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Supermärkte entdecken ihre Region

Regionalfenster Supermärkte entdecken ihre Region

Bio ist nicht mehr das Einzige, worauf anspruchsvolle Kunden achten: Aus der Region sollen die Lebensmittel kommen. Regionale Erzeuger profitieren, Handelsketten
reagieren.

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Es gibt Gemüse und Früchte, die hier nicht wachsen. Aber was hier wächst, das kann man auch von den regionalen Erzeugern beziehen. Woher die Produkte kommen, finden die von A.T. Kearney Befragten sogar wichtiger als die biologische Produktion.  

Quelle: Patrick Pleul/dpa

Marburg . Eier aus Allna, Kartoffeln aus Niederweimar und Honig aus Schweinsberg – ein Teil des Angebots im Edeka von Gerhard Kempf in Weimar. „Die Nachfrage nach Eiern vom Bauernhof in der Umgebung ist groß“, sagt der Junior-Chef Christopher Kempf. Sein Markt werde inzwischen zwei- bis dreimal pro Woche von den Landwirten aus der näheren Umgebung beliefert.
Christopher Kempf reagiert auf einen Trend, den es nicht nur in Weimar gibt, sondern mindestens auch im Rest von Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. 70 Prozent der Konsumenten kaufen mehrmals im Monat regionale Lebensmittel ein, fast die Hälfte sogar wöchentlich. Das geht aus einer Studie hervor, die die Beratungsfirma A.T. Kearney durchgeführt hat.

Konzerne entdecken das regionale Produkt

Auch die Supermarktketten haben das Potenzial der regionalen Produkte erkannt. Doch das Modell, das Marktleiter wie Kempf und der Rewe-Markt-Betreiber Bruno Naumann vor Ort umsetzen, lässt sich nicht von einer Konzernleitung für das ganze Bundesgebiet einrichten. Es passt nicht zum Geschäftsmodell großer Konzerne: Sie kaufen günstig ein, wenn sie große Mengen kaufen – die können die Landwirte im Landkreis Marburg-Biedenkopf aber nicht liefern. Edeka Hessenring vertreibt unter der Marke „Unsere Heimat Hessen“ Produkte, die vor allem in Südhessen von großen Betrieben für die Supermarktkette angebaut wurden. Ob man als Marburger Griesheim bei Darmstadt zu seiner Heimat zählt, sei dahingestellt.

„Rewe Regional“, „Unsere Heimat“, „Qualität und Frische aus der Region“ oder „Bestes aus unserer Region“ – wie glaubwürdig sind diese Marken? Kommen die gekennzeichneten Produkte wirklich aus der näheren Umgebung oder womöglich aus der Region rund um die Supermarkt-Zentrale?
„Hierüber sollte sich der Verbraucher genau informieren“, meint Nicole Weik vom Bundesverband für Regionalbewegung. Der Verband setzt sich dafür ein, regionale Vermarktungsstrukturen zu erhalten und wiederzubeleben und möchte Mindeststandards für Regionalität einführen. Die Grundidee: Wenn Kartoffeln aus Dagobertshausen ohne Umwege in Marburg verkauft werden, bleiben die Gewinne in der Region. Nebenbei wird die Umwelt geschont, wenn Produkte nicht unnötig durch die Welt transportiert werden (kleines Foto: dpa-Victoria-Bonn-Meuser).

Apfelschorle mit chinesischem Apfelsaftkonzentrat

Das ist naheliegend, aber nicht normal. Produkte in den Regalen der Supermärkte oder einzelne Bestandteile der Waren haben teilweise absurde Wege zurückgelegt, bevor sie hier angeboten werden. Ein Beispiel ist die Apfelsaftschorle. Äpfel gibt es hier zwar auch, in China sind sie aber billiger. So kommt es, dass 2013 laut Verband der Deutschen Fruchtsaftindustrie 80 Millionen Liter Apfelsaftschorle mit chinesischem Apfelsaftkonzentrat in Deutschland hergestellt wurden. Ebenso finden chinesische Früchte ihren Weg in industriell produzierte Marmeladen – und als Füllung sogar in Backwaren. Abgesehen vom unnötigen Kohlenstoffdioxid-Ausstoß, der beim Transport entsteht, birgt der Import auch gesundheitliche Risiken. Denn mit welchen Pflanzenschutzmitteln die Äpfel in China behandelt wurden, ist am Konzentrat nur schwer festzustellen. Und deutsche Lebensmittelvorschriften interessieren die Landwirte in China nicht. Doch auch bei der Apfelschorle gibt es den Gegendtrend: Rhönsprudel bietet zum Beispiel eine Apfelschorle an, bei der nicht nur das Wasser aus dem Biospährenreservat Rhön kommt, sondern auch jeder verarbeitete Apfel.
Die Supermarkt-Siegel mit Regionalitätsversprechen sieht Nicole Weik kritisch (Bild: Hendrik Schmidt).

„Der Verbraucher sollte sich, besonders bei verarbeiteten und tierischen Produkten, genau informieren, ob wirklich alle Rohstoffe und auch das Futter der Tiere aus der Umgebung kommen. Oftmals werden Produkte als regional betitelt, wenn sie nur in der Region fertig verarbeitet wurden“. Bei Obst, Gemüse und anderen nicht weiter verarbeiteten Produkten hingegen, sei die Zertifizierung weitgehend glaubwürdig.

Bio wichtiger als Regionalität?

