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Studenten "jodeln" mit dem Handy

Soziale Netzwerke Studenten "jodeln" mit dem Handy

Mit dem Semesterstart kommen wieder viele junge Studenten nach Marburg. Die Smartphone-App „Jodel“ hilft ihnen dabei, schnell neue Kontakte zu knüpfen und spontane Treffen zu verabreden.

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Egal ob spontane Verabredungen, das Wetter oder studentische Witze: In der App „Jodel“ schreiben junge Marburger anonym über den Alltag und die Uni. Und der „Ekirchenmann“ (kleines Foto, links) lädt dort in der Nacht zu spontanen Spaziergängen an der Ekirche ein.Fotos: Grähling

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Tipps für anstehende Uni-Prüfungen, spontane Treffen in der Stadt oder einfach nur der Austausch über Dinosaurier, Partys und das Wetter: Über die App „Jodel“ sind die Marburger Studenten gut vernetzt. Dort finden sie Leidensgenossen, Freunde - und manchmal auch die große Liebe.

„Jodel“ ist eine Applikation für das Smartphone, die es den Nutzern erlaubt, komplett anonym Nachrichten oder Bilder zu posten. Andere Nutzer können die Nachrichten dann gut oder schlecht bewerten und kommentieren - natürlich auch völlig anonym. Lesen kann die Nachrichten jeder „Jodler“ im Umkreis von zehn Kilometern. Es ist also eine lokal begrenzte Gemeinschaft.

Klarnamen gibt es bei „Jodel“ also nicht. Aber dennoch einige Menschen, die es schon zu einem Kult-Status unter den Studis gebracht haben. Dazu zählt etwa der Ekirchenmann. Der postet fast jeden Abend unter seinem Hashtag #ekirchenmann eine Nachricht und lädt andere Studenten gegen Mitternacht zu einem gemeinsamen Spaziergang ein.

„Angefangen hat das, weil ­jemand Begleitung für einen Nachtspaziergang gesucht hat“, erzählt der Ekirchenmann Sebastian. Einen Tag später habe ein Student jemanden zum Reden gesucht - wollte einen Liebeskummer-Spaziergang machen. „Gerade am Anfang war ich oft mit einzelnen Leuten ­alleine unterwegs“, erzählt Sebastian. „Das war oft Seelsorge. Denn nachts in der Stille, wenn man geht und sich nicht anschaut - da fällt vielen das Reden leichter.“ Mehr als einmal seien auch schon Tränen geflossen. Mittlerweile vermisse er solche intimen Gespräche manchmal, die gebe es nur noch selten. Denn meistens folgen seinen Aufrufen zum Spaziergang gegen Mitternacht mittlerweile immer mehrere Leute. Auf 200 Spaziergängen seit September habe er bislang mehr als 80 verschiedene Menschen kennengelernt.

„Jodler“ verteilen kostenlose Umarmungen

Den Namen Ekirchenmann hat Sebastian von einem anderen „Jodler“ bekommen und findet ihn selbst ganz witzig. So hat er immerhin einen Wiedererkennungswert - und genießt ein gewisses Vertrauen, so dass auch Studentinnen mit auf seine Touren gehen. Der Sinn seiner Runden liege eigentlich darin, sich zu bewegen und Gespräche zu führen.

„Aber es kommen auch immer mehr Studenten, die neu hier sind und andere Menschen kennenlernen wollen.“ Denn viele Neuankömmlinge fühlten sich in Marburg oft einsam, suchten Anschluss. Gerade mit dem jetzt startenden Semester wird es daher wieder viele spontane Treffen über „Jodel“ geben - nicht nur zu nächtlichen Spaziergängen, sondern auch zu Treffen an der Lahn oder WG-Partys. Und damit sich niemand alleine fühlt, will Sebastian mit seinem „Jodel“-Kumpel Malte durch die Oberstadt ziehen und kostenlose Umarmungen verteilen.

Für Sebastian sind die Gespräche das Reizvolle an den „Jodel“-Treffen: „Ich höre gerne zu und ich finde es spannend, neue Leute und Ansichten kennenzulernen.“ In Marburg seien dabei die Themen rechte und linke Gesinnung sowie Feminismus „extrem krass“.

Mehr erzählen will Sebastian nicht über sich. Er schätzt die Anonymität von „Jodel“. Und: „Wer etwas über mich wissen will, kann gerne zu den Spaziergängen kommen.“ Generell rät Sebastian dazu, keine persönlichen Daten in „Jodel“ herauszugeben - und sich immer nur an öffentlichen Plätzen mit anderen Studenten zu treffen.

Neben dem Dino des Tages, der von einem anderen Studenten jeden Tag in Form eines Steckbriefs vorgestellt wird, gibt es auch den Wetterjodler. Der informiert die Studenten seit August jeden Morgen über das Wetter in Marburg: Wie ­viele Sonnenstunden und welche Temperaturen sind angekündigt? „Wenn ich mich mal verspäte, werde ich schon angeschrieben und gefragt, wo das Wetter bleibt - weil jemand sehen will, ob sich das Joggen lohnt“, erklärt Cedrik, der Wetterjodler.

Eigentlich wollte er das Wetter nur mal zwei Wochen aus Spaß „jodeln“, ist dann aber dabei geblieben - und beschäftigt sich seither intensiver mit dem Thema. Denn das vorhergesagte Wetter bekommt er selbst aus einer App, hat aber schon festgestellt: „In Marburg ist das Wetter so eine Anomalie für sich selbst“, erklärt er. „Gewitter zieht meistens an uns vorbei.“

Solche immer wiederkehrenden Posts und humorvolle Studentenwitze machen die Gemeinschaft der „Jodler“ aus - aber nicht nur: Es gibt eben auch praktische Hilfe untereinander, auch wenn alles anonym läuft. Streiken die Busfahrer - im „Jodel“ werden sie liebevoll „Mannis“ genannt - rücken die Studenten zusammen und bieten unbekannten Kommilitonen Mitfahrgelegenheiten an. Die Politik in Marburg wird da ebenso diskutiert, wie Flirttipps, Klausuren und die letzte Fachschafts-Party. Es gibt Hilfe für WG-Suchende, Mitleid für gestresste Studenten in der Prüfungszeit und Beziehungstipps für solche, die danach fragen.

„Bei Jodel gibt es fast alles“, erzählt Sebastian. Er habe mal nachts um zwei nach einer Pizza gefragt - und tatsächlich habe ihm jemand eine Tiefkühlpizza gebracht.

Kult ist übrigens bis heute die Geschichte von #mrelsa. Unter dem Stichwort schrieb ein junger Student von seiner gescheiterten Beziehung - weil er sich in Elsa aus dem Disney-Film „Die Eiskönigin“ verliebt habe. Ob die Geschichte nun echt war oder nicht lässt sich im „Jodel“ kaum nachprüfen. In der Gemeinschaft ist es jedoch immer wieder Thema.

Ein bisschen Rivalität zwischen Unis und Städten darf gerade in einer anonymen Social-Media-Gemeinschaft auch nicht fehlen: Bei Missgeschicken und anderen Dummheiten folgt immer schnell das Stichwort #dummwiegießen - mit dem die „Jodler“ sich über die Nachbarstadt Gießen lustig machen.

von Patricia Grähling

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