Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 5 ° wolkig

Navigation:
Suizidrate bleibt besorgniserregend hoch

Kriseninterventionsdienst Suizidrate bleibt besorgniserregend hoch

117 Mal waren Mitarbeiter des Kriseninterventionsdienstes im vorigen Jahr im Einsatz, 23 Mal ging es um Suizid. In diesem Jahr gab es bereits 20 Einsätze - bei einem Viertel davon ging es um Selbsttötung.

Voriger Artikel
Tobias Meyer ist ein weiterer möglicher Kandidat
Nächster Artikel
Herero fordern Rückbau des Kriegerdenkmals

Christian Reifert (von links), Sprecher Kriseninterventionsdienst Marburg-Biedenkopf, und Landrätin Kirsten Fründt bei der Übergabe der Abschlusszertifikate in Psychosozialer Notfallversorgung an David Schnabel und Julia Stempfle. Mit dabei Lars Schäfer, Vorsitzender Kreisfeuerwehrverband, und Ludwig Pigulla, Koordinator im KID Ost.Foto: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Anzefahr. „Wir hatten schon Einsatz Nummer 20 in diesem Jahr. Sehr häufig, in etwa einem Viertel der Fälle, mussten Angehörige nach einem Suizidfall in der Familie betreut werden. Es ist besorgniserregend. Anscheinend ist die Suizidrate derzeit durch alle Altersschichten von 15 bis 85 Jahren erhöht. Auch im Kreis Waldeck-Frankenberg sieht es ähnlich aus“, berichtete Christian Reifer, Sprecher und Einsatzkoordinator des Kriseninterventionsdienstes (KID) Marburg-Biedenkopf auf dessen Jahreshauptversammlung.

Pfarrer Armin Wehrmann ergänzte bei der Vorstellung der Einsatzstatistik, dass die Ursachen der stabil hohen Suizidrate unklar seien. 2012 gab es 20 vollendete und vier angedrohte Suizide, 19 vollendete und vier angedrohte unter den insgesamt 117 Einsätzen waren es im Jahr 2013, zu denen der KID gerufen wurde. 2011 waren es sieben, 2010 neun Suizide - aber auch insgesamt etwa ein Drittel weniger Einsätze als in den vergangen beiden Jahren. „Eventuell sind Polizei und Rettungsdienste dazu übergegangen, uns häufiger zu alarmieren“, spekulierte Wehrmann.

Bei 33 Einsätzen ging es um plötzlichen Tod, bei 22 um eine erfolglose Reanimation, bei 13 um das Überbringen einer Todesnachricht, bei 14 um eine psychisch schwierige Lage. Insgesamt 290 Stunden waren Mitarbeiter des KID im Einsatz, um mehr als 300 Betroffene oder Angehörige in schwierigen Situationen zu betreuen. Dafür standen 78 Einsatzkräfte zur Verfügung, von denen 34 ehrenamtlich tätig sind, sowie 44 evangelische Pfarrer im Gebiet der Landeskirche Kurhessen-Waldeck, die mit dem im Kreisfeuerwehrverband angesiedelten KID kooperiert.

Christian Reifert berichtete, dass der KID die ehrenamtlichen Mitarbeiter bereits im dritten Jahr komplett selbst ausbilde. Vier Personen schlossen die 100-stündige Ausbildung in psychosozialer Notfallversorgung 2013 ab, zwei davon waren unter den 24 Versammlungsteilnehmern im Feuerwehrhaus und nahmen ihre Abschlusszertifikate entgegen. „Die schulische Krisenintervention gewinnt an Bedeutung. Wir würden gerne mehr Mitarbeiter darin schulen, doch das ist teuer. Vielleicht ist es dem Schulamt etwas wert?“, fügte Reifert hinzu. Fahrt, Übernachtungen und Verpflegung gingen oft zu Lasten der Ehrenamtlichen, die eine Schulung besuchten.

Lars Schäfer, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbands und Kreisbrandinspektor, sagte, man werde darüber im Vorstand sprechen. Zwar sollte sich das Schulamt beteiligen, aber letztlich sei es den Kindern egal, wer diese Ausbildung bezahle. „117 Einsätze, das sind 117 Situationen, in denen alle anderen lieber weggehen. Das ist kein Job für Jeden und verdient hohe Anerkennung“, betonte Schäfer. Er kenne keinen anderen Landkreis, der einen solchen KID etabliert habe, auch die gute Zusammenarbeit mit den Kirchen sei etwas Besonderes.

Angefangen habe man 1996, um die Einsatzkräfte der Rettungsdienste zu betreuen, das sei mittlerweile ein verschwindend kleiner Teil.

Die neue Landrätin Kirsten Fründt erklärte, froh über ihre Teilnahme an der Versammlung zu sein. „Ich lerne ganz viele tolle Einrichtungen kennen, die mir vorher nicht so bekannt waren. In vielen Bereichen arbeiten Ehren- und Hauptamtliche nicht so gut zusammen, das klingt hier anders. Alle drei Tage ein Einsatz, das verdient allergrößten Respekt“, betonte Fründt und verwies darauf, dass ihre Mutter Krankenschwester, ihre Schwester Polizistin und ihr Bruder bei der Feuerwehr seien, sie also die Belastungen bei Familienmitgliedern erlebe.

Ihre Abschlusszertifikate nach erfolgreicher Ausbildung in Psychosozialer Notfallversorgung erhielten Julia Stempfle aus Rauschenberg, David Schnabel und Anne-Kathrin Exler aus Marburg sowie Markus Dautzenroth aus Cölbe.

von Manfred Schubert

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr