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Südost-Wind weht AfD-Stimmen herbei

Steinperf rechts außen Südost-Wind weht AfD-Stimmen herbei

Fast 37 Prozent für die AfD. Sie wird bei der Kreistagswahl vor knapp zwei Wochen in Steinperf stärkste Partei. Ein Ergebnis, das  kreis- und hessenweit herausragt. Die OP ging Gründen
und Hintergründen nach.

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Steinperf grau in grau – mit schwarz-rot-goldenem Farbtupfer.

Quelle: Nadine Weigel

Steinperf. Frauen an den Herd. Die deutschen Grenzen schließen und militärisch absichern. Jugendliche ab 12 Jahren für strafmündig erklären. Die EU auflösen...  Maik Sänger ist dafür. „Ich bin sehr zufrieden mit dem AfD-Ergebnis“, sagt der 38 Jahre alte Straßenwärter aus Steinperf und grinst. „So habe ich mir das gewünscht.“

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Ein grauer Himmel mit tiefhängenden Wolken hüllt Steinperf, ein 900-Einwohner-Dorf in der Gemeinde Steffenberg, an diesem Tag in tristes Licht. Tief im Hinterland werden aus Richtung Gladenbach kommende Besucher ortseingangs vom Industriegebiet und einem Landgasthof mit Fremdenzimmern und Bundeskegelbahn empfangen. Die Straße führt ein kleines Tal hinab. Das Mittelgebirgs-Dörfchen ist von Hügeln umringt. Hier und dort eine Deutschlandfahne im Garten. Schwarz-rot-goldene Farbtupfer in einem typischen hessischen Straßendorf mit verblassten und mancherorts bröckelnden Fassaden. Einige Plakate, auf denen Parteien für ihre Ziele werben, hängen noch an den Laternenmasten, zeugen von der Kommunalwahl vor zwei Wochen.

„Ich war schon immer ziemlich rechts“

Auf der Ortsstraße ist abgesehen vom Durchfahrtsverkehr nicht viel los an diesem Wochentag. Doch im Ortskern mit einigen alten Fachwerkhäusern, dem historischen Backhaus und dem Café Pitzer als kommunikatives Zentrum Steinperfs, dort trifft man auf Einheimische. So auch auf Maik Sänger. „Ich war schon immer ziemlich rechts“, sagt der Steinperfer, der wie die meisten hier sein ganzes Leben in dem kleinen Ort verbracht hat. „Fragen Sie nicht, was daheim immer los war deshalb. Mein alter Herr, der kann‘s auch nicht verstehen.“

Maik Sänger stellt mit seiner Gesinnung keine Ausnahme dar, sondern ist repräsentativ für den größten Teil der Wähler in Steinperf, wenn man dem Ergebnis der Kreistagswahl vom 6. März so einfach folgt.
„Da haben Sie auch gleich den Richtigen erwischt“, meint Ortsvorsteher Jens Becker ironisch. „Ich will nicht, dass Steinperf jetzt hier in die rechte Ecke gestellt wird. Die Leute sind eigentlich offen und tolerant. Mit unseren Flüchtlingen gibt‘s keine Probleme. Manche bemühen sich auch, sie zu integrieren“, sagt der 43-Jährige.

„Uns geht‘s doch gut hier“

Aktuell haben 25 Menschen in Steinperf Asyl gefunden. In der kleinen Gemeinde Steffenberg im Westen des Landkreises sind bislang insgesamt 38 Geflüchtete untergekommen, außer in Steinperf noch 13 in Niederhörlen (aktuelle Zahlen der Gemeindeverwaltung  Steffenberg). Weitere 20 Plätze für Flüchtlinge hält die Kommune in Niederhörlen vor, sagt Sachbearbeiterin Anja Klein auf Nachfrage der OP. Und 12 Plätze entstünden derzeit noch in Oberhörlen, „alles Unterkünfte in Privat-Immobilien“. Zum Vergleich: In der größeren Nachbargemeinde Bad Endbach kommen auf rund 8 200 Einwohner um die 170 Flüchtlinge.

„Jetzt mal ganz ehrlich...“. Maik Sänger (links) vertritt seine Überzeugungen. Sein Kollege Jens Becker hört nachdenklich zu. Foto: Nadine Weigel

„Jetzt mal ganz ehrlich...“. Maik Sänger (links) vertritt seine Überzeugungen. Sein Kollege Jens Becker hört nachdenklich zu.

