Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Süchtige ziehen sich aus Drogensumpf

Reportage "Narcotics Anonymous"-Convention Süchtige ziehen sich aus Drogensumpf

Clean. Ein Wort, eine Sehnsucht. Und ein Traum, der für Drogensüchtige schneller zerplatzt als er sich erfüllt. Hilfe versprechen Treffen der Selbsthilfegruppe "Narcotics Anonymous".

Voriger Artikel
Landkreis warnt vor Hitze
Nächster Artikel
„Das Positive überwiegt sogar bei Weitem“

Stützen sich gegenseitig: Die abstinent lebenden Drogenabhängigen der Selbsthilfe-Organisation „Narcotics Anonymous“, die am Wochenende ihre 31. deutschlandweite Convention im Bürgerhaus Marbach veranstalteten. Foto: AA Schweiz

Marburg. „Hallo, mein Name ist Frank und ich bin süchtig“. Denselben Satz, der klingt wie aus einem Kinofilm gefallen, sagen Lydia, Markus, Daniela und Hunderte andere beim Treffen der „Narcotics Anonymus“ (NA) am Wochenende. Die Begrüßung ist stets das Einfallstor in finstere Lebensgeschichten. Sie handeln von Heroin, Kokain, Cannabis, Alkohol, der jahrelangen Abhängigkeit von allem, was das Drogenarsenal hergibt. Es könnten kaputte Gestalten sein, die im Bürgerhaus Marbach über ihre Sorgen plaudern - verbinde sie nicht der Wille, endgültig loszukommen von der Sucht. Mit Hilfe jener, die den Weg aus dem Drogensumpf gefunden, das Verlangen, die Abstürze, das Leid nachempfinden können. „Uns interessiert weder, welche Drogen jemand genommen hat, oder wie viele. Es ist egal, ob sich jemand heimlich volllaufen hat lassen oder sich die Spritze in der Gosse gesetzt hat: jeder ist willkommen“, sagt Michael, 45 Jahre alt.

Im großen Saal des Bürgerhauses sitzt ein Geschäftsmann im teuren Hemd neben einer jungen Frau voller Tattoos, ein Mann Mitte dreißig wippt nervös auf und ab, ein Rentner setzt ihm zum Spaß einen Hut auf. Die Stimmung ist nicht betroffen-traurig, sondern heiter mit Tendenz zum schwarzen Humor, jeder plaudert mit jedem, Smalltalk statt Schuss.

"Ich spüre, wie ich mich verändere"

Auf jene, die erstmals bei einem Meeting sind, wirken viele Reden skurril. Von Drogen handeln die Erzählungen vieler Teilnehmer nicht. Daniela spricht über die Beinverletzung, die ihr seit Wochen zu schaffen macht. Frank plagt sich mit Sorgen um die Ehefrau, der nach einem Unfall die Arbeitsunfähigkeit droht. „Das belastet den Familienfrieden, ich bin überfordert, völlig erschöpft.“ Auch Markus streift das Thema Sucht nur: In einer Eisdiele habe jemand einen iPod vergessen, er habe den Ladenbesitzer darauf hingewiesen - „früher hätte ich das Ding eiskalt eingesteckt, zu Geld gemacht. Ich spüre, wie ich mich verändere, plötzliche habe ich ein Gewissen.“

Wenn jemand spricht, herrscht Stille im Raum. Niemand zeigt eine Regung, keiner gibt Ratschläge, äußert Kritik. Es gehört zum Selbstverständnis von NA, dass jeder das erzählen kann, was ihn gerade beschäftigt - scheinbar banale Alltagssorgen ebenso wie folgenschwere Rückfälle. „Egal was einen bedrückt, es ist wichtig“, erklärt Thomas. Auf seinem, wie auf allen Namensschildern stehen Vorname und Wohnort - Anonymität ist oberstes Gebot der Organisation, weshalb in diesem Artikel nur Vornamen genannt und keine Fotos vom Treffen gezeigt werden.

Wie das Statistische Bundesamt auf OP-Anfrage mitteilt, wurden 2010 Hunderttausende Drogensüchtige in Krankenhäusern stationär behandelt: 333 300 wegen Alkoholkonsum, 32 500 wegen Überdosis an Opioiden, 8100 wegen Überdosis an Cannabinoiden, 1076 wegen Kokainmissbrauch.

Manche Ex-Süchtige, sind aus dem tiefsten Allgäu, andere von der Nordseeküste in die Universitätsstadt gefahren. Peter ist seit 30 Jahren bei NA, zuvor ging er sechs Jahre lang zu den Anonymen Alkoholikern - „weil es für meine krasse Sucht nix anderes gab“. Er verdankt es einem Zufall, einem US-Soldaten, dass es in Bremen zur Gründung einer NA-Gruppe kam. 1985 war das. „Der GI hatte einen Detektiv beauftragt, NA-Leute zu finden. Erfolglos. Aber so kamen Kontakte in die Szene zustande, der Anfang war gemacht“, erzählt er.

Die Treffen in der Organisation, die 1953 in den USA (Deutschland: 1978) gegründet wurde und weltweit mehr als 20 000 Gruppen zählt, folgen einem ritualisierten Ablauf. Ein Sprecher zitiert zum Auftakt die Grundsätze, der Rest stimmt ein. Ein anderer Sprecher nennt die zwölf Traditionen, dann zwölf Schritte zur Genesung, der Rest applaudiert. Die Treffen sind vor allem eines: ein Raum der Ehrlichkeit. Gegenüber anderen, gegenüber sich selbst. „Das Leben konnte ich nicht meistern. Ich war unfähig, für mich oder gar andere Verantwortung zu übernehmen, war krank und wollte das nicht mehr sein“, sagt Lydia. Denn Drogenexzesse führten nur zu einem Ende: in den Tod.

NA-Mitglied: „Hier gibt‘s keine Wunderheilung.“

2013 zählten die Behörden bundesweit 1002 Drogentote, im Vorjahr waren es 944. Es ist der erste Anstieg der Drogentoten seit 2009. Im Rekordjahr 1991 starben indes mehr als doppelt so viele (2125). Die Zahl der polizeilich erfassten Rauschgiftdelikte stieg 2013 um sieben Prozent auf 253 525 Fälle.

Bei NA setzen sich die Gruppenmitglieder scheinbar niedrige Ziele: „24 Stunden, immer nur für heute clean zu bleiben, darum geht es anfangs“, erklärt Markus. Seit vier Jahren hält er durch, lebt abstinent von Drogen. Mehr als jeder Zweite, so geht aus NA-Erhebungen hervor, war oder ist langzeitabhängig von Alkohol, Canabis oder Kokain. „Hier geschieht keine Wunderheilung Man wird nicht an einem Tag süchtig, der Weg zurück ins Leben ist ein ebenso langer Weg“, sagt Daniela.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Narcotics Anonymus Convention
1,3 Millionen Alkoholabhängige gibt es in Deutschland – und Hunderttausende, die süchtig nach anderen Drogen sind. Archivfoto

Martina Schulz‘ Leben ist eine Reise von einem Tiefpunkt zum nächsten. Egal ob sie in andere Städte, in andere Länder zieht. Ob sie diesen Job kündigt, den nächsten beginnt. Ob sie einen Mann verlässt, den anderen sucht - vor ihrer Gier nach Drogen kann sie nicht fliehen.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr