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Studie: Frauen fürchten Männer-Faust

Internationaler Frauentag Studie: Frauen fürchten Männer-Faust

Kurz vor dem 8. März am Samstag - dem internationalen Frauentag -veröffentlicht ein EU-Gremium alarmierende Zahlen: Im Rahmen einer europaweiten Studie wird aufgedeckt, wie verbreitet Gewalt gegen Frauen ist.

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Laut einer aktuellen EU-Studie ist jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens mindestens einmal zum Opfer von Gewalt geworden – verursacht durch Übergriffe von Männern. Archivfoto / Umfrage: Claudia Ritzenhoff, Björn Wisker

Marburg. Irgendwo im Mittelfeld zu liegen, ist nur selten zufriedenstellend. In einer aktuellen Studie der EU-Grundrechte-Agentur liegt Deutschland im Mittelfeld. Leicht über dem gesamteuropäischen Schnitt. Die Zahl: 35 Prozent. Das Thema: Gewalt gegen Frauen. Jede dritte Frau in Europa hat demnach seit ihrer Jugend schon körperliche oder sexuelle Gewalt erlebt. Das sind etwa 62 Millionen. Fünf Prozent von ihnen wurden vergewaltigt.

Die höchste Gewalt-Rate meldeten Frauen der Studie zufolge in Dänemark (52 Prozent), Finnland (47 Prozent) und Schweden (46 Prozent). Gegen die skandinavischen Männer spricht das nicht zwingend, eher könnten diese Zahlen ein Indiz dafür sein, dass Nordeuropäerinnen offensiver mit dem Thema umgehen und mehr Delikte anzeigen. Im Umkehrschluss ist kaum davon auszugehen, dass es in Polen, Österreich oder Kroatien zu weniger sexuellen Übergriffen kommt, weil hier lediglich eine Quote von jeweils rund 20 Prozent ermittelt wurde. Vor voreiligen Schlüssen aufgrund bloßer Zahlen warnen die Studienautoren denn auch selbst, wenn sie sagen: „Angaben zu Übergriffen und die tatsächlich ausgeübte Gewalt stimmten nicht immer überein.“ Kulturelle Unterschiede im Umgang mit Gewalt hätten einen Einfluss darauf, wie offen Frauen dieses Thema ansprechen.

Christa Winter, Marburgs Gleichstellungsbeauftragte, sagt: „Ich weiß nicht, ob in Skandinavien das öffentliche Bewusstsein in Sachen Gewalt gegen Frauen wirklich höher ist.“ Jedoch habe sie etwa in Gesprächen mit Frauen aus Norwegen etwa den Eindruck gewonnen, dass „sie dort gern so ein dichtes Netz von Frauenhäusern hätten, wie es bei uns der Fall ist“. Die hessischen Frauenhäuser seien regelmäßig stark ausgelastet. Beispiel Marburg: Seit 1981 gibt es in der Universitätsstadt ein Frauenhaus. Dort fanden im vergangenen Jahr 41 Frauen und 48 Kinder Schutz , wie Diplom-Psychologin Monika Galuschka berichtet: „2012 waren es 39 Frauen und 28 Kinder, 2011 hatten wir 48 Frauen und 44 Kinder - doch die bloßen Zahlen sagen nichts über die Auslastung aus, da die Verweildauer differiert.“ Wie lange die Frauen und Kinder im Frauenhaus leben, hänge von Faktoren wie dem Wohnungsmarkt, dem Unterstützungsbedarf sowie der jeweiligen Bedrohungssituation ab, erklärt Monika Galuschka.

Positiv habe sich seit 2002 das Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes ausgewirkt, meint Christa Winter: „Seitdem ist klar: Häusliche Gewalt ist kein Kavaliersdelikt, sondern wird strafrechtlich konsequent verfolgt - wenn die Polizei zu einem Fall häuslicher Gewalt gerufen wird, kann sie den mutmaßlichen Täter sofort der Wohnung verweisen.“ Mehr als 7600 Fälle häuslicher Gewalt finden sich für das Jahr 2012 - neuere Daten liegen noch nicht vor - in den Akten der hessischen Polizei. 1166 dieser Fälle ereigneten sich in Mittelhessen.

2003, also im ersten Jahr der statistischen Erfassung häuslicher Gewalt in Hessen, hatten die Gesamtfallzahlen landesweit noch bei knapp unter 6000 gelegen. Die Polizeistatistik verschweigt nicht, dass es durchaus männliche Opfer und weibliche Täter gibt. Das jedoch ist kaum mehr als eine Randbemerkung, denn die Rollenverteilung ist nach wie vor eindeutig: Mehr als 85 Prozent der Opfer sind weiblich. Von sexuellen Belästigungen seien noch weitaus mehr Frauen betroffen als von Gewalt, heißt es weiter in dem EU-Papier. Insgesamt gaben zwischen 45 und 55 Prozent aller befragten Frauen an, bereits sexuell belästigt worden zu sein. Der Zahlenunterschied ergibt sich daraus, weil es bei den Befragten unterschiedliche Ansichten gab, ob etwa Annäherungsversuche durch Männer, sexistische Witze oder ungewollte Nacktfotos per SMS bereits zu einer sexuellen Belästigung zählen.

Christa Winter: „Für mich fängt Belästigung da an, wo eine Frau in einer konkreten Situation einem Mann zu erkennen geben muss: Das geht zu weit!“ Witze, so Winter, seien möglicherweise sexistisch, müssten deshalb allerdings nicht zwingend eine Belästigung sein, solange sich nicht tatsächlich jemand dadurch belästigt fühle.

Resümee der Europäischen Union: „Frauen sind nicht sicher auf den Straßen, am Arbeitsplatz und auch nicht zu Hause, dem Platz, an dem sie Schutz finden sollten“, sagte Morten Kjaerum, Direktor der EU-Grundrechte-Agentur. Für die Studie wurden 42 000 Frauen in 28 EU-Ländern im Alter zwischen 18 und 74 Jahren befragt.

von Carsten Beckmann und Björn Wisker

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