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Strehl unterstützte Hitlers Krieg

Blista Strehl unterstützte Hitlers Krieg

Der erste Blista-Direktor Carl Strehl befürwortete zwar Hitlers Eroberungskrieg, hielt gleichzeitig aber Kontakt zu jüdischen Schülern, die ins Exil ­gegangen waren.

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„Lernen als positiver Prozess“

Blista-Direktor Claus Duncker (von links), Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner und Dr. Wolfgang Form hören Dr. Klaus-Peter Friedrich bei seinem Vortrag zu.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Seit 100 Jahren ist die Blindenstudienanstalt (Blista) nun fester Bestandteil der Universitätsstadt Marburg, ein bemerkenswertes Jubiläum, zu dessen Anlass sich die Schule entschloss, ihrer Geschichte in der NS-Zeit eine Aufarbeitung zukommen zu lassen. Der entsprechende Vortrag am Montag im Rathaus lief parallel zu der Ausstellung „Blickpunkte“ im Schloss, die sich mit der kompletten Geschichte der Blista, von der Gründung als Einrichtung für Kriegsblinde des Ersten Weltkriegs bis heute beschäftigt.

Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach (SPD) bemerkte dazu als Schirmherrin bei der Eröffnung: „Wir sind sehr dankbar dafür, dass die Blista die Ergebnisse der Forscher so öffentlich macht, das ist sicher nicht selbstverständlich. Natürlich gebührt darüber hinaus auch allen besonderer Dank, welche die Ausstellung und diesen Abend ermöglicht haben.“

Auch Carl Strehl, der seit 1927 als erster amtierender Direktor der Blista agierte und nach dem ein Teil der Einrichtung benannt ist, wurde im Zuge der Aufarbeitung kritisch betrachtet.

Der Historiker Dr. Klaus-Peter Friedrich sagte dazu: „Natürlich kommt man an Carl Strehl nicht vorbei. Dazu muss klar gesagt werden, dass er sich einerseits zwar sehr für die Bildung der Blinden, auch der sogenannten Zivilblinden, einsetzte, aber andererseits etwa den Eroberungskrieg Hitlers rückhaltlos unterstützte.

Natürlich ist auch zu bedenken, dass die Schule trotz der starken Stellung der Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs bald unter scharfer Beobachtung durch die auf ,Erbgesundheit‘ bedachten Offiziellen stand. Trotz des Schulgeldes von etwa 1100 Reichsmark jährlich war die Blista zudem in ­jener Zeit zu 40 Prozent von öffentlichen Geldern abhängig, die natürlich zu versiegen drohten.“

Kriegsverbrecher-Forschung

Tatsächlich hielt Strehl, jedoch trotz seiner Kooperation mit der NSDAP während des Zweiten Weltkriegs und auch danach, Kontakt zu jüdischen Schülern, die das Land verlassen mussten. Friedrichs Kollege Dr. Wolfgang Form, der sich auf die Forschung über Kriegsverbrecher spezialisiert hat, ging noch näher auf das Verhältnis des Direktors zur NS-Gesundheitsideologie ein. „Zu dieser Zeit galt der Grundsatz, dass der Volkskörper von Erbkrankheiten auch durch Zwangssterilisation gereinigt werden müsse. Strehl argumentierte dabei als selbst Kriegsblinder, der vom Vorwurf der Unreinheit befreit ist, innerhalb dieser Denkweise. Er betonte, dass auch Blindheit von Zivilisten oft keine erbliche Ursachen habe und seine Schüler nicht schwachsinnig sondern durchaus arbeitsfähig, also - wie er schrieb - rassisch einwandfrei seien.“

Allerdings gibt es mindestens einen Fall, in dem Strehl die „Erbgesundheitsbedenklichkeit“, die einer Schülerin bescheinigt wurde, zumindest mittrug. So riet er davon ab, die Schülerin Emma, die von den Behörden zur Abtreibung im sechsten Monat und anschließender Sterilisation gezwungen worden war, nach den Ferien wieder an der Schule aufzunehmen. Durch ihre ungesetzmäßige Schwangerschaft sei sie ein schlechtes Vorbild und sollte nicht mehr in Kontakt zu den anderen Schülern kommen.

von Marcus Hergenhan

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