Leben von 200.000 Kindern jährlich gerettet werden, wenn es überall auf der Welt hygienisch einwandfreie Toiletten gäbe.

Der 19. November wurde erstmals 2001 von der Welt-Toiletten-Organisation, einer internationalen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Singapur, als Tag der Toilette ausgerufen. Die Vereinten Nationen übernahmen 2013 den Vorschlag, diesen Tag zum regelmäßigen Jahrestag zu machen.

Der Welt-Toiletten-Tag soll die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft wachrütteln, Tabus beseitigen, statt weiterhin zu verdrängen, dass das Toilettenproblem für einen Großteil der Menschheit nicht gelöst ist. Von den nationalen Regierungen wird gefordert, mindestens drei Prozent ihrer Ausgaben für Sanitär- und Wasserversorgung aufzuwenden, aber auch die Korruption im Wassersektor zu bekämpfen.

Verzahnung von Not- und Übergangshilfe

In sogenannten Entwicklungsländern ist man froh über jede Toilette. In der vermeintlich weiter entwickelten Welt sind Toiletten oft Zielobjekte blinder Zerstörungswut. Foto: Tobias Hirsch

Quelle:

Bereits vor Jahren wurden die politischen Führer der Welt mit der Petition „Keep Your Promises“ aufgefordert, ihre Versprechen für das Erreichen der Millenniums-Entwicklungsziele einzuhalten, also auch den Anteil der Menschen ohne eine Wasser-­ und Abwasserversorgung bis 2015 im Vergleich zu 1990 zu halbieren. Davon ist man noch weit entfernt. Nun soll dieses Ziel bis 2075 erreicht werden.

Neben staatlichen Entwicklungshilfeprojekten haben sich viele Nichtregierungsorganisationen der Probleme angenommen und leisten auf vielerlei Weise Hilfe. 18 deutsche freie Organisationen aus der humanitären Not- und Übergangshilfe und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit haben sich im WASH-Netzwerk zusammengeschlossen.

„WA“ steht für Wasser, „S“ für Sanitärversorgung und „H“ für Hygiene. Im Mittelpunkt der Aktivitäten dieses Netzwerks stehen neben der Professionalisierung durch den Aufbau eines kontinuierlichen Wissensaustauschs und einer besseren Verzahnung von Not- und Übergangshilfe und Entwicklungszusammenarbeit vor allem die gemeinsame Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit.

Alle auf dem sanitären Sektor tätigen Hilfsorganisationen sind sich einig, dass das vorherrschende, ungesunde Tabu eine offene und ernsthafte Diskussion des Hygieneproblems verhindert.

Fortschritte in Nepal,Indien und Bangladesch

Sie kämpfen weiter dafür, dass das „anrüchige“ Thema einen prominenten Platz auf der entwicklungspolitischen Prioritätenliste und in der nationalen Entwicklungspolitik erhält. Der Welt-Toiletten-Tag findet nach wie vor nicht die gleiche Beachtung wie der Welt-Wasser-Tag am 22. März jedes Jahres. Wasser und sanitäre Versorgung werden als Menschenrechte eingestuft und sind essentiell für alle anderen Entwicklungen.

Indien will beispielsweise bis 2019 Toiletten für alle bauen. Derzeit gehen noch mehr als 40 Prozent des Milliarden-Volkes fürs Geschäft ins Freie. In Bangladesch wurde die Zahl der Menschen, die keine Toilette benutzen, von 1990 bis 2012 von 34 auf 3 Prozent reduziert. In Nepal im gleichen Zeitraum von 86 auf 40 Prozent.

Auch "Einzelkämpfer" leisten wichtige Hilfe

Neben staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen leisten auch viele Privatpersonen Hilfe, um in ärmeren Ländern die Versorgung mit sanitären Einrichtungen und Wasser voranzutreiben. Ein Paradebeispiel für solchen selbstlosen Einsatz ist Eberhard Ströder. Der 73-Jährige lebt in Mogen­dorf im Westerwaldkreis.

Der gelernte Schreiner begleitete und begleitet seit 1991 mehrere Projekte in Tansania, zunächst im Mabira-Distrikt, nahe der Grenze zu Ruanda, später in Korogwe, einer Stadt in der Tanga-Region im Nordosten Tansanias. Inzwischen hat er im Dorf Michungwani eigene Projekte initiiert und mithilfe von Spenden finanzier. So ein Wasserauffangbecken.

„Ein funktionierendes Wasserleitungssystem gibt es nicht“, erklärt er gegenüber der OP. Darüber hinaus sind ein Pfarrhaus und eine Nähwerkstatt entstanden. Statt es ruhiger angehen zu lassen, hat Ströder bereits neue Pläne: „Im nächsten Jahr will ich einen Kindergarten bauen.“

von Hartmut Berge

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