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Stress im Job kostet Milliarden

Arbeitsbelastung Stress im Job kostet Milliarden

Dauerbelastungen im Job zwingen Jahr für Jahr mehr Beschäftigte in die Knie. Der gefühlte Stress hat zugenommen, die ­Belastungen aber unterm Strich nicht.

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Das Telefon klingelt, auf dem Schreibtisch türmen sich die Akten, und die Kollegen wollen auch noch etwas – das sorgt für Stress.

Quelle: Andrea Warnecke

Berlin. „Die Zahlen sprechen eine sehr deutliche Sprache, dass es die Unternehmen ganz konkret angeht“, sagte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen gestern bei Vorstellung des Stressreports 2012. Der Psychostress führe zu Produktionsausfallkosten in Höhe von 5,9 Milliarden Euro und einem Ausfall an Bruttowertschöpfung von 10,3 Milliarden Euro. 41 Prozent der Frührentner arbeiten nicht mehr aufgrund psychischer Störungen. Somit sind seelische Belastungen Ursache Nummer eins für vorzeitigen Ruhestand - das Durchschnittsalter lag bei gerade mal 48 Jahren. Diese Entwicklung ist nicht neu. Denn die Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt auch: Anforderungen und positive Aspekte im Berufsalltag haben sich seit 2005 „auf hohem Niveau“ kaum verändert. Das heißt: Vor allem der gefühlte Stress nimmt zu.

„Leider machen sich noch viel zu wenige Betriebe Gedanken, wie sie ihre Belegschaft vor Stress und Burnout schützen können“, sagte von der Leyen. Gewerkschaften und Arbeitgeber konnten sich gestern nicht auf eine Anti-Stressverordnung einigen. Da Beschäftigte seltener an psychischen Erkrankungen leiden als Arbeitslose, sei es falsch, Stresssymptome vorrangig auf Arbeit zurückzuführen, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt. „Nach allen Untersuchungen haben psychische Störungen nicht zugenommen, sie werden nur häufiger erkannt.“ Der Deutsche Gewerkschaftsbund wirft den Arbeitgebern eine Blockadehaltung vor. Sie hätten auf der Zielgeraden einen Rückzieher gemacht, sagte Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Von der Leyen fordert auch in der Bevölkerung ein Umdenken: „Es ist immer noch leichter über hohen Blutdruck zu sprechen, als über Angstzustände. Das Problem findet aber mitten in der Gesellschaft statt, also müssen wir auch mitten in der Gesellschaft darüber reden.“ Genau dies tut Teresa Enke, Vorstandsvorsitzende der Robert-Enke-Stiftung. Der einstige Nationaltorwart litt unter Depressionen, nahm sich das Leben. „Mein Mann und ich hatten damals keine Möglichkeiten, uns Hilfe zu holen“, erzählt Teresa Enke. Trotz einiger Besserungen, etwa im Leistungssport, gebe es noch immer eine hohe Stigmatisierung. „Dabei kann es jeden erwischen.“

von Maja Heinrich

Drei Fragen an...

Fast die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland beobachtet, dass ihr Stresslevel gestiegen ist. Die Zahl der jährlichen Krankheitstage, durch psychische Erkrankungen, sind seit 1997 um 80 Prozent gestiegen. Jan Eich­staedt, an der Professur für Arbeitspsychologie an der Uni Marburg, fordert ein Umdenken von Arbeitgebern und -nehmern.

OP: Herr Eichstaedt, ist die Arbeitswelt zu stressig geworden, oder halten die Arbeitnehmer nichts mehr aus?

Jan Eichstaedt: Ob die als objektiv bezeichneten Stressfaktoren zugenommen haben, kann ich nicht sagen. Das ist aber auch keine sinnvolle Betrachtungsweise. Stress erleben ist eine sehr subjektive Empfindung. Auch jemand, der keinen Schichtdienst hat oder weniger als 40 Stunden die Woche arbeitet, kann psychisch an Stress erkranken: durch Zusatzbelastungen, wie private Probleme, etwa eine Scheidung oder die Pflege erkrankter Eltern.

OP: Trotzdem haben doch die Bedingungen am Arbeitsplatz einen Einfluss auf das Stresslevel des Arbeitnehmers. Der Produktionsausfall durch psychisch ausgebrannte Mitarbeiter beläuft sich im Jahr auf 26 Milliarden Euro. Was können Arbeitgeber tun?

Eichstaedt: Internationale Studien und auch unsere Erhebungen in Marburg zeigen, dass ­signifikant weniger Mitarbeiter ausbrennen, wenn sie berechtigte Hoffnung auf Hilfe vom Arbeitgeber auch in Problem- oder Notsituationen haben. ­Also ganz konkret zum Beispiel das Angebot, Transportfahrzeuge des Unternehmens für den privaten Umzug nutzen zu dürfen. Oder allgemein ­gesprochen: Je mehr der Arbeitnehmer sich in seiner ganzen ­Persönlichkeit angenommen fühlt und nicht nur als humane Ressource benutzt wird, desto geringer ist der psychische Stress auf der Arbeit. 

OP: Was können Arbeitnehmer selbst tun, um ihr Stresslevel möglichst niedrig zu halten?

Eichstaedt: Ein ganz konkreter Stresskiller ist der Austausch mit Kollegen und das Erleben, dass auch Andere ähnliche oder die gleichen Probleme haben. Man sollte vermeiden, sich dem Arbeitsalltag nach der Manier eines einsamen Wolfes zu stellen. Sport nach der Arbeit ist ein gutes Mittel zum Stressabbau. Wer außerdem achtsam ist und Symptome wie Piepsen im Ohr oder Schwindelanfälle ernst nimmt, kann vielleicht noch rechtzeitig einem bevorstehenden Burnout entgegenwirken.

von Tim Gabel

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