Auch wenn die Verbraucher eine relativ einheitliche Vorstellung davon haben, was genau regional bedeutet, ist es nicht gesetzlich definiert. Laut einer Umfrage der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) erwarten rund 90 Prozent der Befragten, dass ein regionales Produkt zumindest im eigenen Bundesland, oder sogar in bzw. rund um die eigene Stadt hergestellt wurde.
Der Ball liegt bei den Verbrauchern Bruno Naumann begrüßt deshalb das neue „Regionalfenster“, das seit Beginn des Jahres auf immer mehr regionalen Produkten zu finden ist (siehe Kasten rechts).

„Auf dem Etikett steht genau drauf, woher das Produkt kommt. Damit kann der Kunde selber entscheiden, ob es ihm regional genug ist, oder nicht“, findet Naumann. 
Einer Umfrage der Stiftung Warentest zufolge setzen 88 Prozent der befragten Verbraucher auf regionale Produkte, weil sie die lokale Wirtschaft ankurbeln und die Bauern in der Umgebung unterstützen wollen. Aber profitiert die kleine Eierfarm in Allna wirklich von der Regionaloffensive der großen Supermarktketten? „Nicht unbedingt“, meint Weik von der Regionalbewegung. „Häufig wird nicht mit dem Bauern von nebenan zusammengearbeitet, sondern mit Lieferanten, die die gewünschte Menge zu den benötigten Bedingungen herstellen können.“ Würden die Produkte hingegen von Regionalvermarktungsinitiativen über den Lebensmitteleinzelhandel vermarktet, könnten die regionale Wirtschaft und die Bauern aus der Region davon profitieren.

Wer die Henne kennt, schätzt das Ei

Eine solche Vermarktungsinitiative in Hessen ist beispielsweise „Landmarkt“. Landmarkt verspricht dem Verbraucher, dass die Lebensmittel frisch und direkt vom Bauernhof kommen. Betriebe, die am Landmarkt-Konzept teilnehmen, unterliegen ständigen Kontrollen und müssen auf den Einsatz von Gentechnik verzichten. Die Marke der „Vereinigung hessischer Direktvermarkter“ ist in etwa 180 Rewe Märkten – unter anderem auch in Naumanns Märkten – vertreten. Die Betriebe des Verbandes beliefern aber auch direkt Tegut- und Edeka-Märkte.
Der Ball liegt also wieder beim Verbraucher. Ist ihm Bio wichtiger oder die regionale Herkunft? Ist er bereit, ein Vielfaches mehr für die Eier aus Allna zu bezahlen, als für die Eier aus niederländischen Legebatterien? Goutiert er die hausgemachte Konfitüre aus Münchhausen, die im Supermarkt auf einmal mit Zentis und Granini konkurriert?
Die besten Kooperationen scheinen jedenfalls nicht aus den Konzernzentralen zu kommen. Egal wie schick die Werbespots und Marken-Slogans für die regionalen Produkte sind. Am glaubwürdigsten und am besten für die regionalen Produzenten sind die Angebote,  wenn der Kunde den Hof kennt, auf dem die Hennen die Eier gelegt haben – oder den Acker, auf dem die Kartoffeln gewachsen sind.

Umfrage: Kaufen Sie im Supermarkt Produkte aus der Region?

Siar Hosseini, 24: Karin Abetz, 55: Christian Maassen, 33: Claudia Schleich, 46:
 „Ich achte eigentlich nicht darauf, ob die Lebensmittel im Supermarkt aus der umliegenden Region kommen. Da ich Student bin, wäre ich zumindest momentan nicht bereit, mehr Geld für Regionalität auszugeben.“ „Mir ist es wichtig, die Bauern in der Umgebung zu unterstützen, deswegen kaufe ich überwiegend saisonale und regionale Produkte ein. Dadurch sind auch die Transportwege kürzer und die Ware meistens frischer.“  „Obst und Gemüse kaufe ich bevorzugt aus Deutschland, allerdings nicht, wenn es erheblich teurer ist. Bei Fleisch ist es mir wichtig, dass die Tiere aus der Region kommen. Dafür gebe ich gerne etwas mehr Geld aus.“  „Bei uns im Edeka in Weimar gibt es Kartoffeln aus Niederweimar und Eier aus Allna – von Bauern aus der direkten Umgebung. Die Kartoffeln sind zwar etwas teurer, aber ich zahle lieber ein bisschen mehr für bessere Qualität.“

Das Regionalfenster:

  • Um die Herkunft einzelner Produkte für die Käufer nachvollziehbar zu machen, hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft das „Regionalfenster“ eingeführt. Das Etikett wird durch den Trägerverein „Regionalfenster e.V.“ ausgegeben, an dem neben regionalen Organisationen auch Edeka, Rewe und Tegut beteiligt sind.
  • Das Regionalfenster beinhaltet ausschließlich Aussagen zur Herkunft der eingesetzten landwirtschaftlichen Zutaten, dem Ort der Verarbeitung und optional zu den Vorstufen der Landwirtschaft. Aussagen zur Art der Erzeugung (z.B. fair, nachhaltig, ökologisch, ohne Gentechnik, tiergerecht) sind im Regionalfenster nicht zugelassen.
  • Die erste Hauptzutat und die wertgebenden Zutaten (z.B. die Erdbeeren im Erdbeerjoghurt) müssen zu 100 Prozent aus der genannten Region stammen. Das wird von zugelassenen Prüfstellen zertifiziert.

von Claudia Ritzenhoff und Thomas Strothjohann

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