Quelle: Nadine Weigel

Der 43-jährige Jens Becker, ein Mann der Bürgerliste und Gemeindevertreter, kann die politische Haltung Maik Sängers, mit dem er gemeinsam bei der Straßenmeisterei arbeitet, nur schwer nachvollziehen. „Uns geht‘s doch gut hier.“ Er zeigt mit einer ausladenden Armbewegung auf den kleinen Laden mit Bäckertheke, integriertem Lebensmittellädchen und dem Café mit seinen runden Tischen, ledernen Sitzbänken und alten schwarz-weißen Familienfotos an der Wand. Die Gemeinschaft der Leute vor Ort, das gemeinsame Kaffeetrinken und die Begegnungen nach getaner Arbeit: „Das ist doch einfach toll.“

Jens Becker verbringt die  Nachmittage zusammen mit seinem 71 Jahre alten Vater Kurt Becker im örtlichen Café, wann immer es geht. Anders als sein Sohn wundert sich Becker senior so gar nicht über das Wahlergebnis. „Steinperf war schon immer rechts, war doch klar, dass das dabei herauskommt, wenn die AfD antritt.“

Die drei rechtesten Dörfer liegen im Westen des Kreises

So gehörte die Gemeinde Steffenberg bei der Kreistagswahl vor fünf Jahren zu den acht Kommunen im Landkreis, in denen die  Republikaner noch auf ein Ergebnis von mehr als 2 Prozent kamen. An ihr aktuelles AfD-Ergebnis, 21,29 Prozent, reichen im Landkreis auf Gemeindeebene nur noch Lohra (19,10 Prozent) und Stadtallendorf (18,53 Prozent) heran. Bei den Ergebnissen aus den Ortsteilen zeigt sich teils ein anderes Bild: Gleich nach Steinperf sind Nanz-Willershausen (Lohra) mit 32,45 Prozent AfD-Stimmen und Wommelshausen-Hütte (Bad Endbach) mit 30,01 Prozent die rechtesten Dörfer im Landkreis und liegen somit alle drei im Hinterland beziehungsweise an der Grenze zum Marburger Land.

Beim Nachmittagskaffee in der Bäckerei Pitzer erinnert man sich gemeinsam an die „große Zeit der Republikaner“ in Steffenberg, es ist schon etwa zwei Jahrzehnte her. „Die waren auch schnell wieder weg“, sagt Jens Becker. Und Maik Sänger wirft ein: „Da war ich auch Mitglied.“ Aufgrund seiner Gesinnung habe man ihn bei der Bundeswehr abgelehnt, man wollte ihm lieber keine Waffe in die Hand geben. Jens Becker hört zu. Kopfschüttelnd und ratlos schaut er seinen Kollegen an. „Eigentlich ist der Maik gar nicht so.“

AfD-Wähler auch aus der Stimmung heraus

Doch wenn man auf Zuwanderung und Flüchtlinge zu sprechen kommt, dann legt Maik Sänger los: Eben ist er noch mit den Übergriffen von Köln beschäftigt, schon geht‘s um die drohende Islamisierung Deutschlands und einen islamischen Gottesstaat. „Wegen der ganzen Moscheen, die hier gebaut werden.“ Dass es in jedem Ort auch eine Kirche gibt, das sei etwas anderes und habe mit Gottesstaat nichts zu tun, „ganz einfach, weil wir hier schon immer christlich waren“, sagt Maik Sänger, der seinerseits aus der Kirche ausgetreten ist. Von der Christianisierung der heidnischen Stämme Germaniens im ausgehenden Frühmittelalter will er nichts hören. Der 38-Jährige geht einfach zum nächsten Thema über: „die Asylanten“, mit denen er schon als Jugendlicher immer Probleme gehabt habe. Worum es dabei ging, welche Rolle er selbst spielte und ob er auch mit deutschen Mitschülern manchmal Ärger hatte – darüber will Sänger „auf gar keinen Fall“ etwas sagen.

Vielleicht geht es auch gar nicht so sehr darum, woher das alles kommt, sondern mehr um die Stimmung. Maik Sänger ist geladen. Seine Scheidung, die hat ihn eine Stange Geld gekostet. „Heiraten werde ich garantiert nicht mehr.“ Dass die Freunde und Bekannten ihn fortwährend mit unschönen  Details der Trennung aufziehen, macht es auch nicht besser. „Das schon wieder – jetzt hört doch mal damit auf“, versucht Jens Becker das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Und der sonst aufbrausende Maik Sänger bleibt still, während die anderen sich über sein Beziehungs-Dilemma amüsieren.

