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Student war offiziell schon tot

Gefoltert und fast ermordet Student war offiziell schon tot

Es ist eine Geschichte von Tod und Folter, vom Kampf gegen Diktatur und Unterdrückung. Ibrahim Alhaj Sakor hat Syrien vor zweieinhalb Jahren verlassen. Nun lebt er in Marburg seinen Traum vom Studium.

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Ibrahim Sakor ist vor zweieinhalb Jahren selbst aus Syrien geflohen. Nun arbeitet er im Flüchtlingslager Cappel als DRK-Sanitäter, um sein Studium zu finanzieren.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Wenn Ibrahim Alhaj Sakor von seinen Erfahrungen in Syrien berichtet wirkt er gefasst. Der Schmerz ist ihm kaum anzumerken, wenn er vom Tod eines Freundes oder seiner Folter im Gefängnis berichtet. „Ich erzähle gerne von Syrien, das ist nicht schwer für mich“, sagt er. Schließlich wüssten viele Menschen in Deutschland „nur ein Prozent von dem, was dort wirklich los ist“.

Sakors persönliche Leidensgeschichte beginnt im März 2011. Es sind die Tage, in denen der syrische Bürgerkrieg seinen Ursprung hat. Als es eine Demonstration gegen die Regierung gibt, weiß Sakor zunächst nicht, auf welcher Seite er steht. Dies ändert sich jedoch schlagartig, als er beobachtet, wie die Regierungsseite, die eine Teilnahme an der Demo untersagt hatte, Zivilisten erschießt. Auf die Frage nach den Gründen ­dafür erhält er drei Tage Schulverbot.

Nach Gefängnis wieder Demonstrationen

Weil er sich der Revolution anschließt wird er unter anderem vom Direktor seiner Schule geschlagen. Bei einer weiteren Demonstration gegen das Regime des Diktators Baschar Al-Assad wird er sogar mit einer Maschinenpistole angeschossen. Ein Freund sei öffentlich erschossen worden, weil er sich nicht zur Regierung bekannt habe, erzählt Sakor. Weil er trotz Verbot zu dessen Beerdigung geht, wird er ebenfalls festgenommen. Dort wird er gefoltert, muss in einer unsauberen Zelle ausharren, die zu klein ist, um sich setzen zu können und bekommt lediglich verschimmeltes Brot zu essen. Nachdem er vorgibt, nun pro Assad zu sein, wird er schließlich entlassen.

„Ich wollte mich erst einmal auf mein Abitur konzentrieren“, erinnert er sich. Diesen Vorsatz hielt er durch die Umstände jedoch nicht lange durch. In seiner Heimatstadt Deir Azzar, im Osten Syriens am Fluss Euphrat gelegen, spaltete sich ein Teil der stationierten Regierungstruppen ab und schloss sich der „Freien Syrischen Armee“ an. Die Antwort der Regierung waren Luftangriffe auf Deir Azzor, was Sakor erneut auf die Straße trieb - er nahm erneut an Demonstrationen gegen die Regierung teil. Zwei Monate vor seinen Abiturprüfungen, am 19. April 2012, lauert ihm ein Scharfschütze vor der Haustür auf und trifft ihn mit einem Schuss in die Brust.

„Sehr schlechtes“ Abitur mit Note 2,0

Es folgt eine dramatische Notoperation - ohne Narkose. Ein Arzt gibt ihm Schmerzmittel, doch diese wirken nicht sofort. Die ersten fünf Minuten der achtstündigen Operation erlebt er bei vollem Bewusstsein. „Ich habe nur noch geschrien und geschrien. Und ich habe über Assad geflucht“, schildert Sakor die schmerzvollen Momente. Vier weitere Operationen sind nötig, die Ärzte geben ihm eine Überlebenschance von einem Prozent. Der Schuss hat viele seiner Organe in Mitleidenschaft gezogen, unter anderem Bauchspeicheldrüse, Zwölffingerdarm, Hohlvene und die rechte Niere, zählt er auf. Nach 15 Tagen auf der Intensivstation muss er für eine weitere Operation in die Hauptstadt Damaskus, denn nur dort kann sie durchgeführt werden. Problem: Als Regierungsgegner darf er nicht auffallen - Krankentransporte werden aber an einigen Checkpoints auf der Strecke kontrolliert. Die einzige Möglichkeit unerkannt nach Damaskus zu gelangen ist, trotz des kritischen Zustands, mit einem normalen Linienbus. Entgegen aller Wahrscheinlichkeit überlebt Sakor alle Widrigkeiten. Fünf Tage vor seinen Abi-Prüfungen wird er aus dem Krankenhaus entlassen.

Die Prüfungen legt er noch ab, mit dem „sehr schlechten“ Ergebnis von 2,0, wie er sagt. Unmittelbar danach, das steht für ihn fest, muss er das Land verlassen. Gemeinsam mit seiner Mutter und den Geschwistern reist er nach Abu Dhabi, wo der Vater bereits als Gastarbeiter angestellt ist. Bei der Passkontrolle am Flughafen gibt es aber noch eine böse Überraschung: Die Behörden wollen Sakor zunächst nicht gehen lassen. Denn wie er bei der Ausreise erfährt wurde er aufgrund seiner geringen Überlebenschancen von der Armee bereits für tot erklärt. Nach langen Verhandlungen erhält er schließlich den erforderlichen Ausreisestempel.