„Aber die Windräder, die kann man überall bauen“

 Und dann war da noch die Sache mit der Gehaltserhöhung. Viel hat sich nicht getan für die Straßenwärter in der jüngsten Verhandlungsrunde für den öffentlichen Dienst. „Für uns ist ja kein Geld da, aber für die Asylanten schon“, sagt Maik Sänger. Dabei hätten er und seine Kollegen, die monatlich netto rund 1 700 Euro verdienen, gern etwas mehr gehabt als nur „zweimal drei Prozent“.
Der Ärger über die verpatzte Möglichkeit, sein Hobby auszuüben, der kommt noch obendrauf. Maik Sänger wollte nahe Steinperf auf einer windreichen Wiese mit seinem Gleitschirm abheben – doch das wurde ihm aufgrund einer dort lebenden, geschützten Vogelart von behördlicher Seite untersagt. „Aber die Windräder, die kann man überall hinbauen.“

Drei der fünf großen Windräder im Windpark Hilsberg - von Steinperf aus sind sie teilweise zu sehen und zu hören. Foto: Nadine Weigel

Drei der fünf großen Windräder im Windpark Hilsberg - von Steinperf aus sind sie teilweise zu sehen und zu hören.

Quelle: Nadine Weigel

Frust und nochmals Frust. Gerade um die Windkraft. Sie hat der AfD, die sich gegen diese Art der Energiegewinnung ausspricht, mutmaßlich viele Stimmen in Steinperf gebracht. Gegen den Bau des Windparks Hilsberg, ein Projekt der Nachbarkommune Bad Endbach mit fünf großen Windrädern in Steinperfer Sichtweite, gab es im Dorf großen Unmut – wenn auch nicht so sehr wie im benachbarten Holzhausen, wo die Windkraftgegner alle Register zogen. Dort holte die AfD bei der Kreistagswahl mit 17,59 Prozent ihr stärkstes Ergebnis.

„Dann fängt unsere Kleine nachts an, durch die Bude zu laufen“

„Auch aus Steinperf haben sich Leute an dem Protest beteiligt, aber hier hat es sich schneller wieder beruhigt“, meint Jens Becker zur Windkraftdiskussion. Nicht so beim blassen Meik Dittmann, den die anderen nur „die Leiche“ nennen. Für den 40 Jahre alten Energie-Elektroniker und Systemprogrammierer ist die Windkraft ein entscheidendes Argument für die AfD. „Vielleicht werden die Anlagen dann irgendwann wieder abgebaut“, hofft er und spricht über Wind aus Südost. „Dann fängt unsere Kleine nachts an, durch die Bude zu laufen.“ Dittmann führt das auf die Windkraftanlagen in Sicht- und Hörweite zurück, mögliche andere Gründe für nächtliche Unruhe bei Kindern kommen in der kleinen Kaffeerunde nicht zur Sprache.

Militär an der Grenze – aber keine Schüsse

Von der Windkraft wandert das Gespräch wieder zurück zu Fragen des Grundrechts, des Rechts auf Asyl, das die AfD außer Kraft setzen will. Daran stören sich AfD-Wähler wie Meik Dittmann nicht. Aber daran, dass Kanzlerin Merkel „einfach allein“ Dublin III ausgesetzt habe. „Wir brauchen eine Flüchtlings-Obergrenze“, sagt der 40-Jährige und meint, in letzter Konsequenz seien dann auch Soldaten zur Verteidigung der Grenze okay, „aber schießen sollen sie natürlich nicht, das geht doch gar nicht, ist doch wohl klar“.
Militär an der Grenze, aber keine Schüsse. Neu installierte und funktionstüchtige Windkraftanlagen, die wieder abgebaut werden sollen. Keinen Gottesstaat, es sei denn, es ist ein christlicher. Und ein Europa, in dem jeder Staat ohne Union für sich allein agieren soll gegenüber dem Rest der globalisierten Welt. Eine Welt, wie mancher Steinperfer sie sich wünscht, mögen andere Menschen sich nur schwer vorstellen können.

Die These von der Protestwahl

Wenn man der Einschätzung des 79 Jahre alten Walter Theis folgt, gehen die Überlegungen gar nicht so weit. Der frühere Maurer und Polier fegt seinen Hof, während die anderen im Café sitzen. „Das war eine Protestwahl, nichts weiter“, ist er sicher. Seine 44 Jahre alte Tochter Anja Geitz, die gerade zu Besuch kommt, vermutet: „Auch hier in Steinperf ging es AfD-Wählern vor allem darum, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen – so richtig rechts sind die Leute hier nicht.“
Protest- oder Überzeugungswahl: Für Jens Becker macht‘s keinen Unterschied. „Auch aus Protest kann Schlimmes geschehen.“ Er zieht den Vergleich zum Aufstieg der NSDAP im Jahr 1933, schaut Maik Sänger mahnend an: „Bei Adolf Hitler ging es auch so los.“
 
Maik Sänger grinst. Er wird am 20. April trotzdem feiern – weil dann auch er Geburtstag hat und nicht nur Adolf Hitler.

von Carina Becker

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