Traum vom Studium geht nach Umwegen in Erfüllung

Mit dem geschafften Abitur hat Sakor nur ein Ziel: Studieren. Bildung in Abu Dhabi ist jedoch enorm teuer und wie hoch die Qualität der Bildung ist, sei ebenfalls fraglich, meint er. Gegen die Vorlage einer Verpflichtungserklärung der Eltern, anstelle einer Kaution von 8000 Euro, erhält er schließlich ein Studentenvisum in Deutschland. Ab Januar 2013 lernt er zunächst neun Monate lang Deutsch in Berlin. Neben einem medizinischen Vorkurs absolviert er anschließend para­llel eine Ausbildung zum Rettungssanitäter. Sein Härtefallantrag für ein Medizinstudium wird aber abgelehnt, da er als Ausländer darauf kein Anrecht hat. Er macht einen Nachtest zur Verbesserung seiner Abitur­note und erreicht den Schnitt von 1,3. Im Oktober 2014 wird sein Traum schließlich wahr - er beginnt mit seinem Studium der Humanbiologie in Marburg.

„Einige meiner Verwandten in Syrien sind an Infektionen gestorben, daher ist es mein Wunsch Menschen zu helfen. Das Medizinstudium ist ein ganz langer Weg und Humanbiologie fand ich letztlich doch noch spannender. Vielleicht kann ich später in der Medikamentenentwicklung arbeiten“, erklärt er seine Motivation. Auch wenn er bei einigen Leuten Angst und Distanz gegenüber ihm erlebt habe, habe er in Deutschland viele nette und hilfsbereite Menschen kennengelernt. In seinem Semester sei der Umgang untereinander sehr kollegial. Viel Zeit für Freundschaften hat er jedoch nicht.

Neben seinem Studium arbeitet er in Vollzeit als Rettungssanitäter des Deutschen Roten Kreuzes im Flüchtlingscamp in Cappel, um das Studium dadurch zu finanzieren. Bei den Untersuchungen, die er in der Erstaufnahmeeinrichtung vornimmt, begegnet er vielen Menschen, die in ihrer Heimat gefoltert wurden. Während viele seiner medizinischen Kollegen davon erschrocken seien, „ist das für mich nichts Besonderes, denn ich weiß ja, was in Syrien passiert“. Aus den Gesprächen mit den Menschen dort weiß er zu berichten, dass „viele sich langweilen, weil sie den ganzen Tag rumsitzen. Sie fragen mich oft, wie sie schnell Deutsch lernen können und wollen möglichst sofort arbeiten oder studieren“. Durch weniger Bürokratie könnte an dieser Stelle geholfen werden.

„Assad ist genauso ein Terrorist wie der IS“

Was den Einsatz der westlichen Streitkräfte in seiner Heimat angeht, ist er skeptisch. „In diesem Krieg gibt es nicht nur zwei Seiten - das zu beenden, ist sehr schwierig“. Vielmehr hätte der Westen aus seiner Sicht früher eingreifen müssen, um so unter anderem auch die Entstehung des sogenannten „Islamischen Staats“ zu verhindern. Wenn es nun an dessen Bekämpfung gehe, dürfe man nicht vergessen, dass „Assad genauso ein Terrorist ist, wie die Leute vom IS“. Gegen die Islamisten sei es wirkungsvoller „die wirtschaftliche Seite lahmzulegen“. Mache man stattdessen „neue Fehler im Kampf gegen den IS, wird es nur noch schlimmer“.

„Wir Syrer wollen keinen IS, aber wir wollen auch keinen Assad mehr. Wenn wir die Revolution einfach beenden, dann wird er uns von der Opposition einfach auslöschen“, führt er weiter aus. „Wer das liest, kann das alles vielleicht gar nicht glauben. Und weil es Europa nicht so direkt betrifft, wie der IS-Terror, nimmt man das hier gar nicht so wahr. Die Rechnung dafür zahlen aber die Menschen in Syrien“.

Von dem Geld, das er in Deutschland verdient, schickt er regelmäßig etwas an Verwandte. Viele seien in der Türkei oder in Ägypten, andere seien tot. Der IS, der das Gebiet rund um seine Heimatstadt derzeit kontrolliert, habe vier Cousins getötet und vier Cousinen seien dort in Gefangenschaft. Sein Onkel lebe noch vor Ort. „Es tut mir weh zu hören, wie die Situation in meiner Heimat ist. Ich gucke deswegen im Moment keine Nachrichten mehr“, sagt er. Sollte der Krieg eines Tages beendet sein, kann er sich eine Rückkehr nach Syrien vorstellen. „Aber nur dann, wenn ich dort keinen Militärdienst machen muss“.

von Peter Gassner

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